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14.12.2007 | Von:
Stefan Berger

Narrating the Nation: Die Macht der Vergangenheit

Ideologische und territoriale Gegenkonzepte

Nationalhistoriker waren mit dem Problem konfrontiert, wie sie ihre nationalen Narrative gegenüber anderen Meistererzählungen, vor allem denen der Ethnizität, Rasse, Religion und Klasse, situierten.[13] Vergleicht man ihre Strategien, so fällt auf, wie erfolgreich sich die nationalen Meistererzählungen ihre Rivalen einverleibten und unterordneten. Nation und Ethnizität waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ohnehin nahezu austauschbare Begriffe, da letztere vor allem mit Kultur, und zwar mit Nationalkultur verbunden wurde. Erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts kam es unter dem Einfluss des Sozialdarwinismus zu einer rassischen Aufladung des Ethnizitätsdiskurses und einer biologistischen Wendung des Kulturalismus. Eine an Rassekriterien orientierte Nationalgeschichte hatte zwar durchaus transnationale Züge (beispielsweise der Arierdiskurs in einer spezifisch nationalsozialistischen Nationalgeschichte), blieb aber letztlich doch überwiegend einer Überhöhung der Nation verpflichtet.

Obwohl Kirchengeschichte in vielen Staaten Europas eine wichtige Stellung innerhalb der Geschichtswissenschaft einnahm, wurde sie nicht zu einer ernsthaften Rivalin der Nationalgeschichte. Mit der Sakralisierung der Nation im 19. Jahrhundert ging die Nationalisierung religiöser Narrative einher. So wurde etwa in Ländern wie Polen das Leiden der eigenen Nation christlich überhöht (Polen als "Christus unter den Nationen"), während in anderen Ländern eine bestimmte Konfession mit dem spezifischen Charakter der Nation eine symbiotische Beziehung einging (Lutheranischer Glaube in Schweden; Katholizismus in Spanien; Orthodoxie in Rumänien und Russland). Die Befreiung bzw. der Schutz Europas vor nicht-christlichen Religionen wurde zum wesentlichen Sendungsgedanken diverser europäischer Nationalgeschichten (z.B. die Reconquista als religiös-nationale Aufgabe Spaniens). Zwar bedeutete eine liberal-demokratische Nationalgeschichte durchaus eine säkulare Herausforderung für die Religion, und liberale Historiker vollzogen den formellen Bruch mit der organisierten Religion (sehr viel stärker im katholischen als im protestantischen Europa). Aber dennoch: Charakteristisch blieb in weiten Teilen Europas die Einverleibung religiöser Motive in nationale Meistererzählungen.

Die Klassengeschichtsschreibung entstand im 19. Jahrhundert vor allem im Umfeld der Arbeiterbewegungsgeschichte. Hier waren es meist keine professionellen Historiker, sondern Autodidakten wie Eduard Bernstein in Deutschland, Robert Grimm in der Schweiz oder Jean Jaurès in Frankreich, die eine stark politisch funktionalisierte Form der Nationalgeschichte vorlegten. Der zunehmenden Nationalisierung der Arbeiterbewegung Europas entsprach die Nationalisierung der Klassengeschichte, die sich um eine historische Integration der Arbeiter in die Nation bemühte. Sie tat dies, indem sie sich das Streben nationaler Narrative nach innerer Homogenität zunutze machte, um soziale Konfliktlinien innerhalb der Nation als sichtbarstes Zeichen, dass die Nation innerlich unvollendet blieb, zu brandmarken. Auch die Revolutionsgeschichte Europas wurde zunehmend als Nationalgeschichte konzipiert: 1789, 1848 und 1917 wurden zu den jeweiligen Grundpfeilern nationaler Narrative in Frankreich, Zentraleuropa und der Sowjetunion. Eine transnationale Klassengeschichtsschreibung wurde im 20. Jahrhundert nur ansatzweise entwickelt, so etwa am 1935 in Amsterdam gegründeten Internationalen Institut für Sozialgeschichte.

Nun gab es potentiell nicht nur ideologische Gegenkonzepte zur Nation. Auch territoriale Alternativen waren vorhanden. Noch im 18. Jahrhundert gab es mehr Regional- und europäische Geschichten als Nationalgeschichten. Die sich im 19. Jahrhundert immer stärker in den Vordergrund drängenden nationalen Narrative mussten sich gegenüber rivalisierenden räumlichen Identitätsdiskursen situieren.[14] Wiederum fällt auf, wie erfolgreich die Nationalgeschichte andere territoriale Identitätskonzepte vereinnahmte. In Deutschland, Frankreich und andernorts wurde die Region zum Baustein und Markenzeichen der Nation, die sich durch ihre "Stämme" und Regionen definierte. Imperiale Nationen integrierten die Nation, indem sie ein Kernimperium nationalisierten und von den peripheren Regionen des Imperiums unterschieden.[15] Allein diesem nationalen Kern des Imperiums wurde sodann eine globale zivilisierende Mission zugeschrieben, wie es besonders auffällig für das britische Empire galt. Europäische Sendungs- oder Missionsgedanken wurden ebenfalls ein integraler Bestandteil der Nationalgeschichten. Deutsche Historiker beschworen gerne die kulturelle Mission Deutschlands in Osteuropa.

Unter den Territorialitätskonstruktionen des 19. Jahrhunderts war die der Nation mit Abstand die erfolgreichste. Im Zuge des Imperialismus verbreiteten sich europäische Nationsbegriffe über die ganze Welt, wobei sie oftmals mit indigenen Identitätskonstruktionen territorialer und ideologischer Art konfrontiert wurden. Adaptiert, zurückgewiesen und verändert, blieb die Nation doch der zentrale Referenzrahmen der postkolonialistischen Welt, und die Geschichtsschreibung auf allen fünf Kontinenten verschrieb sich der Propagierung nationaler Narrative.[16]

Ein konstitutives Merkmal von Nation waren feste Grenzen, aber diese blieben vielerorts in der europäischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts stark umstritten. Nationalgeschichten waren daher auch immer Geschichten um Grenzkonflikte und Grenzregionen. Gerade weil die Nation an den Grenzen gestärkt werden musste, konzentrierten sich die Historiker darauf, Grenzverläufe entweder zu rechtfertigen oder in Frage zu stellen und Grenzregionen für die eigene Nationalgeschichte zu vereinnahmen.[17]

Da die Grenzverläufe in Westeuropa nach dem Wiener Kongress von 1815 relativ stabil blieben und kaum in Frage gestellt wurden, war dieses Thema in Mittel- und Osteuropa von ungleich größerer Bedeutung. Sich überlappende Nationalgeschichten und Territorien, die für mehr als eine nationale Meistererzählung zentrale Bedeutung hatten, waren hier an der Tagesordnung. Die Konkurrenz um territoriale Vereinnahmung war umso größer, als die Historiker in Mittel- und Osteuropa ihre Nationalgeschichten, anders als in Westeuropa, oftmals nicht an eine lange Geschichte von Staatlichkeit und staatlichen Institutionen hängen konnten. Die Dominanz von Imperien in Mittel- und Osteuropa stellte für die Nationalgeschichte ein Problem des Fluchtpunktes dar. Konnte man Nationalgeschichte nicht anhand von staatlichen Institutionen und Herrschern erzählen, so blieb nur der Fluchtpunkt des Volkes, der Volkssprache und der Volkskultur. Nicht von ungefähr gingen den Nationalhistorikern hier die Grammatiker, Volkskundler und Märchensammler voran.

Der Kampf der Historiker um Grenzen und Grenzverläufe erreichte in der Zwischenkriegszeit seinen Höhepunkt. Durch die in den Friedensverträgen von 1919 festgelegten Grenzverläufe sollte das nationalstaatliche Souveränitätsprinzip auch in Osteuropa seine endgültige Durchsetzung finden. Die komplexe ethnische Durchmischung vieler Regionen bedeutete aber, dass unweigerlich ethnische Minderheiten ihnen "fremden" Nationalstaaten zugeschlagen wurden, obwohl ihre identitäre Loyalität anderen Nationalstaaten gehörte. Besonders in den im Ersten Weltkrieg unterlegenen Staaten wie Deutschland oder Ungarn kam es in der Folgezeit zu einer Geschichtsschreibung, die sich darum bemühte, Argumente für eine Grenzverschiebung unter Verweis auf ethnische und kulturelle Eigenarten von Bevölkerungen zu liefern.[18]

Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs trugen Historiker dann eine unmittelbare Mitverantwortung für "ethnische Säuberungen" und Völkermord, machten sie sich doch zu willigen Vollstreckern der Machthaber, die solche Verbrechen gegen die Menschlichkeit unter Verweis auf historische Argumente gerechtfertigt sehen wollten. Die intensive Rivalität von Nationalgeschichten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kann man exemplarisch im Baltikum, auf dem Balkan oder auch an der deutsch-polnischen und der ungarisch-rumänischen Grenzregion anschaulich machen.

Fußnoten

13.
Vgl. Stefan Berger/Chris Lorenz (Hrsg.), The Contested Nation: Ethnicity, Class, Religion and Gender in National Histories, Houndmills 2008 (im Druck).
14.
Vgl. Matthias Middell/Lluis Roura y Aulinas (Hrsg.), World, Global, European and Regional Histories as Challenges to National Representations of the Past, Houndmills 2009 (in Vorbereitung).
15.
Vgl. Stefan Berger/Alexei Miller, Nation Building and Regional Integration, c. 1800 - 1914: the Role of Empires, in: European Review of History, 15 (2008), (im Druck).
16.
Vgl. Stefan Berger (Hrsg.), Writing the Nation. A Global Perspective, Houndmills 2007.
17.
Vgl. Tibor Frank/Frank Hadler (Hrsg.), Borders and Nations: Confrontations and (Re-)Concilations, Houndmills 2008 (in Vorbereitung).
18.
Zur Volksgeschichte in vergleichender Perspektive siehe Manfred Hettling (Hrsg.), Volksgeschichten im Europa der Zwischenkriegszeit, Göttingen 2003.