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6.2.2008 | Von:
Hansjörg Herr

Das chinesische Wechselkurssystem

Reformen des chinesischen Wechselkursregimes

Die chinesische außenwirtschaftliche Entwicklungsstrategie war in verschiedener Hinsicht erfolgreich. Sie nutzte Exporte nicht nur als Motor zur Schaffung inländischer Nachfrage und Produktion, sie verhinderte auch, dass China aufgrund von Leistungsbilanzdefiziten und destabilisierenden ausländischen Portfolioinvestitionen und Kreditaufnahmen wie so viele andere Entwicklungsländer in eine außenwirtschaftliche Überschuldungsposition geriet. Die Abwesenheit von Währungskrisen und ausländischer Überschuldung ist für die Entwicklung eines Landes von herausragender Bedeutung. Dank der Regulierung des grenzüberschreitenden Kapitalverkehrs war China offensichtlich in der Lage, die Vorteile der Globalisierung zu ernten und die Nachteile zu vermeiden.

China ist jedoch aufgrund seiner hohen Überschüsse in der Leistungsbilanz zu einem Störfaktor der Weltwirtschaft geworden und entwickelt sich auf Kosten anderer Länder. Zwar erlauben in diesen Ländern die günstigen chinesischen Importe einen höheren Konsum, jedoch führt kein Weg daran vorbei, dass dieser Vorteil mit geringerem Wachstum und geringerer Beschäftigung bezahlt wird. Sollten sich die Überschüsse nicht reduzieren, dann ist nicht auszuschließen, dass hauptleidtragende Länder wie die USA administrative Maßnahmen zur Reduzierung chinesischer Importe einleiten werden. Zudem ist für eine so große Ökonomie wie China die weltwirtschaftliche Abhängigkeit aufgrund des hohen Anteils der Exporte am BIP gefährlich hoch. Eine stärker binnenwirtschaftlich orientierte Entwicklung, basierend auf einer höheren inländischen Konsumtion, wäre auch für China vorteilhaft. Ein Abbau der hohen Leistungsbilanzüberschüsse ist somit aus externen und internen Gründen für China empfehlenswert.

Es gibt kein Zweifel daran, dass der RMB unterbewertet ist und eine weitere Aufwertung angestrebt werden sollte. Allerdings sollte man von China keine radikale sprunghafte Aufwertung seiner Währung verlangen, denn dies würde die Gefahr beinhalten, dass China von seinem bisher erfolgreichen Entwicklungspfad abkommt. Eine weiterhin kontinuierliche und sich entsprechend der außenwirtschaftlichen Entwicklung beschleunigende Aufwertungen des RMB stellt somit den prinzipiell richtigen Weg dar. Das in den letzten Jahren überdurchschnittliche Wachstum und die ansteigende Inflationsrate in China unterstützt zudem den Prozess des Abbaus des Überschusses. Denkbar ist zudem eine Exportsteuer in China, die schnell eingeführt und den Entwicklungen flexibel angepasst werden kann.[16] Ob China jedoch aus eigenen Stücken die hohen Leistungsbilanzüberschüsse schnell reduzieren wird, darf bezweifelt werden.

China folgt einem Wechselkursregime des Managed Floating Plus, wobei das Plus durch massive Devisenmarktinterventionen der PBoC und Kapitalverkehrsregulierungen den Wechselkurs stabilisiert und Leistungsbilanzüberschüsse konserviert. Devisenmarktinterventionen stellen einen zentralen Baustein der Außenwirtschaftspolitik Chinas dar und sichern das exportorientierte Wachstumsmodell ab. Würde China seinen Wechselkurs den Marktkräften überlassen, dann würde dies das Wachstum in China deutlich abschwächen. Es ist genau diese Befürchtung, die China vor einer massiven Aufwertung seiner Währung zurückschrecken lässt. Denn hohes Wachstum wird zur Verhinderung der Eskalation der Arbeitslosigkeit und der ohnehin steigenden sozialen Spannungen aufgrund der zunehmenden Ungleichheit der Einkommens- und Vermögensverteilung als notwendig erachtet. Die moderate Aufwertung des RMB ab 2005 stellt ein begrenztes politisches Zugeständnis dar. Es ist zu vermuten, dass China aufgrund seiner binnenwirtschaftlichen Situation schwerlich zu einer Wechselkurspolitik zu bewegen ist, welche die Leistungsbilanzüberschüsse schnell abschmelzen lässt.

Ein Währungssystem des Managed Floating Plus ist, wenn die Leistungsbilanzüberschüsse nicht zu groß werden, nicht nur für China funktional und entwicklungsfördernd. Es kann als Vorlage für andere Entwicklungsländer gelten. In der Tat folgen nach dem Schock der Asienkrise im Jahre 1997 eine Reihe von Entwicklungsländern einer solchen Strategie, zumindest, was Devisenmarktinterventionen und die Verhinderung von Leistungsbilanzdefiziten angeht.

Aus Entwicklungsperspektive wünschenswerte moderate Überschüsse der Gruppe der Entwicklungsländer sind nur möglich, wenn die Gruppe der Industrieländer Leistungsbilanzdefizite akzeptiert. Japan und Deutschland konnten sich bisher nicht mit einer solchen Politik anfreunden und frönen nach wie vor einer merkantilistischen Strategie zur Erzielung von Leistungsbilanzüberschüssen. Während der Wirtschaftswunderjahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg war diese erfolgreich, brachte jedoch für beide Länder während des vergangenen Jahrzehnts nicht die erhofften Wachstum- und Beschäftigungseffekte.[17] Ein Abbau der Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands und Japans ist somit ebenso dringend notwendig wie ein Abbau in China.

Die Weltwirtschaft leidet an einer Unterregulierung. Die vergangenen Jahrzehnte zeigen, dass flexible Wechselkurse und freier internationaler Kapitalverkehr nicht zum Ausgleich der Leistungsbilanzen führen, sondern zu Wechselkursturbulenzen und gigantischen Leistungsbilanzungleichgewichten. Hinzu kommen Länder wie China, die mit weitreichenden wirtschaftspolitischen Regulierungen Leistungsbilanzüberschüsse erzwingen. Was fehlt, ist eine weltweite Koordinierung sowohl der internationalen Kapitalströme, der Wechselkurse als auch der Leistungsbilanzsalden. In einer unkoordinierten Welt ist die Versuchung groß, dass sich einzelne Länder auf Kosten andere entwickeln wollen. China ist ein Beispiel dafür, Deutschland und Japan sind andere Beispiele. Es spricht wenig dafür, dass China in einem solchen Umfeld freiwillig auf exzessive Überschüsse verzichten wird.

Fußnoten

16.
Vgl. Lawrence Lau/Joseph E. Stiglitz, China's Alternative to Revaluation, in: The Financial Times vom 25. 4. 2005.
17.
Vgl. Micheal Heine/Hansjörg Herr/Cornelia Kaiser, Wirtschaftspolitische Regime westlicher Industrieländer, Baden-Baden 2006.