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18.1.2008 | Von:
Ludger Fittkau
Petra Gehring

Zur Geschichte der Sterbehilfe

Konzepte der Sterbehilfe um 1900

Symptomatisch für das Profil des modernen Sterbehilfediskurses ist die 1895 erschienene Programmschrift Das Recht auf den Tod des Göttinger Wirtschaftsstudenten Adolf Jost. Wie Georg Simmels Einleitung in die Moralwissenschaft (1893) sowie Ernst Haeckels Lebenswunder (1904) kann Josts Schrift zu den Gewährstexten einer neuen Autonomiefigur gezählt werden: einer "Autonomie" im Sterben, die genau darin bestehen soll, dass nicht etwa ich mich selbst umbringe, sondern mein Wille sich genau darin realisieren soll, dass jemand anderes - eine "dritte Hand" - an mir die tödliche Handlung vollbringt.

Jost greift mit seiner Schrift einen "starren Punkt in unseren moralischen und sozialen Anschauungen" an.[4] Die Religion, der Staat und die öffentliche Meinung werden für die Stagnation hinsichtlich des Sterbens und des Todes verantwortlich gemacht. Man werde, so Jost, durch "moralische Pression" gezwungen, "sein Leben selbst unter den trostlosesten Verhältnissen bis zu einem vielleicht qualvollen Ende fortzuschleppen." Das "Recht, zu sterben" werde hart bestraft, während auf der anderen Seite Staat, Gesellschaft und Religion im Kriegsfall wie auch bei der Todesstrafe davon ausgingen, dass es eine "Pflicht zu sterben geben soll". Gerade für geistig unheilbar Kranke sei "der Tod oft in noch höherem Maße eine Wohlthat, als für den physisch Kranken."[5] Man sage zwar, dass "sich der geistig Kranke oft recht wohl befinde, daß er zwar nutzlos sei für seine Umgebung, was aber seine Person anlange, ein verhältnismäßig ruhiges und glückliches Dasein führen könne." Es gebe doch aber eine "nennenswerthe Zahl" geistig Behinderter, die unglücklich seien. Das "einfache, natürliche Mitleid", folgert Jost, müsse hier schon zur Anerkennung des "Rechtes auf den Tod" führen.[6]

In Josts Schrift spiegeln sich jedoch vor allem ökonomische Argumente des Aufwandes der Pflege schwer Kranker und der (finanziellen wie seelischen) Belastung, die den Angehörigen und der Gesellschaft hier entstünden. "Der Kranke konsumiert eine beträchtliche Menge materieller Werthe, mehr als der gesunde Mensch. Einer von ihnen, oder wenigstens mehrere zusammen absorbieren die Arbeitskraft mehrerer Leute, die sie zu pflegen und zu warten haben, sie verbrauchen Nahrung und Arzneien."[7] Dieser ökonomischen Evaluation stellt Jost Überlegungen zum "Lebenswert" zur Seite: "Der Werth des menschlichen Lebens" könne "nicht bloß Null, sondern auch negativ werden, wenn die Schmerzen so groß sind, wie es in der Todeskrankheit der Fall zu sein pflegt."[8] Der Tod sei dann besser als das Leben.

Jost will die Tötungserlaubnis für Kranke und Schwache einerseits von der Diagnose eines oder einiger Ärzte abhängig machen und andererseits von der Zustimmung des Patienten selbst - hiermit zeichnen sich bereits die auch heute noch geltenden zentralen Kriterien für die aktive Sterbehilfe ab. Es geht Jost aber explizit nicht nur um ein "Mehr" an Privatautonomie für das Individuum, sondern um eine soziale Reformstrategie. Sei nicht "vom Standpunkt der Wohlfahrt der menschlichen Gesellschaft aus" ein Recht auf den Tod anzuerkennen? Im Vordergrund steht damit eine Moral des sozialen Nutzens. Das Recht auf den Tod soll vor allem der sozialen Wohlfahrt dienen, und das geforderte "Recht" ist nicht zuletzt ein Recht der Gesellschaft auf den Tod des Einzelnen. Nicht nur das autonome Individuum steht also am Beginn des Sterbehilfediskurses, sondern und untrennbar geht es auch um die wirtschaftliche Handlungsfreiheit der Gesellschaft, die knappe Ressourcen zu rationieren hat.

Die Jostschen Sterbehilfeargumente werden kurz nach der Jahrhundertwende unter anderem in dem von dem Biologen Ernst Haeckel und dem Arzt Auguste Forel gegründeten Deutschen Monistenbund wieder aufgegriffen. In den Diskussionskontexten der nicht zuletzt eugenisch geprägten Vereinigung entsteht 1913 der erste komplette Gesetzentwurf zur Sterbehilfe. Der von Roland Gerkan, Mitglied des Monistenbundes, verantwortete Text hebt hervor, dass der Sterbewillige einzuwilligen habe und dass Ärzte am Tötungsakt beteiligt sein sollen. In Grundzügen ähnelt er den heute gültigen Regelungen in den Niederlanden und Belgien. Im parlamentarischen Raum blieb er weitgehend ohne Resonanz.

Fußnoten

4.
Adolf Jost, Das Recht auf den Tod. Sociale Studie, Göttingen 1895, S. 1.
5.
Ebd., S. 16.
6.
Ebd., S. 16.
7.
Ebd., S. 17.
8.
Ebd., S. 26.