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14.12.2007 | Von:
Stefan Berger

Narrating the Nation: Die Macht der Vergangenheit

Ingredienzen der Nationalgeschichte

Sieht man sich die Nationalgeschichten des 19. und 20. Jahrhunderts näher an, wie es beispielsweise das von der European Science Foundation zwischen 2003 und 2008 geförderte Projekt "Representations of the Past: The Writing of National Histories in 19th and 20th Century Europe" (NHIST)[8] getan hat, so ist man erstaunt über die vielen Parallelen, die man bei den Ingredienzen der Nationalgeschichten antrifft. Da sind zunächst einmal die Ursprungsmythen, die für alle Nationalgeschichten ein Muss und zugleich eine schwierige Herausforderung darstellen. Wie der Amsterdamer Historiker Joep Leersen zeigt, haben die wissenschaftlichen Historiker ein Problem mit den Anfängen ihrer Nationalgeschichte, gerade weil sich diese Anfänge im Mythischen verlieren.[9] Die mythischen Anfänge sind jedoch sehr wichtig, geht es doch in der Nationalgeschichte darum, möglichst ungebrochene Kontinuitäten aufzuzeigen.[10]

Nicht nur die Anfänge waren für die Nationalgeschichte ein Problem. Auch ihr Ende war schwer greifbar, muss Geschichte doch offen bleiben. Je nach Standpunkt und Gegenwartsperspektive nahmen die Nationalgeschichten unterschiedliche Prognosen für den Fortgang der Geschichte vor: Mahnung vor drohendem Abstieg, triumphalistische Selbstbestätigung, Selbstzweifel und Aufruf zur Sammlung von nationalen Kräften - die Strategien unterschieden sich, doch die Zukunftsperspektive war wichtiger Bestandteil aller Nationalgeschichten und ruhte in ihren Erzählstrategien und -strängen. Für letztere war auch die zeitliche Gestaltung von Nationalgeschichte wichtig. Buchzeit war durchaus nicht gleichbedeutend mir "Realzeit". Manche Jahre, Jahrzehnte oder gar Wochen erhielten eigene Kapitel, während über Jahrhunderte mit einigen Sätzen hinweggegangen wurde. Diese temporale Dimensionierung von Nationalgeschichte gab ihr eine je eigene Färbung.

In der langen Mitte von Nationalgeschichten zwischen problematischen Anfängen und divergierenden Zukunftsperspektiven entwickeln Historiker ein Panorama von Nationalhelden,[11] welche die Nation vor inneren wie äußeren Feinden bewahren. Da das Eigene sich immer nur gegen das Fremde definieren kann, waren und sind Feindbilder für die Nationalgeschichte von zentraler Bedeutung. Nicht von ungefähr bilden Kriege und Schlachten wichtige Strukturelemente von Nationalgeschichten. Waren die Nationalhelden zu schwach, unterlag die Nation, und es begann ein dunkles Kapitel in der Nationalgeschichte. Viele dieser Geschichten zeichnen sich durch eine Abfolge von Aufstiegen und Niedergängen der Nation aus. Der Aufstieg kulminiert in einem goldenen Zeitalter, auf das eine Verfallsgeschichte folgt. Solch zyklische Nationalgeschichten, die oftmals dem Modell von Edward Gibbons' berühmter Geschichte vom Aufstieg und Fall Roms zu folgen scheinen, zeichnen sich durch ein organizistisches Denken in Lebensphasen einer Nation aus. Auf die Jugend der Nation folgt die Reife, die übergeht in das Alter und den Abstieg, manchmal gar den Tod der Nation (auf den allerdings meist eine Wiederauferstehung folgt, und sei diese auch nur prognostiziert).

Das Denken in Lebensphasen verband sich häufig mit der Betonung von Genderperspektiven, besonders der Vorstellung von der Nation als Familie, in der Männer und Frauen, Jungen und Mädchen unterschiedliche, aber durchaus komplementäre Funktionen erfüllten.[12] Auch wenn die Feinde der Nation oftmals feminisiert wurden, so waren Frauen in den Nationalgeschichten Europas durchaus nicht abwesend. Allerdings wiesen Nationalheldinnen, so sie nicht als Musterbeispiel für weibliche patriotische Tugenden fungierten wie etwa Königin Luise, oftmals ausgesprochen männliche Züge auf, man denke nur an Jeanne d'Arc. In seltenen Fällen kam es in der Geschichtsschreibung zu Formen von Selbstfeminisierung. So schrieben österreichische Historiker im 19. Jahrhundert dem eigenen Land eher positive, "weibliche" Tugenden zu und grenzten es so vom männlich-aggressiven Preußen ab. In den böhmischen Ländern betonten die Historiker gerne die Freiheit der Tschechinnen, die man kontrastierte mit der Unterdrückung der deutschen Frauen. Auch das stereotype Bild von der "geschändeten Nation" verweist auf die Wirkmächtigkeit von Genderperspektiven in nahezu allen Nationalgeschichten Europas.

Die Nationalhistoriker ließen ihre Vorstellung einer Genderordnung nicht nur in ihre Geschichten einfließen, sie beschrieben auch die eigene Arbeit in geschlechtsspezifischer Manier. So bezeichneten sie etwa Quellen als "Prinzessinnen", Archive wurden zu "Geliebten", und so mancher Historiker schenkte seiner Verlobten eher seine letzten Sonderdrucke als Blumen. Thomas Babington Macauley sagte es deutlich: Seine Geschichten waren nicht für Höhere Töchterschulen geschrieben, sondern sollten neue "Schulen für Männer" begründen. Während die Nationalgeschichten der größeren Nationen Europas häufig mehr in sich und der eigenen Entwicklung ruhen, trifft man bei den kleineren Nationen Europas eine Selbststilisierung als Mittlerin zwischen größeren Nationen oder als kosmopolitischer Treffpunkt verschiedener nationaler Traditionen an. Die belgische Nationalgeschichte bietet hierfür ein hervorragendes Beispiel.

War die Nationalgeschichte im Zeitalter der Aufklärung vor allem Universalgeschichte, und suchte man in der nationalen Entwicklung allgemeinere Prinzipien der Menschheitsentwicklung aufzuzeigen, so war die romantische Nationalgeschichte geradezu obsessiv darum bemüht, das spezifisch Eigene der nationalen Entwicklung von dem jeweils Anderen und Fremden abzugrenzen. Erst jetzt rückte die Frage nach der Authentizität von Sprache, Literatur und Kultur in den Mittelpunkt der Untersuchung. Es begann die Zeit der Konstruktion nationaler Sonderwege in Europa. Die Verwissenschaftlichungsprozesse im 19. Jahrhundert führten zur Dekonstruktion der romantischen Nationalgeschichte durch nachfolgende Historikergenerationen, die wissenschaftlicher arbeiteten, aber meist nicht weniger nationalistisch waren in ihren Perspektiven auf die Nationalgeschichte.

Fußnoten

8.
Eine ausführliche Projektbeschreibung und Ergebnisse von NHIST finden sich unter www.uni-leipzig.de/zhsesf sowie im Sonderheft der Storia della Storiografia 50 (2006) mit dem Titel "Europe and its National Histories", hrsg. von Stefan Berger und Andrew Mycock. Als Vorsitzender dieses Programms danke ich besonders den Leitern der vier Teams, dem Steering Committee und meinen "co-chairs" sowie den weit über hundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Programms aus mehr als 20 europäischen Ländern. Ihnen allen verdanke ich viele Anregungen, die auch in diesen kurzen Überblick eingeflossen sind.
9.
Vgl. Joep Leersen, Setting the Scene for National History. Ms., presented at the NHIST workshop in Prague, Oktober 2007.
10.
Zum Verhältnis Mythos und Geschichte vgl. auch Chris Lorenz, Drawing the Line: "Scientific History" between Myths-Making and Myths-Breaking, in: Stefan Berger/Linas Eriksonas/Andrew Mycock (Hrsg.), Narrating the Nation: Representations in History, Media and the Arts, Oxford 2008 (im Druck).
11.
Vgl. Linas Eriksonas, National Heroes and National Identities. Scotland, Norway and Lithuania, Brüssel 2004.
12.
Vgl. Mary O'Dowd/Ilaria Porciani, "History Women", Sonderheft der Storia della Storiografia, 46 (2004), S. 3 - 203; Bonnie Smith, The Gender of History: Men, Women, and Historical Practice, Cambridge, MA 1998; Angelika Epple, Empfindsame Geschichtsschreibung. Eine Geschlechtergeschichte der Historiographie zwischen Aufklärung und Historismus, Köln 2003.