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14.12.2007 | Von:
Stefan Berger

Narrating the Nation: Die Macht der Vergangenheit

Renaissance der Nationalgeschichte

Betrachtet man in groben Umrissen die Entwicklung der Nationalgeschichte in Europa im 19. und 20. Jahrhundert, so wird man von einer Unterschätzung der nationalen Meistererzählungen auch im 21. Jahrhundert abraten müssen. Nicht nur entwickelten sie eine erstaunliche Fähigkeit, sich andere Meistererzählungen und "regimes of territoriality"[19] unterzuordnen, sondern sie zeigten gerade in ihren Auswirkungen auf Grenzkonflikte ihr mörderisches Potential. Bei einem solchen Fazit ergibt sich die Frage nach der Bändigung der negativen Energien der nationalen Vergangenheitsdiskurse fast von selbst. Die Hoffnung einiger vorwiegend deutscher Intellektueller in den 1980er Jahren, dass Europa zu postnationalen Identitätsdiskursen finden würde, hat sich nach dem Ende des Kalten Krieges weitgehend zerschlagen. Nationale Vergangenheitsdiskurse hatten zentrale Bedeutung für den blutigen Bürgerkrieg in Jugoslawien, die friedliche Trennung von Tschechen und Slowaken, die Grenzkonflikte zwischen Ungarn und seinen Nachbarstaaten sowie den Nationalismus in vielen Staaten des ehemals kommunistischen Mittelosteuropa.

Doch die Renaissance nationaler Vergangenheitsdiskurse beschränkt sich durchaus nicht auf Osteuropa. Bereits in den 1980er Jahren kam es in vielen westeuropäischen Staaten in identitätsstiftender Absicht zu einer Wiederbelebung der Gattung Nationalgeschichte.[20] Sich nationalisierende Regionalismen in Flandern, Katalonien und Schottland fanden zu neuen Formen der Nationalgeschichte, die multinationale Staaten wie Belgien, Spanien und Großbritannien in ihren Grundfesten erschüttern. Zudem gehen von der europäischen Integration und den globalen Migrationsbewegungen Bedrohungsängste aus, die vielerorts zu einer Wiederbelebung von Nationsdiskursen führen.

Liberale Nationalisten zeigen sich auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts davon überzeugt, dass es so etwas wie einen guten Patriotismus gibt, den man von seinem missratenen und engstirnigen Bruder, dem Nationalismus, scharf abgrenzen kann. Angesicht der Janusgesichtigkeit nationaler Narrative bleibt dies allerdings fraglich. Nationale Vergangenheitsdiskurse eignen sich vorzüglich, um Feindbildern Nahrung zu geben. Das Umkippen von Patriotismus in Nationalismus bleibt jederzeit eine Möglichkeit und Gefahr. Eines der wichtigsten Argumente liberaler Nationalisten besteht darin, dass jedes Gemeinwesen ein Minimum an Solidarität benötigt, um zu funktionieren. In modernen Staaten bietet die Nation eine solche Unterfütterung von Solidarität: Ohne den Referenzrahmen der Nation stellte sich die Frage, wieso Bürger Steuern zahlen oder sich sonstwie mit anderen solidarisch erklären sollten. Angesichts des Gefahrenpotentials nationaler Vergangenheitsdiskurse scheint mir jedoch die Idee Alan Megills einleuchtender, nach genuin politischen Projekten zu suchen, die solidarisches Handeln unterhalb von nationalen (oder anderen) Identitätsdiskursen einfordern.[21]

Wenn man in dieser Weise die Nation als Identitätskitt "umschifft", wo bleibt dann die Nationalgeschichte? Zunächst einmal bestätigt es die Notwendigkeit eines selbstkritischen Nationsdiskurses, wie er sich in den 1960er und 1970er Jahren im Zuge der Aufarbeitung von Faschismus, Völkermord und Kollaboration an vielen Orten in Westeuropa etablierte. Nationalgeschichte sollte dazu beitragen, die Konstruktionen positiver nationaler Vergangenheiten kritisch zu hinterfragen. Die Geschichte der Nation kann nicht mehr heller Leitstern der Geschichtswissenschaft sein, sondern eher eine dunkle Folie, vor der eine verstärkte Suche nach Alternativen zur Nationalgeschichte plausibel wird.

Seit den 1980er Jahren gibt es eine solche Suche nach Alternativen durchaus: Vergleichende Geschichte, Kulturtransfer, transnationale Geschichte, europäische Geschichte, außereuropäische Geschichte und die Geschichte der Imperien wurzeln in einer kritischen Aneignung der Nationalgeschichte. Letztere wird nicht zuletzt durch solche neuen methodischen und inhaltlichen Zugänge immer mehr zu einem zersprungenen Spiegel, in dessen Fragmenten sich ein kaleidoskopisches und nicht-essentialistisches Nationsverständnis spiegelt.[22] Hier wird deutlich, dass Nationalgeschichten zwar immer nach Homogenität strebten, aber letztendlich doch nur unterschiedliche Grade von Heterogenität produzierten.

Der Versuch, Meistererzählungen als verbindlich festzulegen, führte immer wieder zu Gegenentwürfen. Oppositionelle, alternative Formen von Nationalgeschichte standen neben Formen von Geschichtsschreibung, welche die Nationalgeschichte nicht in den Mittelpunkt stellten. Nationalgeschichte als Infragestellung nationaler Identitätskonstruktionen könnte auch für die Geschichtswissenschaft von morgen ein lohnendes Betätigungsfeld sein.

Fußnoten

19.
Charles Maier, Consigning the Twentieth Century to History: Alternative Narratives for the Modern Era, in: American Historical Review, 105 (2000), S. 807 - 831.
20.
Vgl. Stefan Berger, A Return to the National Paradigm? National History Writing in Germany, Italy, France and Britain from 1945 to the Present, in: Journal of Modern History, 77 (2005), S. 629 - 678.
21.
Vgl. Alan Megill, Historical Representation, Identity, Allegiance, in: S. Berger u.a. (Anm. 10).
22.
Für Deutschland vgl. Konrad H. Jarausch/Michael Geyer, Shattered Pasts: Reconstructing German Histories, Princeton 2003.