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14.12.2007 | Von:
Andreas Eckert

Der Kolonialismus im europäischen Gedächtnis

Koloniale Vergangenheit und nationale Identität

Die Rückwirkungen der kolonialen Erfahrung sind freilich nicht nur in Frankreich, sondern in den meisten ehemaligen europäischen Kolonialmächten zu einem wichtigen Thema geworden, welches nicht allein die Fachwissenschaft, sondern auch die Öffentlichkeit und gelegentlich die Politik beschäftigt. Am deutlichsten manifestiert sich das Interesse an den Folgen der kolonialen Vergangenheit für die Gegenwart neben Frankreich wohl in Großbritannien. Das Empire schlug auf der Insel in vielfältiger Form zurück, nicht zuletzt in Gestalt verstärkter Migration aus den (ehemaligen) Kolonialgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg.[12] In den Satanic Verses hat Salman Rushdie, selbst ein "Kind des Empire", für die in seinen Augen immense Bedeutung des Weltreichs für die britische Geschichte die eindringliche Formulierung gefunden, nach der "das Problem der Engländer darin besteht, dass ihre Geschichte im wesentlichen in Übersee stattgefunden hat und sie daher ihre Bedeutung nicht verstehen" könnten.[13] Die britische Kolonialgeschichte fand aber nicht nur in Übersee, sondern gleichsam auch in Großbritannien selbst statt und hinterließ dort ebenfalls ihre Spuren.

Es ist eine alte Frage, ob und in welcher Weise überseeische Besitzungen und Aktivitäten auf das "Mutterland" zurückwirken. In seiner 1883 publizierten, äußerst populären Studie "The Expansion of England" konnte sich Sir John Seeley, Königlicher Professor an der Universität Cambridge, die Schaffung des britischen Empire nur als einen "Akt von Geistesabwesenheit" vorstellen. Damit wollte er freilich nicht suggerieren, die imperialen Eroberer und Prokonsuln hätten nicht gewusst, was sie taten. Seeley betrübte vielmehr die Tatsache, dass die Mehrheit der Briten nicht das geringste Interesse und nur wenige Kenntnisse über die imperialen Unternehmungen ihres Landes offenbarten. In seinem Buch notierte er mit Bestürzung, dass "wir immer noch annehmen, wir seien lediglich eine Rasse, die eine Insel vor der nördlichen Küste des europäischen Kontinents bewohnt".

Seeley zufolge war Großbritannien hingegen eine imperiale Nation sui generis, für deren Selbstverständnis und Eigendefinition die Expansion konstitutiv war. Lange Zeit konnte sich diese Sichtweise jedoch nicht durchsetzen. Es birgt eine gewisse Ironie, dass das akademische Interesse am Empire und den Rückwirkungen der imperialen Erfahrungen auf das "Mutterland" sich erst zu dem Zeitpunkt intensivierte, als das britische Weltreich längst Geschichte war. Bis vor knapp zwei Dekaden noch litten jene, die sich mit dem britischen Imperialismus beschäftigten, unter ihrem Image als reaktionäre Militariasammler, die längst vergangener Größe nachtrauerten. Auf dem Markt des Wissens drängt sich derweil jedoch eine Vielzahl von Studien, die auf unterschiedliche Weise die These zu belegen suchen, dass das Empire einen fundamentalen Bestandteil britischer Kultur und nationaler Identität gebildet habe.[14] Linda Colley wagte sich gar mit der Behauptung vor, dass eine britische Identität erst in bewusster Abgrenzung zum "kolonisierten Anderen" entstanden sei.[15]

Es ist inzwischen populär geworden, nahezu jeden zentralen Aspekt in der britischen Gesellschaft mit dem Imperialismus (und seinen Nachwirkungen) in Verbindung zu bringen. Dabei wird der Bogen überspannt, gleichsam eine Überkompensation jahrzehntelanger Vernachlässigung dieser Dimension. Dem Enthusiasmus, jedem Theaterstück, jeder Konsumgewohnheit eine imperiale Agenda zu unterstellen, stellte etwa der Historiker Bernard Porter ein gerüttelt Maß an Skepsis entgegen. Großbritannien mag ein Weltreich besessen haben, in dem zeitweilig die Sonne nie unterging; die Briten, schreibt er, hätten dem Empire gegenüber mehrheitlich jedoch ignorant oder bestenfalls indifferent gegenübergestanden. Vor allem aber habe es zu keinem Zeitpunkt eine einzige, einheitliche "imperiale Kultur" gegeben, von der die Nation durchsetzt oder geprägt gewesen sei. Dazu sei, argumentiert Porter, das britische Weltreich ein viel zu großes, vielschichtiges und zerklüftetes Gebilde gewesen. Aber auch Großbritannien war und ist eine sehr komplexe Gesellschaft, charakterisiert durch religiöse, politische, regionale und Klassengrenzen. Unter diesen Umständen mache die Vorstellung von einer monolithischen, in das Empire "getränkten" nationalen Kultur keinen Sinn.[16]

Es gibt also gute Gründe, daran zu zweifeln, ob das britische Weltreich selbst auf dem Höhepunkt seiner Macht tatsächlich so bedeutsam für das Leben der Mehrheit der Briten gewesen ist, wie vielfach behauptet wird. Aber wie ist es dann möglich, dass zwar der Einfluss des Empire in der Vergangenheit eher begrenzt war, die Erinnerungen an das Weltreich für die Gegenwart und Zukunft der britischen Gesellschaft jedoch von großer Relevanz sind? Die Mehrzahl der Briten zeigt sich seit dem Zweiten Weltkrieg jedenfalls unfähig, mit dem durch das Ende des Empire hervorgerufenen, tiefgreifenden Wandel in der nationalen Identität angemessen umzugehen. Die mit dem imperialen Projekt verknüpfte Schuld und die Trauer um das verloren gegangene Weltreich werden noch immer weitgehend verdrängt. Anstelle einer Aufarbeitung lässt sich eher die Flucht in einen übersteigerten Narzissmus, in das künstliche Paradies einer homogenen Identität beobachten.

Diese Flucht findet ihren Ausdruck etwa in Xenophobie und der Leugnung der real existierenden Multikulturalität in den großen Städten. Die Frage der Einwanderung der "Kinder des Empire" nach Großbritannien avancierte in den 1960er Jahren zu einem Politikum ersten Ranges und ist seither nicht mehr aus den öffentlichen Debatten verschwunden. Während sich ein Großteil der Presse zunächst noch gegen eine Beschränkung der Einwanderung wandte, war die Reaktion der Bevölkerung auf die zunehmende Immigration "farbiger" Commonwealth-Bürger eindeutig negativ. Schon bald schwenkte die Politik auf einen immigrationsfeindlichen Kurs. Die Gegner einer fortgesetzten Einwanderung aus dem Commonwealth fürchteten zum einen um die nationale Identität Großbritanniens, zum anderen galten ihnen Immigranten als dreiste Nutznießer wohlfahrtsstaatlicher Einrichtungen. Rasseideologien sind in Teilen der Bevölkerung besonders nach dem 11. September 2001 wieder auf dem Vormarsch und manifestieren sich auf vielfältige Weise: in hysterischen Debatten über Asylbewerber, in Feindseligkeiten gegenüber Einwanderern aus Osteuropa, in der Furcht vor "schwarzen" Gewaltverbrechern und vor allem in der Angst, von fremden, insbesondere muslimischen Terroristen infiltriert zu werden. Demgegenüber wird aber in den größeren Städten auch Multikulturalität von Jugendlichen aller Hautfarben auf allen Ebenen der populären Kultur praktiziert.[17]

Vor diesem Hintergrund ist die Erinnerung an Sklavenhandel, Kolonialherrschaft und Dekolonisation in Großbritannien zur Zeit widersprüchlich. Vor allem das Gedenken an die Sklaverei ist allgegenwärtig.[18] Formaler Anlass ist die zweihundertjährige Wiederkehr der Entscheidung des britischen Unterhauses, den Sklavenhandel mit britischen und anderen Kolonien für unrechtmäßig zu erklären. Vor einem Jahr bereits hatte der damalige Premierminister Tony Blair noch einmal seine Trauer, sein "tiefes Bedauern" über die schätzungsweise knapp vier Millionen afrikanischen Sklaven ausgedrückt, die allein auf britischen Schiffen in die so genannte Neue Welt verschleppt wurden, um auf den dortigen Plantagen Zwangsarbeit zu leisten. Unter Führung des Erzbischofs von Canterbury gedachte man in London mit einem walk of witness diesem traurigen Kapitel der Menschheitsgeschichte. In Liverpool, dem seinerzeit wichtigsten englischen Hafen für den Sklavenhandel, das im Zentrum der Festlichkeiten zum 200. Jahrestag der Abolition steht, öffnete im August 2007 das International Slavery Museum seine Tore, das, wie die Webpage verheißt, "ein größeres Bewusstsein für das Erbe der Sklaverei vermitteln" will.

Auch in vielen anderen englischen Städten laufen große Ausstellungsprojekte an. Im Londoner Museum in Docklands wurde eine Dauerausstellung zum Thema "London, Zucker und Sklaverei" eröffnet. Das nordenglische Hull feiert den berühmtesten Sohn der Stadt, William Wilberforce, ein Evangelikaler und begnadeter Redner zudem, der im britischen Parlament die Kampagne zur Abschaffung des Sklavenhandels anführte. Indes beklagen nicht wenige Kritiker, dass es bei diesem "Erinnerungshype" weniger um Sklaverei gehe als darum, sich irgendwie gut zu fühlen und vermeintliche britische Werte wie Demokratie und Toleranz in Zeiten des Kriegs gegen den Terror zu zelebrieren. Bereits vor zweihundert Jahren wurde der Kampf gegen Sklavenhandel und Sklaverei zu einem Emblem nationaler Tugend, ein Mittel, mit dem sich die Briten ihrer angeborenen Freiheitsliebe und ihrer moralischen Überlegenheit gegenüber anderen Völkern versichern konnten. Auch das Ende der britischen Kolonialherrschaft in Afrika und Asien wurde lange Zeit zum Ausdruck einer liberalen Denkungsart erklärt, gar zu einer Erfolgsgeschichte aus dem Geist angelsächsischer Freiheitsliebe stilisiert.[19]

Dieses Bild hat nicht zuletzt infolge der jüngsten Debatten über das Vorgehen der britischen Armee während des Mau-Mau-Krieges im Kenia der 1950er Jahre nachhaltig Risse bekommen. Eine Dokumentation der BBC sowie die Anfang 2004 zeitgleich publizierten Bücher von David Anderson und Caroline Elkins räumten nachhaltig mit dem verbreiteten Bild vom friedlichen Ende der britischen Kolonialherrschaft in Afrika auf.[20] Ihre Studien weckten in Großbritannien unangenehme, lange verdrängte Erinnerungen an ein dunkles Kapitel der eigenen Kolonialgeschichte. Die Briten charakterisierten seinerzeit den Kampf gegen Mau Mau zur Unterdrückung einer antikolonialen Revolte in Kenia als Krieg zwischen Wildheit und Zivilisation, als Rebellion von Afrikanern, die mit der Moderne nicht zurecht kamen und sich in eine primitive tribale Vergangenheit flüchteten, um das Rad des Fortschritts aufzuhalten. Die bedeutendste Chronistin der weißen Siedlergesellschaft Kenias, Elspeth Huxley, nannte Mau Mau "den Schrei aus dem Sumpf".

Die britische Kolonialverwaltung reagierte mit massiver Härte gegen die Rebellion, die vor allem vom Volk der Kikuyu getragen wurde. 95 getöteten Europäern, davon 32 Zivilisten, standen über zwanzigtausend tote Afrikaner gegenüber. Während des gut sieben Jahre dauernden Krieges wurden mehr als eintausend Afrikaner auf der Grundlage von hastig verabschiedeten Antiterrorgesetzen gehängt, weit mehr als in jedem anderen kolonialen Konflikt, Algerien eingeschlossen. Rund siebzigtausend Einheimische wanderten ohne Prozess oft für mehrere Jahre in Gefängnisse und Internierungslager, wo die Administration sie rigorosen Umerziehungsprogrammen unterwarf. Über einhunderttausend Menschen wurden umgesiedelt. Das koloniale Kenia war in den 1950er Jahren, schrieb David Anderson, ein brutaler Polizeistaat: "In ihrem Versuch, Einfluss und Autorität aufrechtzuerhalten, wurde die britische Regierung, die ein Jahrzehnt zuvor im Zweiten Weltkrieg aufrecht gegen die Tyrannei gekämpft hatte, selbst zum Tyrann."

Die Bücher von Anderson und Elkins lösten in Großbritannien sogleich eine intensive öffentliche Debatte aus. "Unser Guantánamo", überschrieb der "Guardian" einen Artikel zum Thema Mau Mau, und die Wochenzeitschrift "Economist" verwies ebenfalls auf Parallelen zwischen dem britischen Verhalten in Kenia und der amerikanischen Außenpolitik unter George W. Bush. Wichtige gemeinsame Aspekte seien in diesem Zusammenhang das fehlende Verantwortungsbewusstsein, die grobe Rechtssprechung, das Ignorieren internationaler Konventionen, die Misshandlung von Gefangenen sowie Inhaftierungen ohne ordentliches Gerichtsverfahren. Der Historiker Stephen Howe beklagte im "Independent" das damalige Versagen der britischen Intellektuellen. Im Vergleich zum Engagement von Jean-Paul Sartre, Albert Camus und anderen gegen die im Algerienkrieg von Frankreich begangenen Verbrechen sei die Reaktion der britischen Denker und Künstler auf die Gewaltexzesse in Kenia beschämend zurückhaltend ausgefallen. Auf öffentlichen Diskussionsveranstaltungen zum kolonialen Krieg in Kenia wurden überdies Forderungen laut, noch lebende Mitarbeiter aus der Kolonialverwaltung juristisch zur Verantwortung zu ziehen. Andere riefen nach Reparationen.

Fußnoten

12.
Vgl. Andrew Thompson, The Empire strikes back? The Impact of Imperialism on Britain from the mid-nineteenth century, London u.a. 2003. Die Grundzüge der Migration aus den Kolonien nach Großbritannien werden zusammengefasst von Kenneth Lunn, Großbritannien, in: Klaus J. Bade/Pieter C. Emmer/Leo Lucassen/Jochen Oltmer (Hrsg.), Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Paderborn 2007, S. 68 - 84.
13.
Salman Rushdie, Die Satanischen Verse, München u.a. 1989, S. 337. Zur Bedeutung von Literatur im Kontext von postkolonialen Gesellschaften vgl. Bill Ashcroft u.a., The Empire writes back. Theory and practice in post-colonial literatures, London 1989.
14.
Vgl. etwa Peter J. Cain/Anthony G. Hopkins (Hrsg.), British Imperialism, 2 Bde., London-New York 1993; John M. MacKenzie, The Popular Culture of Empire in Britain, in: Judith M. Brown/Wm. Roger Louis (Hrsg.), Oxford History of the British Empire, Bd. 4: The Twentieth Century, Oxford 1999, S. 212 - 231; David Cannadine, Ornamentalism. How the British saw their Empire, London 2001.
15.
Linda Colley, Britons. Forging the Nation 1707 - 1837, New Haven-London 1992.
16.
Vgl. Bernard Porter, The Absent-Minded Imperialists. What the British really thought about empire, Oxford 2004.
17.
Vgl. Paul Gilroy, After Empire. Melancholia or Convivial Culture? Oxford-New York 2004.
18.
Vgl. Stephen Farrell/Melanie Unwin/James Walvin (Hrsg.), The British Slave Trade: Abolition, Parliament and People, Edinburgh 2007.
19.
Vgl. Gerhard Altmann, Abschied vom Empire. Die innere Dekolonisation Großbritanniens, Göttingen 2005.
20.
Vgl. David Anderson, Histories of the Hanged. Britain's Dirty War in Kenya and the End of the Empire, London 2005; Caroline Elkins, Britain's Gulag. The Brutal End of Empire in Kenya, London 2005.