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6.2.2008 | Von:
Jan Priewe

Leistungsbilanzdefizit der USA

Empirischer Überblick

Seit 1992 steigt das US-Leistungbilanzdefizit, ausgehend von einem Gleichgewicht, forciert durch eine kräftige reale Aufwertung[3] des US-Dollars gegenüber den Währungen der Handelspartnerländer 1995 - 2002 (vgl. Abb.1 der PDF-Version). Schon in den 1980er Jahren erhöhte sich das Leistungsbilanzdefizit von Null auf ca. 3,5 % von 1982 bis 1987, bedingt durch eine starke Aufwertung des US-Dollar, die nachfolgend durch eine fast 30prozentige Abwertung korrigiert wurde. Auf dem Höhepunkt der Aufwertung (Februar 1985) war der US-Dollar auf DM 3,47 geklettert, bis zum Tiefpunkt im April 1995 fiel er auf DM 1,34. Derartige gewaltige Wechselkursänderungen beeinträchtigen den Außenhandel und die Weltwirtschaft, denn ein zentraler Preis für Handel und Kapitalbewegungen, eben der Wechselkurs, ist sehr instabil. Damit stellt sich die Frage, wie stark der US-Dollar fallen und anderen Währungen spiegelbildlich im Wert steigen müssten, um ein Leistungsbilanzdefizit von rund 6 % des BIP zu korrigieren.

Seit der Asienkrise 1997 haben die Leistungsbilanzüberschüsse Chinas, anderer Schwellenländer, Japans sowie in den letzten Jahren die Überschüsse der Ölförderländer enorm zugenommen (vgl. Abb. 2 der PDF-Version). Dass die Eurozone einen nahezu ausgeglichenen Leistungsbilanzsaldo hat, liegt daran, dass Deutschlands hoher Überschuss von 5,3 % des BIP (2006) statistisch die Defizite vieler anderer europäischer Länder ausgleicht.[4] Was die asiatischen Entwicklungsländer, allen voran China, angeht, so versuchen diese, eine Aufwertung ihrer Währung durch Devisenmarktinterventionen gegenüber dem US-Dollar (durch ein Festkurssystem oder "schmutziges Floating") unter Kontrolle zu halten und so exportgetriebenes Wachstum zu erreichen. China hat einen nahezu festen Wechselkurs zum US-Dollar, der nur innerhalb geringer Margen schwanken darf. Solange in großem Stil US-Dollar durch chinesische Leistungsbilanzüberschüsse (11,7 % des BIP 2007[5]) und Nettokapitalzuflüsse nach China und in andere Schwellenländer fließen, die zum herrschenden Wechselkurs in nationale Währung umgetauscht werden, entstehen hohe Devisenreserven der Zentralbanken. Diese Dollarreserven werden seitens der Zentralbanken vorzugsweise in US-Rentenpapieren angelegt, zunehmend auch in Euro-Staatsanleihen. Auch die japanische Notenbank bemüht sich, eine Aufwertung des Yen zu vermeiden oder sogar eine Abwertung zu erreichen, um das nach der vergangenen Deflation schwache Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Da die Zinsen bereits sehr niedrig sind und die japanische Staatsverschuldung sehr hoch, eignet sich dazu eher eine Wechselkurspolitik der Unterbewertung als eine expansive Geld- und Fiskalpolitik, die auf niedrige Zinsen oder steigende Defizite abzielt. Die Ölförderländer haben infolge der guten Weltkonjunktur seit etwa 1998 steigende Energiepreise realisieren können und legen ihre gewaltig angeschwollenen Leistungsbilanzüberschüsse vorzugsweise in den USA an. Schließlich galt und gilt der US-Dollar als die Weltreservewährung.

Folgende Tabelle macht für das Jahr 2006 deutlich, dass das US-Defizit im Kern durch die Kapitalexporte Chinas, der Ölförderländer, Japans und teilweise auch Deutschlands finanziert wird. Nach Jahrzehnten hoher Leistungsbilanzdefizite trägt selbst Afrika zum weltweiten Kapitalexport in die USA bei, die quasi magnetisch Kapital aus aller Welt anziehen. Auf die USA entfallen ca. 75 % der zusammengefassten Leistungsbilanzdefizite der Welt, während der Anteil Amerikas an der Weltproduktion bei 28 % liegt (2005).[6] Zeitweilig haben die so genannten offiziellen Kapitalexporte der Notenbanken der Überschussländer, die ihre Devisenreserven anlegen, die Hälfte des Nettozuflusses in die USA ausgemacht (47 % im Durchschnitt 2002 - 2006).[7] Die privaten Zuflüsse von Unternehmen, Banken, Pensionsfonds sowie von Privathaushalten folgen Renditeerwartungen. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre war es vor allem die so genannte New Economy, in den vergangenen Jahren waren es eher die boomenden spekulativen Wohnungsbauinvestitionen und entsprechende riskante Wertpapiere, aber es war auch der Wunsch der Anleger nach weiterer internationalen Diversifizierung ihres Wertpapierportfolios.

Der rechte Teil der Tabelle zeigt den hohen Bestand an Währungsreserven Ende 2007, der in den vergangenen zehn Jahren nach der Asienkrise, ausgehend von einem viel niedrigeren Niveau, in den Überschussländern aufgebaut wurde. Die Reserven sprengen alle Maßstäbe, die traditionell von Notenbanken angelegt werden. Sie lassen sich einerseits mit Angst vor erneuten Währungs- und Finanzkrisen erklären, in denen der Wechselkurs mit Dollarverkäufen verteidigt werden könnte, andererseits resultieren sie aus der Anbindung vieler Währungen an den US-Dollar auf einem Niveau, das anhaltende Exportüberschüsse gestattet.

Obwohl die USA, wie erwähnt, das größte Nettoschuldnerland der Welt sind, hielten sich Ausgaben für Zinsen, Dividenden etc. an das Ausland und Einnahmen aus Auslandsvermögen die Waage. Diese ungewöhnliche Balance, die die Kosten der steigenden Nettoauslandsverschuldung de facto auf Null gesenkt hat, beruht vor allem auf zwei Sachverhalten: Das hohe Auslandsvermögen der USA umfasst in höherem Maße als das Vermögen der Ausländer in den USA Direktinvestitionen multinationaler Gesellschaften, die eine deutlich höhere Rendite als Staatsanleihen und Kredite erzielen. Hinzu kommt, dass die Erträge aus Auslandsvermögen häufig in ausländischer Währung entstehen, die mit jeder Abwertung des US-Dollar im Wert zunehmen; umgekehrt sind die Verbindlichkeiten der USA in heimischer Währung fakturiert und damit von Wechselkursänderungen unabhängig.[8] Allerdings hat sich in der Zeit steigender Zinsen die Situation für die USA verschlechtert, so dass die Lasten der Nettoauslandsverschuldung stärker spürbar wurden. Mithin können die hohen und anhaltenden Defizite nicht als nachhaltig in dem Sinne klassifiziert werden, dass die finanzielle Last relativ zum US-Bruttoinlandsprodukt konstant bleibt.

Fußnoten

3.
Eine reale Aufwertung bedeutet, dass eine Währung gegenüber einer anderen um eine Rate teurer wird, die über der Inflationsdifferenz zwischen den Ländern liegt. Dadurch werden für diese Volkswirtschaft die Exporte gedämpft und die Importe billiger, sie verliert also an internationaler Wettbewerbsfähigkeit.
4.
Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Jahresgutachten 2007/8, Bonn 2007, S. 533.
5.
Schätzung des IWF, vgl. IMF, World Economic Outlook, October 2007, S. 236.
6.
Berechnet nach: World Bank, World Economic Indicators 2007, Washington, D. C.
7.
Vgl. Ben S. Bernanke, Global Imbalances: Recent Developments and Prospects. Bundesbank Lecture, Berlin vom 11. September 2007 (www.federalreserve.gov/newsevents/speech/
bernanke20070911a.htm (3. 1. 2008).
8.
Vgl. Alexandra Heath, What explains the US net income balance? BIS Working Paper. Bank for International Settlements, No. 223, January 2007.