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6.2.2008 | Von:
Jan Priewe

Leistungsbilanzdefizit der USA

Ursachen

Einige Beobachter halten das US-Leistungsbilanzdefizit und die zugrunde liegende weltwirtschaftliche Konstellation für einen Ausdruck schwindender Marktkräfte in Zeiten der Globalisierung. Einzelne Länder können heute globale Finanzmärkte in großem Stil nutzen und hohe Leistungsbilanzdefizite auch über längere Phasen finanzieren. So argumentiert beispielsweise Alan Greenspan, ehemaliger Chef der amerikanischen Notenbank Federal Reserve, dass das US-Defizit das große Vertrauen der Welt in die Kreditwürdigkeit und Solidität der amerikanischen Volkswirtschaft signalisiere; daher seien politische Korrekturen nicht nötig.[9] Auch sein Nachfolger Ben Bernanke sieht das Problem gelassen.[10] Er diagnostiziert eine weltweite (allerdings außerhalb der USA liegende) Schwemme an Ersparnissen ("saving glut"), vor allem in Asien, die sich die USA nutzbar machen. Dies hätte zu relativ niedrigen Zinsen weltweit geführt und so die Weltwirtschaft angekurbelt. Als wichtigste Ursachen des "Sparbooms" sieht er die Wechselkurs- und Fiskalpolitik asiatischer Länder nach der Asienkrise, die Währungsaufwertungen gegenüber dem US-Dollar vermeiden wollen und Budgetdefizite reduziert haben. Hinzu komme ein hohes Maß an Vorsichtssparen privater Haushalte, insbesondere in China. Schließlich lassen die Ölpreissteigerungen die Leistungsbilanzüberschüsse der Ölförderländer explodieren. Damit liegen die Ursachen des US-Defizits in erster Linie bei den Überschussländern, nicht in den USA selbst, so Bernanke. Zwar seien die derzeitigen Defizite nicht dauerhaft tragbar, aber eine allmähliche Marktkorrektur sei zu erwarten.

Auch Michael P. Dooley, David Folkerts-Landau und Peter M. Garber sehen die Ursachen des US-Defizits bei den Überschussländern.[11] Das gegenwärtige System der Ungleichgewichte wird als relativ stabil und wachstumsförderlich für die Weltwirtschaft gehalten, als eine Art inoffizielle Neuauflage des Weltwährungssystems von Bretton Woods ("Bretton-Woods II"), das Anfang der 1970er Jahre zusammenbrach.[12] Die Autoren argumentieren, dass es nach der Asienkrise eine Reihe von asiatischen Entwicklungsländern gibt, allen voran China, die ihre Währung durch relativ feste Koppelung an den US-Dollar stabilisieren wollen und eine gezielte Unterbewertung vornehmen, um exportorientiertes Wachstum zu fördern. Dies wird auch als Garantie für den Zustrom ausländischer Direktinvestitionen angesehen, die in diesem Wachstumsmodell notwendig sind. Die dadurch entstehenden Währungsreserven der Zentralbanken werden in den USA angelegt. Auf der anderen Seite gibt es eine Gruppe von Ländern mit flexiblem Wechselkurs gegenüber der US-Währung (z.B. in Europa), aus denen an- und abschwellende private Kapitalströme in die USA fließen, beispielsweise während des new economy-Booms Ende der 1990er Jahre. Gehen die privaten Ströme in die USA zurück, sind es die offiziellen Ströme (Währungsreserven der Notenbanken), die das System stabilisieren, so dass kein weiterer politischer Korrekturbedarf gesehen wird.

Die meisten Beobachter teilen diese optimistischen Auffassungen jedoch nicht. Sie sehen vielmehr die Ungleichgewichte als nicht nachhaltig an und fordern politische Korrekturen. Maurice Obstfeld beispielsweise betrachtet das US-Leistungsbilanzdefizit als globales Problem, das zu einer "harten Landung" mit abrupten Wechselkursanpassungen führen kann.[13] Es sei nicht vergleichbar mit früheren Phasen von moderaten Leistungsbilanzdefiziten, die wachstumsstimulierend wirkten. Auch im "goldenen Zeitalter" des Bretton-Woods-Systems hatten die USA nur in wenigen Jahren leichte Defizite.

Der deutsche Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, der das US-Defizit ebenfalls kritisch sieht, diagnostiziert als wichtigste Ursache eine zu expansive, also konjunkturstimulierende Geld- und Fiskalpolitik in den USA, die wie ein globales Konjunkturprogramm wirke, verstärkt durch die außenhandelsorientierte Wechselkurspolitik asiatischer Länder und die hohen Leistungsbilanzüberschüsse der Ölförderländer.[14] Mit relativ niedrigen Zinsen und ab 2001 hohen Budgetdefiziten hätten US-Notenbank und US-Regierung zunächst den Boom von 1995 bis 2000 gefördert, dann die Rezession 2001/2 abgefedert. Einerseits hätte das Haushaltsdefizit somit zum Leistungsbilanzdefizit beigetragen ("Zwillingsdefizit"), weil so mehr importiert wurde, andererseits hätte die Geldpolitik vor allem den Wohnungsbau und den privaten Konsum so massiv gefördert, dass ausländische Finanzierungsmittel gebraucht würden, weil die nationalen Ersparnisse zu gering seien. Wenn diese Diagnose richtig ist, dann wäre freilich ein deutlich schwächeres Wachstum der USA und der Weltwirtschaft in den vergangenen zehn Jahren die Folge gewesen. Bei stärker steigenden US-Zinsen und etwas zurück gehenden Budgetdefiziten in den letzten Jahren werde sich die Situation aber wieder entspannen, so der Sachverständigenrat.

Besonders in den USA ist die Haltung weit verbreitet, in der chinesischen Wechselkurs- und Handelspolitik den Hauptschuldigen zu sehen. In der Tat gehen ca. 30 % des Handelsdefizits der USA auf den US-China-Handel zurück (2006). Der für 2007 geschätzte Leistungsbilanzüberschuss Chinas von 11,7 % des BIP scheint diese Position zu bestätigen. Dennoch ist die Fokussierung auf China übertrieben:

  • Chinas Außenhandelsüberschüsse waren gering, erst in den letzten Jahren sind sie extrem gestiegen.
  • Der enorme Anstieg der Devisenreserven Chinas kam, abgesehen von den Handelsüberschüssen der letzten Jahre, in erster Linie durch die Nettokapitalzuflüsse infolge der ausländischen Direktinvestitionen zustande, er ist nicht Ausdruck der Handelspolitik.
  • Gegenüber vielen regionalen Nachbarländern hat China ein Leistungsbilanzdefizit - China ist über Wertschöpfungsketten mit diesen asiatischen Ländern verbunden; da die Fertigungstiefe chinesischer Exporte recht gering ist (hoher Importgehalt der Exporte), bedürfte es vermutlich einer extrem starken Aufwertung des chinesischen Renminbi, um eine spürbare Wirkung auf die Exporte in die USA zu haben.
  • Obwohl der Euro deutlich gegenüber dem Renminbi aufgewertet hat, hat Europa viel geringere Handelsdefizite mit den USA - offenbar hat sich Europa im industriellen Strukturwandel mit Schwellenländern im Durchschnitt besser auf den globalen Wettbewerb eingestellt als die USA. Dies verweist auf industriepolitische Anpassungsdefizite in Amerika.
  • Der einseitige Blick auf China verdeckt die ähnliche Rolle vieler anderer Entwicklungsländer und blendet die Außenhandelspolitik Japans völlig aus.

    Eines ist bei aller Komplexität der Ursachen klar: Das US-Leistungsbilanzdefizit ist nicht allein ein Problem der USA, denn viele Akteure sind beteiligt. Hintergrund des Problems ist, dass die Globalisierung der Finanzmärkte die Finanzierung selbst riesiger Leistungsbilanzdefizite über längere Zeiträume möglich gemacht hat. In den meisten Fällen von Entwicklungs- und Schwellenländern, in denen sich Leistungsbilanzdefizite aufgebaut haben, die durch private Anleger finanziert wurden, kam es früher oder später zu heftigen Währungskrisen, die mit der Wechselkursanpassung (Abwertung) zu umfassenden Finanzkrisen und schweren Rezessionen ausarteten wie im Fall der Asienkrise 1997. Allerdings haben die USA im Gegensatz zu den meisten Entwicklungsländern die Möglichkeit, sich in eigener Währung zu verschulden, die als Weltreservewährung anerkannt ist.[15] Wenn sich jedoch die Finanzinvestoren der ganzen Welt sowie die Notenbanken der Überschussländer entscheiden, Finanzanlagen zulasten des US-Dollars und zugunsten anderer wichtiger Währungen wie des Euro umzuschichten, können abrupte Erschütterungen der Wechselkurse erfolgen.

    Das Grundproblem ist, dass die Art und Weise, wie Märkte Leistungsbilanzungleichgewichte korrigieren können, hochgradig unsicher ist: Es kann allmählich oder abrupt als "harte Landung" erfolgen. Hinzu kommt, dass die globalen Ungleichgewichte nicht nur ein Marktergebnis sind, sondern auch ein Resultat nationalstaatlicher Wirtschaftspolitik. Die wichtigsten wirtschaftspolitischen Akteure, nämlich die Regierungen und Zentralbanken der USA, Japans, Chinas sowie der Ölförderländer, orientieren sich vorrangig an ihren nationalen Interessen. Keiner nimmt die Verantwortung für eine konsistente, wachstums- und entwicklungsorientierte globale Währungs- und Finanzordnung wahr, entsprechende supranationale Institutionen sind zu schwach oder der Politik einzelner Länder untergeordnet. In der Vergangenheit gab es aufgrund der hegemonialen Position der USA eine einfache Lösung: Die USA haben Wechselkursschwankungen, von Ausnahmefällen abgesehen, ignoriert, Leistungsbilanzdefizite akzeptiert und eine expansive Geld- und Fiskalpolitik betrieben. Nun läuft dieser Kurs aus dem Ruder, die Welt hat mehrere ökonomische und politische Pole bekommen, und es gibt den Euro als eine zweite Weltreservewährung, gewissermaßen im Wartestand. Insofern ist die letzte Ursache der Probleme ein durch die Globalisierung entstandenes institutionelles Vakuum: ein Mangel an organisierter Koordination.

  • Fußnoten

    9.
    Vgl. Alan Greenspan, Evolving U.S. Payments Imbalance and Its Impact on Europe and the Rest of the World, in: Cato Journal, 24 (Spring-Summer 2004), S. 1 - 11.
    10.
    Vgl. B. S. Bernanke (Anm. 7).
    11.
    Vgl. Michael P. Dooley/David Folkerts-Landau/Peter M. Garber, An Essay on the Revived Bretton Woods System, NBER Working Paper 9971, September 2003.
    12.
    Das Bretton-Woods-System (1944 - 1973) war ein System fester, aber anpassungsfähiger Wechselkurse gegenüber dem US-Dollar, der in Gold eintauschbar war.
    13.
    Vgl. Maurice Obstfeld, America's Deficit, the World's Problem. Center for International and Development Economics Research, Paper C05 - 144, 1. 6. 2005.
    14.
    Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Jahresgutachten 2006/7, Bonn 2006, S. 108 - 162.
    15.
    Wenn ein Land indessen in fremder Währung, z.B. in US-Dollar, verschuldet ist, führt eine Abwertung dazu, dass die in heimischer Währung berechnete Auslandsverschuldung steigt.