BUNDESTAGSWAHL 2021 Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

11.12.2009 | Von:
Stephan Lessenich

Krise des Sozialen?

Erfindung des Sozialen

Inwiefern kann die Entstehung des modernen Sozialstaats als Akt der "Erfindung" des Sozialen gelten? Der Aufbau sozialstaatlicher Institutionen bringt eine fundamentale Umgestaltung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft mit sich. Die elementare Unsicherheit der Einzelexistenz im Zeichen der sich durchsetzenden Marktgesellschaft wird in der sozialstaatlichen Logik als soziales - überindividuell auftretendes und daher kollektiv zu bewältigendes - Risiko gedeutet.[5] Die der frühkapitalistischen "Teufelsmühle" geschuldeten gesellschaftlichen Verwerfungen sensibilisieren die Menschen für "ihr kollektives Sein, als hätten sie dessen Existenz vorher völlig übersehen".[6] Der Sozialstaat entsteht aus jenem kollektiven Sein, gründet auf einem gesellschaftlichen Kollektivbewusstsein - und prägt dieses mit jedem Schritt seiner Expansion. In gewisser Weise sucht (und findet) die Gesellschaft das Soziale in und an sich selbst, indem sie die Sicherung des individuellen Wohlergehens in die Verantwortung einer öffentlichen Instanz legt, es unter deren Schutz (und damit zugleich auch Kontrolle) stellt. Die öffentliche Hand des Sozialstaats webt das Netz des Sozialen. Der Sozialstaat wird Zug um Zug zum Adressaten von Schutzerwartungen, Unterstützungsansprüchen und Hilfsanrufungen, welche die Gesellschaft an sich selbst richtet - und über den Sozialstaat prozessiert.

Die sozialintegrative Großtat des sogenannten keynesianischen Sozialstaats hoch industrialisierter Nachkriegsgesellschaften bestand darin, die gegensätzlichen und tendenziell konfliktreichen, durch die Interessenorganisationen von Kapital und Arbeit vertretenen Logiken der Gestaltung des wirtschaftlichen Produktionsprozesses vermittelnd in sich aufzuheben - oder diese jedenfalls als miteinander kompatibel erscheinen zu lassen. Das "goldene Zeitalter" des Sozialstaatskapitalismus gründete auf dem historischen Kompromiss "between the economic and the social":[7] zwischen der ökonomischen Rationalität der Profitabilität auf der einen und der sozialen Rationalität der Partizipation auf der anderen Seite. Der Staat übernimmt in diesem Kompromissarrangement eine doppelte gesellschaftliche Verantwortung: für die Regulierung des Ökonomischen in sozialer sowie des Sozialen in ökonomischer Absicht. In beiderlei Hinsicht wird er zum Sozial-Staat: Indem er den Marktmechanismen Grenzen setzt und die Dispositionsrechte der unternehmerisch Handelnden einschränkt, ergreift er Partei für "die Arbeit" bzw. für die Interessen der breiten Masse der Arbeitenden; indem er deren Bedienung und Befriedigung zugleich jedoch unter Finanzierungsvorbehalt stellt und damit in ökonomisch "vernünftige" Bahnen lenkt, bedient er gleichermaßen die Interessen "des Kapitals" - aber auch der Lohnabhängigen selbst - an der Stabilisierung des wirtschaftlichen Wertschöpfungsprozesses.

Es ist diese doppelte, ökonomisch-soziale Verantwortungsübernahme des keynesianisch inspirierten Interventionsstaats, die zur permanenten Ausweitung der Staatstätigkeit führt, mehr noch: die diese Ausweitung notwendig werden lässt, ja geradezu erzwingt.[8] Die ihm gesellschaftlich auferlegte Rolle des Vermittlers zwischen den Interessen von Kapital und Arbeit lässt den Sozialstaat zwischen die sozialen Fronten geraten - und insofern er sich gerade dadurch konstituiert und legitimiert, dass er die Interessen beider Seiten zu bedienen vermag und miteinander zu vereinbaren versteht, gerät er geradezu unausweichlich in die (nicht bloß fiskalische) Klemme. "There is a considerable price to be paid then for this clever move":[9] für den sozialstaatlichen Anspruch nämlich, gleichsam "jedermanns Liebling" sein, das Ökonomische in sozialer und das Soziale in ökonomischer Absicht regulieren zu wollen.

Wie weit muss der moderne Staat seine politische "Beförderung des Sozialen" treiben?[10] Die Antwort lautet, allen gängigen Redensweisen von "Sozialabbau" (wenn es um Kürzungen öffentlicher Leistungen geht) zum Trotz: Sozial-Politik, die staatliche Politik mit dem Sozialen, muss prinzipiell immer weiter getrieben werden - der moderne, demokratisch-kapitalistische Sozialstaat kann gar nicht anders. Die eigentliche, politisch-soziologisch problemaufschließende Frage ist eine andere: Wie, in welcher Weise, sucht der moderne Staat als Sozialstaat das Soziale zu befördern? Die Formen und Mechanismen seiner Sozial-Politik wandeln sich nämlich historisch - in welche Richtung weisen sie heute? Wir erleben gegenwärtig, so die hier zu vertretende These, eine grundlegende Umorientierung der staatlichen Politik mit dem Sozialen - eine fundamentale Sozial-Reform, die im Kern darin besteht, die ehedem öffentliche Verantwortung für das Soziale zu privatisieren, oder genauer: jedem und jeder Einzelnen selbst zuzuweisen, die Sorge um das Soziale jedem einzelnen Selbst in dessen subjektive Handlungsorientierungen und alltägliche Lebensführungsmuster einzuschreiben. Diese sozialpolitische Umorientierung bezeichne ich als die zeitgenössische "Neuerfindung des Sozialen".[11]

Fußnoten

5.
Vgl. François Ewald, Der Vorsorgestaat, Frankfurt/M. 1993; Friedbert W. Rüb, Risiko: Versicherung als riskantes Geschäft, in: Stephan Lessenich (Hrsg.), Wohlfahrtsstaatliche Grundbegriffe. Historische und aktuelle Diskurse, Frankfurt/M.-New York 2003.
6.
Karl Polanyi, The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen, Frankfurt/M. 2004 [zuerst 1944], S. 122.
7.
Jacques Donzelot, The Promotion of the Social, in: Economy and Society, 17 (1988) 3, S. 395 - 427, hier: S.421.
8.
Vgl. Georg Vobruba, Politik mit dem Wohlfahrtsstaat, Frankfurt/M. 1983.
9.
J. Donzelot (Anm. 7), S. 425.
10.
Vgl. ebd.
11.
Vgl. zum Folgenden ausführlich S. Lessenich (Anm. 3), S. 73ff.; weiterführend auch ders., Mobilität und Kontrolle. Zur Dialektik der Aktivgesellschaft, in: Klaus Dörre/Stephan Lessenich/Hartmut Rosa, Soziologie - Kapitalismus - Kritik. Eine Debatte, Frankfurt/M. 2009; ders., Aktivierungspolitik und Anerkennungsökonomie. Der Wandel des Sozialen im Umbau des Sozialstaats, in: Soziale Passagen, 1 (2009) 2 [i.E.].

Krise der Weltwirtschaft
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 20/2009)

Krise der Weltwirtschaft

Seit September 2008 hat die globale Finanz- und Wirtschaftskrise Deutschland fest im Griff. In dem Heft werden Ursachen und Verlauf der Krise aus verschiedenen Blickwinkeln diskutiert.

Mehr lesen

Finanzmärkte

Globale Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009

Die globale Finanzkrise, die 2007 als Immobilienkrise in den USA begann, hat fast überall auf der Welt zu einem deutlich abgeschwächten Wirtschaftswachstum oder zur Rezession geführt. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg schrumpfte das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) der ökonomisch entwickelten Staaten.

Mehr lesen