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10.1.2008 | Von:
Detlef Virchow

Die Erhaltung der Agrobiodiversität

Rechtfertigung von Agrobiodiversität

Dieser Verengungstendenz von Agrobiodiversität wird auf den unterschiedlichsten Ebenen entgegengesteuert:von kleinen, ehrenamtlich engagierten und konkret vor Ort agierenden Gruppen bis zu den relevanten politischen Verantwortlichen auf nationaler und internationaler Ebene. Der politische Wille, pflanzengenetische Ressourcen für die Ernährung und Landwirtschaft (PGREL) zu erhalten und ihre Nutzung zu fördern, wurde in der Deklaration von Leipzig während der 4. Internationalen Technischen Konferenz über pflanzengenetische Ressourcen 1996 dokumentiert.[7] Der institutionelle Prozess für die nachhaltige Erhaltung und Nutzung der Haustierrassen hat erst viel später begonnen, aber folgt in der Struktur dem pflanzengenetischen Prozess.

Grundsätzlich kann man die Bedeutung der Agrobiodiversität anhand unterschiedlicher Werte für Individuen, spezifische Interessensgruppen und der Staaten- und Weltgemeinschaft definieren. Der direkte Nutzwert ergibt sich aus dem Nutzen, der durch die Erhaltung von GREL für die Zucht erzielt werden kann. Dieser Zuchtwert ist sowohl durch die steigende Nachfrage seitens der konventionellen Zucht als auch der biotechnologischen Industrie verstärkt in den Blickpunkt gerückt.[8]

Neben dem Zuchtwert gibt es weiterhin den allgemeinen Produktionsnutzwert. Vor allem Kleinbauern in Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas, die nur beschränkt in den Markt für landwirtschaftliche Betriebsmittel und Produkte eingebunden sind und die zum Teil unter extrem knapper Verfügbarkeit an Ressourcen (Kapital, Boden, Wasser) produzieren und leben müssen, sind sehr auf die Vielfalt der GREL angewiesen. Durch den Anbau von unterschiedlichsten traditionellen, an den Standort angepassten Sorten und die Haltung dementsprechender Haustierrassen, die in der Regel weniger Betriebsmittel benötigen (z.B. Dünger, Schutzmittel gegen Krankheiten und Schädlinge), können diese Produzenten das Produktionsrisiko minimieren und besonders bei extremen klimatischen Bedingungen die Produktion und das Überleben sichern.

Der allgemeine Produktionsnutzwert geht fließend in den Versicherungswert von Agrobiodiversität über. Dieser leitet sich ab aus der Wertschätzung von Agrobiodiversität einerseits zur Risikovermeidung auf Betriebsebene (Witterungs- und damit einhergehende Ernteschwankungen, unvorhersehbare Ereignisse) und andererseits für zukünftige Nutzung der GREL in der Zucht und anderen Bereichen.

Der Vermächtniswert als einer der beiden "nicht-nutzbaren" Werte von Agrobiodiversität stellt den potentiellen (nicht immer bekannten) Nutzen der GREL für zukünftige Generationen dar. Durch die Erhaltung des größtmöglichen Genpools für zukünftige Generationen soll diesen die Möglichkeit gegeben werden, Kulturpflanzen und Haustierrassen nach zukünftiger Nachfrage zu entwickeln und an - noch nicht abzusehende - sich verändernde Umweltbedingungen anzupassen.

Der ethische Wert von Agrobiodiversität ergibt sich letztendlich aus dem Wert für die Erhaltung genetischer Ressourcen an sich. Dieser Existenzwert gibt die Wertschätzung für Agrobiodiversität für Individuen oder spezifische Gruppen an, denen die Existenz einer Tierrasse oder einer Kultursorte bzw. -art an sich wertvoll ist, ohne einen direkten Nutzen mit dieser Sorte bzw. Rasse verbinden zu wollen oder zu können.[9]

Fußnoten

7.
Vgl. FAO (Anm. 2).
8.
Vgl. Matin Qaim/Detlef Virchow, The Role of Biotechnology for Global Food Security, in: Agrarwirtschaft, 49 (2000) 9/10, S. 348 - 356.
9.
Vgl. Detlef Virchow (ed.), Efficient Conservation of Crop Genetic Diversity: Theoretical Approaches and Empirical Studies, Berlin-Heidelberg 2003.