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18.1.2008 | Von:
Ludger Fittkau
Petra Gehring

Zur Geschichte der Sterbehilfe

Forderungen nach einem "Recht auf den Tod" zielten stets auch auf den Nutzen für Gesellschaft und Staat. "Private" Autonomie im Sterben und ökonomisch ermittelter "Lebenswert" sind im 'modernen' Sterbehilfediskurs bis heute zwei Seiten einer Medaille.

Einleitung

Die Euthanasie oder die Kunst den Tod zu erleichtern - so lautet der Titel eines Buches, das 1835 in Berlin erschien. Es stammt aus der Feder von Karl Ludwig Klohss, "der Medizin und Chirurgie Doctor, Land-Physikus und praktischer Arzt zu Zerbst". Im Text entwickelt Klohss, was er selbst eine "Lehre der Euthanasie" nennt - mit sechs zentralen Punkten. Diese umfassen die sichere Todesfeststellung samt ordentlichem Begräbnis, ein angenehmes Sterbeambiente und die effektive Schmerzbekämpfung. Auch der "Trost der Religion" solle gewährleistet sein. Die erste Forderung aber lautet: "Dahin strebe, die Menschen nicht vor der Zeit und so viel wie möglich am natürlichen Tode im engern Sinne sterben zu lassen."[1]








Das Euthanasieverständnis, das Klohss formuliert, schließt Tötungshandlungen eindeutig aus. Klohss verweist auch auf die bekannten Sätze des berühmten Mediziners Christoph Wilhelm Hufeland: Töteten die Ärzte, so würden sie "die gefährlichste Menschenklasse im Staate, die gefährlichsten Giftmischer", vor denen man nichts sichern könne.[2]

Hufeland und Klohss stehen für die Position der "Euthanasia medica"[3] - einer Bewegung aufgeklärter Ärzte, die seit Ende des 18. Jahrhunderts das Sterben erleichtern, Schmerzen und Todesangst durch Medikamente oder auch durch die Gabe von Opium lindern wollen. Tötungshandlungen werden in dieser Zeit nicht nur von Ärzten ethisch verworfen, sondern auch das Allgemeine Preußische Landrecht (ALR) von 1794 ist eindeutig: "Wer einen Andern auf dessen Verlangen tödtet, oder ihm zum Selbstmorde behülflich ist, hat 6 bis 10jährige, und bei einem überwiegenden Verdachte, den Wunsch nach dem Tode bei einen Getödten selbst veranlaßt zu haben, lebenswierige Festungs- oder Zuchthausstrafe verwirkt", heißt es in Paragraph 834.

Der Geist der "Euthanasia medica" - also einer Hilfe beim Sterben ohne aktive Tötungshandlung - bleibt bis Mitte des 19. Jahrhunderts diskursbestimmend.

Der Gedanke an ein staatlich, das heißt durch ein gesetzliches Verfahren, institutionalisiertes Angebot einer Hilfe nicht im, sondern zum Sterben - einer Sterbehilfe (die innerhalb oder außerhalb der Medizin) in bestimmten Standardsituationen regulär verordnet und vollstreckt oder aber privat nachgefragt werden kann - ist also eine junge Errungenschaft. Aktive Sterbehilfe unter staatlicher Ägide setzt den modernen Rechtsstaat und eine professionalisierte Wohlfahrtsmedizin voraus.

Ein relevanter öffentlicher Diskurs über "Tötung auf Verlangen" oder "Suizidbeihilfe" durch Ärzte oder Laien entsteht kurz vor Ende des 19. Jahrhunderts. Ältere, malthusianische Motive (die Schwachen sind eine ökonomische Belastung) und jüngere, eugenische Motive (bestimmte Individuen sind erbbiologisch unerwünscht) mischen sich. Es entstehen sozialplanerische Konzepte, die Kranke und Behinderte als Hindernis auf dem Weg zur gesundheitspolitisch optimierten Gesellschaft betrachten. Nicht erst im Nationalsozialismus, sondern bereits am Ende des 19. Jahrhunderts werden so das individuelle Verlangen eines Lebensmüden nach Hilfe zur Lebensverkürzung genauso thematisiert wie die Kostenlasten des Gesundheitssystems. Der entstehende Sterbehilfediskurs hat so von Beginn an ein doppeltes Gesicht: Zum einen prägt ihn eine neue Rhetorik der individuellen Freiheit, die eine Tötungsbeihilfe als Mitleidsakt oder Freundschaftsdienst umschreibt. Zum anderen prägt ihn das Thema der gesellschaftlichen Notwendigkeit: Eine Belastung der Gesunden durch Alte und Kranke soll "in Grenzen" gehalten werden. Der Diskurs verbindet die Idee moralisch-ethischer "Autonomie" zum Tod mit einer Logik des Gemeinnutzens und der strikten sozialen Steuerung. In der Rechtsentwicklung der modernen Sterbehilfe lassen sich drei relevante Phasen unterscheiden: die Phase des Beginns einer Debatte der Verrechtlichung um 1900, eine staatsrassistische Phase von den 1920er Jahren bis zum Ende des zweiten Weltkriegs und eine liberale Phase von den 1960er Jahren bis heute.

Fußnoten

1.
Karl Ludwig Klohss, Die Euthanasie oder die Kunst den Tod zu erleichtern, Berlin 1935, S. 37.
2.
Ebd., S. 98.
3.
Maria Falk, Geschichte und Bedeutung der Euthanasia Medica und ihr Einfluß auf die spätere Euthanasiediskussion und Ausübung der Sterbehilfe, Marburg 1983.