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14.12.2007 | Von:
Andreas Eckert

Der Kolonialismus im europäischen Gedächtnis

Wir nicht, die Anderen auch

Die Angst vor Reparationen hält viele europäische Politiker bis heute davon ab, sich öffentlich und explizit für die kolonialen Verbrechen zu entschuldigen. Dies gilt auch im Falle Deutschlands, das in seiner nur dreißig Jahre währenden kolonialen Herrschaft zwei der umfassendsten und brutalsten Kolonialkriege führte: 1904 bis 1908 den Krieg gegen die Herero und Nama im damaligen Deutsch-Südwestafrika (dem heutigen Namibia) sowie 1905 bis 1907 den so genannten Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika (heute Tansania).[21]

Lange Zeit schien die koloniale Vergangenheit in Deutschland kein Interesse zu wecken. Dies hing zweifelsohne mit der verbreiteten Neigung zusammen, Kolonialismus und Kolonialherrschaft gleichzusetzen und so Deutschland einen Platz am Rande kolonialer Verwicklungen zuzuweisen. Der deutsche Kolonialbesitz war ja in der Tat ökonomisch wenig bedeutend und insgesamt nur von kurzer Dauer. Deutschland blieb von imperialen Folgeproblemen scheinbar unberührt. Die "Bewältigung" der nationalsozialistischen Vergangenheit und des Holocaust sowie die Westintegration standen im Kontext des Kalten Krieges auf der politischen Agenda weit oben. In diesem Zusammenhang waren Politiker zwar bereit, in einem gewissen Maß die fatale Rolle des Antisemitismus in der deutschen Geschichte zu konzedieren, kolonialer Rassismus und die Ausbeutung Afrikas, Asiens und Lateinamerikas hingegen waren in diesem Blickwinkel Dinge, welche "die Anderen" zu "bewältigen" hatten. Die Bundesrepublik Deutschland konnte sich in den ersten Dekaden sogar als gleichsam unbelasteter Partner in der Entwicklungszusammenarbeit präsentieren, dessen Politik frei von neokolonialen Interessen war.

Die Debatte über den Herero-Krieg gewann nicht zuletzt deswegen an Brisanz, weil sie mit dem zentralen Fluchtpunkt der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts verknüpft ist: Nationalsozialismus und Holocaust. Besonders der inzwischen an der Universität Sheffield lehrende Historiker Jürgen Zimmerer hat diese Debatte geprägt, auch durch zahlreiche Beiträge in Tageszeitungen. Während ihm viele in der These folgen, der Krieg der deutschen Schutztruppen gegen die Herero und Nama sei ein Genozid gewesen und zugleich Präludium für ein Jahrhundert des totalen Krieges, laufen sie gegen Zimmerers zweite, in Anlehnung an Hannah Arendt formulierte These Sturm: dass nämlich die nationalsozialistische Eroberungs- und Vernichtungspolitik in ihren zentralen Begriffen wie "Rasse" und "Raum" in der Tradition des europäischen Kolonialismus stehe, ohne dass man die Verbrechen des Nationalsozialismus gradlinig auf den Kolonialismus zurückführen könne. Gleichwohl sieht Zimmerer eine Verbindung "von Windhuk nach Auschwitz".[22]

In ihrer Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit in Namibia lavierte die deutsche Regierung beträchtlich, indem sie sich zwar zu einer "besonderen Verantwortung" bekannte, eine finanzielle Entschädigung der Herero jedoch kategorisch ablehnte. Daher blieb eine offizielle Entschuldigung aus, und Außenminister Joschka Fischer und Bundeskanzler Gerhard Schröder vollführten bei ihren Staatsbesuchen in Namibia im Oktober 2003 bzw. Januar 2004 einen wahren Eiertanz, weil sie sich zwar "historisch verantwortlich" präsentieren, eine Entschuldigung jedoch unbedingt vermeiden wollten. Erst Entwicklungsministerin Heide Wieczorek-Zeul entschuldigte sich offiziell und auf sehr emotionale Weise im August 2004 im Rahmen einer Gedenkfeier in der namibischen Hauptstadt Windhuk: "Die damaligen Gräueltaten waren das, was man heute als Völkermord bezeichnen würde (...). Wir Deutsche bekennen uns zu unserer historisch-politischen und moralisch-ethischen Verantwortung und zu der Schuld, die wir damals auf uns geladen haben. Ich bitte Sie im Sinne des gemeinsamen Vaterunser' um Vergebung unserer Schuld."[23] Sogleich sah sich die Ministerin mit einer Presseerklärung des entwicklungspolitischen Sprechers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Christian Ruck konfrontiert. Die Erklärung trug den marktschreierischen Titel: "Gefühlsausbruch der Entwicklungsministerin kann Steuerzahler Milliarden kosten - Überraschende Aussagen vor den versammelten Hereros und ihren Rechtsanwälten." Im Text war zu lesen: "Jetzt kann Wieczorek-Zeuls Rede die entscheidende Wende zu Lasten Deutschlands bedeuten. Sie erhöht ohne jeden Grund das Prozessrisiko und belastet die Beziehungen zu Namibia insgesamt."[24]

Es blieb ein Sturm im Wasserglas. Die Entschuldigung der Ministerin löste keineswegs Wiedergutmachungsklagen aus, inzwischen ist die Thematik ohnehin, so scheint es, aus dem öffentlichen Bewusstsein weitgehend wieder verschwunden. Der zweite große Kolonialkrieg mit deutscher Beteiligung, der Maji Maji-Krieg, konnte kaum öffentliches Interesse wecken. Dabei waren die Folgen dieses Krieges beziehungsweise der deutschen Kriegsführung ebenfalls von erheblichem Ausmaß: Deutsche Maschinengewehre und eine Taktik der "verbrannten Erde" führten auf Seiten der afrikanischen Bevölkerung zu Hungersnöten, Epidemien und dem Zerfall sozialer Strukturen. Verlässliche Zahlen zu den Opfern des Krieges auf afrikanischer Seite liegen nicht vor. Schätzungen bewegen sich zwischen sechzig- und zweihunderttausend Toten.

Die kontroverse Erinnerung an den deutschen Kolonialismus manifestierte sich in den vergangenen Jahren häufig im Zusammenhang mit Denkmälern und der Schaffung von Erinnerungsorten.[25] Auffällig ist überdies die stark anwachsende Präsenz insbesondere des kolonialen Afrika in deutschen Büchern und Filmen. Der Internetversandhandel Amazon hat über 300 zwischen 1981 und 2006 publizierte Romane über Afrika im Angebot; 80 Prozent davon kamen in der Dekade nach Stefanie Zweigs 1995 veröffentlichten, sechs Jahre später verfilmten Bestseller "Nirgendwo in Afrika" in den Buchhandel, offenbar auch in dem Versuch, vom enormen Erfolg dieses Titels zu profitieren. In diesem Zusammenhang wurde eine eher romantische Vorstellung vom kolonialen Leben in Afrika popularisiert. Interessant ist jedoch, dass die meisten dieser Romane in den britischen Afrikakolonien nach dem Ersten Weltkrieg spielen. Allerdings bilden zunehmend auch deutsche Kolonien den Hintergrund für große Fernsehmehrteiler wie der Anfang 2007 ausgestrahlte "Afrika, mon amour".

Auch in anderen europäischen Ländern, die einst Kolonialmächte waren, rückt die koloniale Vergangenheit zunehmend in den Fokus öffentlicher (und wissenschaftlicher) Debatten. In Belgien etwa lösten die Forschungen von Ludo de Witte über die Ermordung des ersten Premierministers des Kongo, Patrice Lumumba, die Einsetzung einer Untersuchungskommission aus, die in ihrem Abschlussbericht konstatierte, dass die belgische Bevölkerung unter einer "nicht akzeptierten Vergangenheit" leide.[26] In Italien äußern Historiker die Hoffnung, dass die wachsende Präsenz oft "illegaler" afrikanischer Migranten helfen wird, die lange verdrängte Erinnerung an die koloniale Vergangenheit des Landes zu mobilisieren.[27]

Weitere Beispiele ließen sich hinzufügen. Die Debatten über die Bedeutung der kolonialen Vergangenheit für die Gegenwart laufen noch weitgehend im Rahmen nationaler Diskurse. Kolonialismus war jedoch ohne Zweifel ein europäisches Projekt. Die europäische Moderne ist nur schwer denkbar ohne Kolonialismus und Imperialismus. Europa realisierte sich in der Welt, in der Auseinandersetzung mit anderen Gesellschaften jenseits der eigenen Grenzen. Die europäische Expansion veränderte die Welt und mit ihr Europa. Sie prägte nicht nur die eroberten und kolonisierten Gebiete in Übersee, sondern auch die europäischen Staaten selbst. Bei der Ausgestaltung des "gemeinsamen Hauses Europa" wird sich das "koloniale Erbe" nicht in den Keller sperren lassen. Die weitgehend noch nationalstaatlich geführten Auseinandersetzungen werden in europäische Debatten münden.

Fußnoten

21.
Vgl. Jürgen Zimmerer/Joachim Zeller (Hrsg.), Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904 - 1908) in Namibia und seine Folgen, Berlin 2003; Felicitas Becker/Jigal Beez (Hrsg.), Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika 1905 - 1907, Berlin 2005.
22.
Jürgen Zimmerer, Von Windhuk nach Auschwitz. Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust, Münster 2007. Gegenposition bei Stephan Malinowski/Robert Gerwarth, Der Holocaust als "kolonialer Genozid"? Europäische Kolonialgewalt und nationalsozialistischer Vernichtungskrieg, in: Geschichte und Gesellschaft, 33 (2007) 3, S. 439 - 466.
23.
Zit. nach: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 16.8. 2004, S. 2.
24.
Zitate nach: Janntje Böhlke-Itzen, Die bundesdeutsche Diskussion und die Reparationsfrage. Ein "ganz normaler Kolonialkrieg"?, in: Henning Melber (Hrsg.), Genozid und Gedenken. Namibisch-deutsche Geschichte und Gegenwart, Frankfurt/M. 2005, S. 118.
25.
Grundlegend dazu: Joachim Zeller, Kolonialdenkmäler und Geschichtsbewusstsein. Eine Untersuchung der kolonialdeutschen Erinnerungskultur, Frankfurt/M. 2000. Vgl. für ein Fallbeispiel Heiko Möhle, Kolonialismus und Erinnerungspolitik. Die Debatte um die Hamburger "Askari-Reliefs", in: Steffi Hobuß/Ulrich Lölke (Hrsg.), Erinnern verhandeln. Kolonialismus im kollektiven Gedächtnis Afrikas und Europas, Münster 2007, S. 196 - 213.
26.
Vgl. Commission d'enquête parlementaire chargée de determiner les circonstances exactes de l'assassinat de Patrice Lumumba et l'implication éventuelle des responsables politique belges dans celui-ci, Brüssel 2001; Ludo de Witte, Regierungsauftrag Mord. Der Tod Lumumbas und die Kongo-Krise, Leipzig 2001.
27.
Vgl. Alessandro Triulzi, Displacing the Colonial Event: Hybrid memories of Postcolonial Italy, in: Fabrizio De Donno/Neelam Srivastava (Hrsg.), Colonial and Postcolonial Italy, Themenheft von Interventions, 8 (2006) 3, S. 430 - 443. Aufsehen erregten verschiedene Publikationen zum gezielten Giftgaseinsatz der italienischen Armee während des Abessinienkrieges, vgl. etwa Aram Mattioli, Experimentierfeld der Gewalt. Der Abessinienkrieg und seine internationale Bedeutung 1935 - 1941, Zürich 2005.