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18.1.2008 | Von:
Irmhild Saake

Gegenwarten des Todes im 21. Jahrhundert - Essay

Auf der Grundlage einer biographischen Studie zu Todesbildern wird gezeigt, wie sehr unsere Rede über den Tod einer konkreten Gegenwart zu verdanken ist, in der man gerade nicht stirbt. Willensäußerungen zum eigenen Sterben sind deshalb zu relativieren.

Einleitung

Wenn wir heute über den Tod reden, so findet das zumeist in einer Gegenwart statt, in der jetzt - in der Situation des Gesprächs oder des Lesens oder Schreibens - niemand stirbt. Überall sterben gerade Menschen, nicht jedoch diejenigen, die darüber reden. Dieser Unterschied erscheint zunächst banal, aber er ist sehr folgenreich, wenn es um die Frage danach geht, wie wir uns zu unserem eigenen Tod verhalten können bzw. welche Bilder vom Tod wir uns machen.






Thomas Macho hat die gegenwärtige Debatte über den Tod mit seinem Begriff der Todesmetaphern ganz entscheidend geprägt.[1] Gerade weil wir über die Erfahrung des Todes als Noch-nicht-Gestorbene nicht kompetent mitreden können, entwickeln wir Metaphern, die uns erlauben, diese Wissenslücke zu überbrücken. Im Unterschied zu den philosophischen Überlegungen von Macho setzt eine soziologische Perspektive an der alltäglichen Praxis an und fragt nach Mustern, nach Strukturen, nach Bildern, an denen wir uns orientieren, wenn wir über den Tod reden.

Solche Todesbilder zu untersuchen, war dasThema eines großangelegten DFG-Forschungsprojekts unter der Leitung von Armin Nassehi und Georg Weber, in dem 150 Interviews - zur einen Hälfte mit Experten, zur anderen mit mehr oder weniger betroffenen Menschen - geführt wurden. Als im Jahr 2000 die Kontaktaufnahme zu potentiellen Interviewpartnerinnen und -partnern begann, stand zunächst die Befürchtung im Vordergrund, dass die Meisten über dieses Thema nicht würden reden wollen. Diese Sorge erwies sich schon bald als unbegründet. Umso interessanter ist es nun zu schauen, worüber eigentlich problemlos in solchen Interviews gesprochen wird. Die Muster, für die sich Soziologen interessieren, lassen sich in diesem Fall am besten in der Unterscheidung von drei Gruppen von Erzählungen abbilden.

Eine erste Gruppe von sehr sicheren und flüssigen Erzählungen handelt eigentlich nur vom Tod anderer, davon, dass einen selbst der Tod nicht betreffen kann. Die unsicheren Erzählungen der zweiten Gruppe beschäftigen sich mit dem eigenen zukünftigen Tod und fragen, wie man selbst sterben wird, welche Figur man dabei abgeben und ob man etwas Neues über sich erfahren wird. Hier geht es um den eigenen Tod, den man im Sterben sozusagen überlebt. In der dritten Gruppe von Erzählungen finden wir Sätze von Menschen, die über dieses Thema nicht so gerne reden, weil sie bereits mit dem eigenen Tod durch eine Krankheit konfrontiert worden sind. Hier finden wir aber auch Interviewpartner, die sich offenbar nur vorstellen, dies könne passieren, und die sich fragen, wie dies ihrer Familie schaden wird. Was sie sagen wollen, woran sie aber nicht denken möchten, müsste einen Alltag beschreiben, in dem ihre kleinen Kinder ohne Mutter, ihre Angehörigen ohne sie, der Partner alleine zurechtkommen müssten - und zwar jetzt sofort.

Als Ergebnis dieser Studie lässt sich Folgendes zusammenfassen: Dass wir alle sterblich sind, wissen wir wohl, aber ob es sich auch als biographische Wahrheit in unseren Erzählungen, in unserem Alltag niederschlägt, hängt davon ab, wie wir vom Tod betroffen sind. Wir sind es nicht alle gleichermaßen. Die Antworten, die wir in unseren eigenen Sätzen finden, haben mehr mit unserer mehr oder weniger betroffenen Gegenwart als mit dem Befund der Sterblichkeit an sich zu tun. Wir lösen im Erzählen, im Gespräch, im Interview Probleme, die wir jetzt haben, und wir finden Antworten, die jetzt im Gespräch des Interviews funktionieren. Mit dem Tod sind wir nicht in einer gemeinsam geteilten Gegenwart konfrontiert, sondern in vielen verschiedenen Gegenwarten.

Wie sehr wir an die Idee eines gemeinsamen Todesbewusstseins glauben, also daran, dass wir uns jetzt unseren eigenen Tod vergegenwärtigen können, lässt sich beispielhaft an unseren Daten verdeutlichen: Ein Ethikprofessor versucht im Interview die Asymmetrie zwischen einem sterbenden Angehörigen und sich selbst aufzuheben, indem er sich vorstellt, wie alle seine Handlungen zu letzten Handlungen werden. Im Gegensatz dazu überrascht sich ein Gerichtsmediziner im Interview selbst, weil er sich - im Moment des Interviews - sehr über den gerade entdeckten Verlust von Datenmaterial aufregt, obwohl er doch gerade noch der Interviewerin erzählt hatte, dass das Wissen vom Tod zu einem größeren Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit und zur Relativierung des Alltags führe.

Dieser schlichte Befund einer Rede über den Tod, die vor allem für die Gegenwart gemacht ist, hat große Auswirkungen, wenn man sich fragt, wie man den Wünschen von Sterbenden gerecht werden kann. Kann man sie vorher dazu befragen? Welchen Stellenwert haben diese Antworten, wenn sie in einer anderen Gegenwart formuliert werden als der, in der sie gelten sollen? Immerhin geht es bei diesem Thema nicht um die Wahl eines Arbeitsplatzes oder einer Partei, sondern um das Ende des Lebens.

Die hier beschriebene Biographisierung des Sterbenden ist eng verbunden mit dem modernen Diskurs der Bioethik. Die Entstehung neuer medizinischer Techniken, deren Resultat unter anderem eine Verlangsamung von körperlichen Abläufen wie dem Sterben darstellt, hat gleichzeitig auch zur Einführung von Reflexionszeiten, zum Auseinandertreten von verschiedenen Gegenwarten - der des Sterbenden, der der Angehörigen und der der Pflegenden - geführt. Armin Nassehi spricht - um uns dieses Ausmaß an Ungleichzeitigkeiten vor Augen zu führen - von einer Gesellschaft der Gegenwarten.[2]

Was nun in diesen Gegenwarten des Sterbens passiert, kann diskutiert, kann beobachtet, evaluiert, entschieden werden. Ich zitiere aus einer sehr typischen Studie, um zu zeigen, wie das klingt: "Eine Befragung von Pflegenden über den Sterbeprozess von terminal kranken nicht-dementen Menschen, die willentlich jegliche Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme verweigerten, zeigte, dass 85 % der Patienten innerhalb von 2 Wochen verstarben. Auf einer Skala zur Qualität des Sterbens (0 = sehr schlechtes Sterben, 9 = sehr gutes Sterben) wurde der Sterbeprozess von den zuständigen Pflegenden mit einem mittleren Score von 8 bewertet. Diese Beobachtungen unterstützen die Hypothese, dass ein Verzicht auf künstliche Flüssigkeitszufuhr das Sterben in physiologischer Weise erleichtert."[3] Der "schöne Tod" erscheint hierbei als ein Produkt einer Rating-Skala. Er kann plötzlich oder erwartbar, mit oder ohne Technik eintreten; wichtig ist immer nur, dass er als Resultat eines konsensuellen Verständigungsprozesses zur Biographie des Sterbenden auftritt. Man muss hinterher sagen können, dass es gut war, weil der Sterbende so sterben konnte, wie er wollte.

Obwohl also die biographische Selbstvergewisserung zunächst wenig Anlass gibt zu glauben, dass wir uns auf unsere eigenen Willensäußerungen verlassen können, orientieren sich alle Beteiligten - und diese Gruppe wird mit der Einbeziehung der Angehörigen immer größer - zunehmend an einem biographisch hergestellten Bild des Todes, das vor dieser Öffentlichkeit aller am Sterben Beteiligten bestehen können muss.

Verdeutlichen sollen diese Sätze, wie anspruchsvoll unsere Anforderungen an das moderne Sterben geworden sind. Es war einfach zu kritisieren, dass das Sterben tabuisiert wird, aber nachdem es nun tatsächlich fast schon öffentlich stattfindet, kann man sehen, wie schwierig es ist, sich selbst seinen individuellen Tod zu bereiten. Eine Konsequenz unserer eigenen Studie könnte sein zu empfehlen, all diese unterschiedlichen Gegenwarten, in denen wir über das Sterben reden, zunächst als unterschiedliche Kontexte zu sehen. Ob ein Sterbender all diese Kontexte - das eigene Erleben seines gesamten Lebens, seine Situation als körperlich schwerkranker Mensch, seine Positionierung im Hinblick auf religiöse Fragen, den Blick seiner Angehörigen auf sich selbst, sein Verhältnis zu den Pflegekräften usw. - als Sterbender zusammenführen möchte, ist vielleicht eher eine Frage einer alltäglichen Lebenspraxis als eine solche der individuellen Persönlichkeit, der man gerecht werden möchte.

Fußnoten

1.
Vgl. Thomas Macho, Metaphern des Todes, Frankfurt/M. 1987; Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Essay von Thomas Macho in diesem Heft.
2.
Vgl. Armin Nassehi, Geschlossenheit und Offenheit. Studien zu einer Theorie der modernen Gesellschaft, Frankfurt/M. 2003, S. 81.
3.
Roland Kunz, Palliative Care für Patienten mit fortgeschrittener Demenz: Values Based statt Evidence Based Practice, in: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 36 (2003) 5, S. 355 - 359. Vgl. auch die anderen Beiträge in diesem Heft.