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6.2.2008 | Von:
Hansjörg Herr

Das chinesische Wechselkurssystem

Struktur der Kapitalströme

Direktinvestitionen dominieren die chinesischen Kapitalimporte. Sie waren in den 1980er Jahren unbedeutend, stiegen jedoch Anfang der 1990er Jahre stark an. Direktinvestitionen sind die einzige Art von internationalen Kapitalströmen, die sich in China seit Anfang der 1990er Jahre marktmäßig entwickeln konnten. Zwar gibt es Bereiche, die auch für ausländische Direktinvestitionen in China verschlossen sind, und bis Anfang dieses Jahrzehnts waren in China nur Joint Ventures ohne ausländische Mehrheitsbeteilung möglich, jedoch hat China eines der offensten Regime für Direktinvestitionen der Welt. Denn in den Industrieländern werden High-Tech-Sektoren mit dem Argument militärischer Sicherheit oder nationaler Unabhängigkeit von ausländischen Beteiligungen geschützt.[14] In letzter Zeit nahmen die chinesischen Direktinvestitionen im Ausland kräftig zu. Sie stiegen von einem Niveau von in der Regel deutlich unter fünf Mrd. US-Dollar jährlich im Jahre 2005 erstmals auf einen zweistelligen Milliardenbetrag und dann auf Werte um 20 Mrd. US-Dollar. Portfolioinvestitionen von Privatpersonen sind von und nach China weitgehend verboten, jedoch von ausgewählten institutionellen Investoren in steigendem Umfang seit einigen Jahren erlaubt. Bei den Portfolioinvestitionen nahmen die Zu- und Abflüsse die letzten Jahre kräftig zu, das Nettovolumen verharrt auf moderatem Niveau. Die Aktivitäten der chinesischen Staatsfonds haben 2006 erstmals zu kräftigen Abflüssen geführt. Internationale Kredite und ausländische Bankeinlagen, die wichtigsten Posten bei den anderen Kapitalströmen, sind in China ebenfalls strikt reguliert. Nach der Asienkrise im Jahre 1997 stieg die ausländische Kreditaufnahme Chinas kurzfristig an, wurde dann jedoch wieder zurückgeführt. Die Auslandsschuld Chinas ist mit unter 300 Mrd. US-Dollar oder etwa 13 Prozent am BIP angesichts der hohen Devisenreserven gering. Insgesamt funktionierten die Kapitalverkehrskontrollen in China, obwohl illegale Kapitalströme nicht gänzlich zu unterbinden waren.[15]

Die Kapitalverkehrskontrollen haben in China ohne Zweifel die Struktur der Kapitalströme positiv beeinflusst. Ausländische Direktinvestitionen, die in der Tendenz langfristig orientiert sind und für ein Land positive Technologieeffekte etc. bewirken können, dominierten den Kapitalzufluss nach China. In der Regel kurzfristig orientierte und instabile Portfolioinvestitionen sowie ausländische Kreditaufnahmen, die auch für China nur in ausländischer Währung erfolgen können und damit ein Währungsrisiko der chinesischen Schuldner implizieren, konnten begrenzt werden.

Die Kontrolle des grenzüberschreitenden Kapitalverkehrs brachte für China einen weiteren Vorteil. Üblicherweise muss die Geldpolitik in Entwicklungsländern den Wechselkurs stabilisieren und der Zinssatzentwicklung auf dem Weltmarkt folgen. Denn selbst bei einem formell flexiblen Wechselkursregime müssen Zentralbanken in Entwicklungsländern starke Wechselkursschwankungen verhindern. Insbesondere massive Abwertungen können nicht hingenommen werden, da dies bei hoher Auslandsverschuldung in fremder Währung die Schuldenlast im Inland explodieren lässt, inflationäre Prozesse anstoßen kann oder den Lebensstandard der inländischen Bevölkerung senkt. Der Zwang der Wechselkursstabilisierung kann zu Geldpolitiken führen, die für das Inland zu restriktiv oder zu expansiv sind. China hat dieses Problem teilweise durch Kapitalverkehrsregulierungen gelöst, teilweise, wie ausgeführt, durch Devisenmarktinterventionen der Zentralbank. Bis heute konnte die Geldpolitik in China in erster Linie binnenwirtschaftlichen Erfordernissen folgen.

Fußnoten

14.
Vgl. Eswar Prasad/Shang-Jin Wei, The Chinese Approach to Capital Inflows. IMF Research Department, Washington, D. C. 2005.
15.
Vgl. Hansjörg Herr, Capital Controls and Economic Development in China, in: Philip Arestis/De Paule (eds.), Financial Liberalisation and Economic Performance in Emerging Markets, Cheltenham 2008, S.142-172.