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14.12.2007 | Von:
Andreas Eckert

Der Kolonialismus im europäischen Gedächtnis

Das Ende der Amnesie

Die zeitweilig mit großem Furor geführten, nun scheinbar aber wieder abgeflauten öffentlichen Debatten über den Algerienkrieg verweisen auf das fatale Erbe, welches das französische Kolonialsystem und sein durch Gewalt geprägtes Ende im heute noch immer vom Bürgerkrieg zerrütteten Algerien hinterlassen haben. Vor allem aber thematisieren diese Diskussionen, die sich inzwischen keineswegs auf Algerien beschränken, die Auswirkungen auf Frankreich selbst.[4] Denn in Frankreich schlägt das Empire seit einiger Zeit sichtbar zurück. Das belegen nicht nur die gewalttätigen Ausschreitungen in den Pariser Vororten. Heftige Reaktionen hat ein vor knapp drei Jahren von der Nationalversammlung verabschiedetes Gesetz ausgelöst, welches die angeblich "positive Rolle" des französischen Kolonialismus in den Rang einer gesetzlich festgeschriebenen und damit gleichsam unumstößlichen historischen Wahrheit zu erheben beanspruchte. Angesichts des heftigen Gegenwindes entschied sich Präsident Jacques Chirac, die entsprechende Passage ein Jahr später wieder aus dem Gesetzestext zu streichen. Dass in Frankreich weiterhin ein verklärtes, unkritisches Bild der kolonialen Vergangenheit vorherrscht, sehen zahlreiche Kritiker im 2006 neu eröffneten Musée Quai Branly bestätigt, dessen Ausstellungen weiterhin von kolonialen Perspektiven geprägt seien.[5]

Politisch korrekter agierte der Élysée-Palast bei einem anderen heiklen Thema. Bereits 2001 erkannte Frankreich als erster Staat überhaupt mit einem von der Abgeordneten Christine Taubira eingebrachten Gesetz die Sklaverei als Verbrechen gegen die Menschlichkeit an, und an jedem 10. Mai gedenkt das Land nun feierlich der Abschaffung der Sklaverei. Dieses Feld der Erinnerungspolitik ist jedoch ebenfalls Gegenstand zum Teil erbitterter öffentlicher Dispute.[6] Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten die Kontroversen vor zwei Jahren, als ein Collectif des Antillais, Guyanais, Réunionnais den Historiker Olivier Pétré-Grenouilleau vor dem Zivilgericht in Paris verklagte. Dieser hatte in seiner 2004 veröffentlichten, preisgekrönten Studie "Les Traites négrières. Essai d'histoire globale" auf die eigentlich bekannte Tatsache verwiesen, dass der Sklavenhandel nur durch die Beteiligung williger afrikanischer Helfer möglich war. In einem Zeitungsinterview verwahrte er sich überdies dagegen, den Sklavenhandel als Genozid zu bezeichnen. Es sei nicht darum gegangen, ein Volk zu vernichten: "Der Sklave war eine Ware, besaß einen kommerziellen Wert und sollte so viel wie möglich arbeiten."[7]


Diese Aussagen erregten den Zorn karibischer Intellektueller, die darin eine Beleidigung der Opfer des Sklavenhandels und ihrer Nachkommen sahen. Pétré-Grenouilleau sah sich auf eine Stufe mit den Holocaust-Leugnern des Front National gestellt und als dreister Geschichtsfälscher diffamiert. Eine Vortragseinladung nach Guyana wurde zurückgenommen. Als Antwort auf diese Kampagne formulierten 19 bekannte Historiker, darunter Pierre Nora, eine Petition, in der sie die ständigen politischen und rechtlichen Interventionen bei der Interpretation der Vergangenheit beklagten. In einer dramatisch-radikalen Geste forderten sie die Aufhebung diverser Gesetze, welche die Erinnerung staatlich zu regeln suchen. In ihrer Intention sind die von Nora und seinen Mitstreitern inkriminierten Gesetze zwar unterschiedlich, denn das eine schreibt ein positives Kolonialismusbild vor, das andere verdammt die Sklaverei, ein drittes erkennt die türkischen Massenmorde an den Armeniern als Genozid an. Doch alle, so argumentierten die Petenten, schränkten die Freiheit der Historiker ein und behinderten die Ausübung historischer Forschung und Reflexion. Dass diese Petition Gegenstimmen provozierte, war wenig überraschend. Der Historiker und Migrationsforscher Gérard Noiriel etwa mokierte sich, es sei absurd, sich von der Abschaffung von bestimmten Gesetzen das Ende der gegenwärtigen Erinnerungskontroversen zu erhoffen. Immerhin wurde die Klage gegen Pétré-Grenouilleau zurückgenommen.[8]

Trotz seiner im 20. Jahrhundert höchst repressiven Politik gegenüber außereuropäischen Immigranten war Frankreich stets von der Präsenz wichtiger schwarzer Künstler und Intellektueller geprägt. Die Arbeiten dieser Personengruppe sind Teil einer globalen Kultur geworden.[9] Gleichzeitig lässt sich gerade in Frankreich beobachten, wie die Globalisierung mit Ausschluss und Abgrenzung einhergeht. Die Kapitalströme mögen grenzenlos fließen, Zuwanderer mit schwarzer Hautfarbe sehen sich mit immer neuen Grenzen konfrontiert.[10]

Die gegenwärtige Generation der Immigranten ist freilich nicht die erste, die zu spüren bekommt, dass das heilige Motto "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" in der gesellschaftlichen Wirklichkeit eher selten praktiziert wird. Das mussten etwa die zahlreichen afrikanischen Soldaten (Tirailleurs) erfahren, die in den beiden Weltkriegen für Frankreich kämpften und starben. Viele der noch lebenden afrikanischen Kriegsveteranen sind der Überzeugung, dass Frankreich ihre Leistungen und Opfer niemals angemessen gewürdigt, geschweige denn finanziell adäquat kompensiert hat. Die Figur des afrikanischen Ex-Tirailleurs ist in der politischen Sphäre des postimperialen Frankreichs noch heute bedeutsam. Die Erinnerungen der Soldaten provozieren weiterhin grundlegende Fragen über Geschichte, Verpflichtung und politische Gemeinschaft im Gefolge des französischen Kolonialreichs. Diese Fragen erlauben es den Afrikanern, ein Bild der Kolonialzeit zu entwerfen, in der sie oder ihre Vorfahren nicht nur Opfer waren. Sie ermöglichen Veteranen, Einwanderern und anderen, Forderungen an den französischen Staat zu stellen und auch eine gemeinsame Geschichte des Kampfes für die Befreiung Frankreichs vom Faschismus zu evozieren.[11]

Fußnoten

4.
Vgl. Benjamin Stora/Mohammed Harbi, La Guerre d'Algérie: 1954 - 2004, la fin d'amnésie, Paris 2004; Todd Shepard, The Invention of Decolonization. The Algerian War and the Remaking of France, Ithaca/N.Y. 2006.
5.
Vgl. Dominic Thomas, Le musée du Quai Branly: actualité et devenir. Entretien croisé avec Jean-Pierre Mohu, in: Cultures du Sud, 165 (April-Juni 2007), S. 36 - 41.
6.
Vgl. Françoise Verge, Les troubles de la mémoire: traite négrière, esclavage, et écriture de l'histoire, in: Cahiers d'Etudes Africaines, 179 - 180 (2005).
7.
Le Journal du Dimanche vom 12.6. 2005.
8.
Vgl. Luc Daireux, L'Affaire Olivier Pétré-Grenouilleau. Éléments de chronologie, 4.1. 2006: www.clionauts.org/spip.article925 (8.11. 2007).
9.
Vgl. Dominic Thomas, Black France. Colonialism, Immigration, and Transnationalism, Bloomington 2006.
10.
Vgl. Jean-François Bayart, Le gouvernement du monde. Une critique politique de la globalisation, Paris 2004.
11.
Vgl. Gregory Mann, Native Sons. West African Veterans and France in the Twentieth Century, Durham/N.C. 2006.