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11.12.2009 | Von:
Heike Walk

Krise der Demokratie und die Rolle der Politikwissenschaft

Fazit

Wie ist die Analyse der demokratischen Probleme moderner Governance-Systeme in diesem historischen politikwissenschaftlichen Rückblick zu verorten? Zweifelsohne kann die Governance-Forschung der dritten Phase zugeordnet werden. Häufig geht es in den Analysen um die Untersuchung einzelner Politikfelder. Dabei konzentrieren sich die meisten Governance-Untersuchungen ebenso wie die Politikfeldanalysen auf die Problemlösung. Eine Vergleichsstudie des Verhältnisses der Politikfeldanalyse und der Governance-Forschung steht noch aus.

Offensichtlich ist aber, dass demokratische Probleme und die Demokratieentwicklung nicht mehr im Zentrum der neueren politikwissenschaftlichen Studien stehen. Heidrun Abromeit mahnte in ihrer Abschiedsvorlesung an, dass die Politikwissenschaft mehr und mehr zu "einem selbstreferentiellen System geworden ist (...). Immer dieselben Autoren zitieren sich gegenseitig und erzählen einander immer dieselben Sachen."[13] Der kritische Impuls der Politikwissenschaft verkommt zum affirmativen Diskurs.

Dabei könnte das Nachdenken der Politikwissenschaft über Möglichkeiten der Revitalisierung der Demokratie dem politischen Diskurs neue Impulse geben und dem schwindenden Vertrauen in die Demokratie, gerade angesichts der aktuellen und globalen Finanzkrise, entgegenwirken. Denn demokratische Institutionen werden schnell unwirksam, wenn Menschen sie nicht mit Leben füllen und demokratisch handeln. Anregungen über Möglichkeiten und Grenzen demokratischer Strukturen sind deshalb gefragter denn je. Die getrennt laufenden wissenschaftliche Diskurse über gesellschaftliche und ökonomische Entwicklungen und damit zusammenhängende Fragen der Demokratie auf der einen Seite und die problemlösungsorientierten politikwissenschaftlichen Analysen auf der anderen Seite sollten schleunigst wieder zusammengeführt und mit dem normativen Leitbild einer solidarischen, sozialen und partizipativen Demokratie versehen werden. Mit anderen Worten: Auch Governance-Analysen sollten nicht nur die Problemlösung in den Blick nehmen, sondern verstärkt die Gestaltungsbeteiligung auf den unterschiedlichen Ebenen vorantreiben.

Fußnoten

13.
Heidrun Abromeit, Gesellschaften ohne Alternativen. Zur Zukunftsunfähigkeit kapitalistischer Demokratien, in: Jens Sambale/Volker Eick/Heike Walk, Das Elend der Universitäten. Neoliberalisierung deutscher Hochschulpolitik, Münster 2008, S. 57.

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