APUZ Dossier Bild

18.1.2008 | Von:
Svenja Flaßpöhler

Die Freitodhilfe - ein humaner Akt?

Es werden die ethischen Prämissen und Konsequenzen der Suizidbeihilfe in den Blick genommen. Im Zentrum steht dabei die Frage, inwiefern das Recht auf den eigenen Tod mit der moralischen Verantwortung Dritter kollidiert.

Einleitung

Noch einmal die Frage, ob er sich wirklich sicher sei. Ja. Ob er dann bitte auf dem Bett nebenan Platz nehmen könne. Wortlos geht er in den anderen Raum und setzt sich auf die Bettkante: Ein alter Mann mit Hosenträgern, der sich, kaum dass man ihm den Becher reicht, das tödliche Medikament entschlossen in die Kehle kippt. Er hat seinen Willen bekommen: Gleich wird er einschlafen und in einer knappen halben Stunde werden sein Atem und sein Herz ihren Dienst versagen.






Paul Zögli ist einer von Hunderten, die sich jedes Jahr in der Schweiz bei ihrem Suizid helfen lassen.[1] Häufig sind es tödliche Krankheiten, die zu diesem Entschluss führen. Manchmal aber ist auch einfach eine bleierne Lebensmüdigkeit der Grund dafür, dass sich Menschen an eine Freitodhilfeorganisation wie Dignitas oder Exit wenden. Dort wird ihnen, wenn die notwendigen Bedingungen erfüllt sind, von ehrenamtlichen Freitodbegleiterinnen oder Begleitern das Medikament Natrium-Pentobarbital bereitgestellt, ein weißes, in Wasser aufgelöstes Pulver, das einen garantierten, schnellen und schmerzfreien Tod herbeiführt.

In der Schweiz ist eine solche Praxis qua Gesetz erlaubt. So besagt Artikel 115 des Strafgesetzbuches, dass eine Suizidbeihilfe zulässig ist, wenn keine selbstsüchtigen Motive vorliegen. Die Freitodhilfeorganisationen achten in ihren Statuten darauf, dass ihnen ein solches Motiv nicht unterstellt werden kann, und müssen nachweisen, dass die erhobenen Mitgliedsbeiträge lediglich zur Unkostendeckung verwendet werden. Demzufolge sind sie keine zwielichtigen Einrichtungen, die sich am Rande der Legalität bewegen, sondern ein gesetzlich verankerter, kaum mehr wegzudenkender Bestandteil einer Gesellschaft, die dem Recht auf einen selbstbestimmten Tod einen hohen, unverbrüchlichen Stellenwert beimisst. So zählt die 1982 gegründete Organisation Exit 50 000 Mitglieder, von denen sich jährlich etwa 150 in ihren Freitod begleiten lassen. Die wesentlich jüngere Schwesterorganisation Dignitas erhielt bislang immerhin fast 5 000 Beitrittserklärungen - viele davon stammen aus dem Ausland. Anders als Exit begleitet diese 1998 durch Ludwig A. Minelli ins Leben gerufene Organisation auch Nichtschweizer in ihren Freitod - ein Angebot, dem Minelli im Spätsommer 2005 Nachdruck verlieh, indem er eine Dependance im niedersächsischen Hannover eröffnete.

Fußnoten

1.
Die Namen der Exit-Mitglieder sowie der des mit Exit zusammenarbeitenden Arztes (Norbert Mayer; s.u.) wurden aus Datenschutzgründen geändert.