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11.12.2009 | Von:
Stephan Lessenich

Krise des Sozialen?

Das Soziale in der Krise

Dass in diesem neosozialen - die Subjekte zu eigenaktiven Sozialinvestitionen anhaltenden - Sozialstaat eine "Krise des Sozialen" herrsche, wird man ohne Weiteres also nicht behaupten können. Eine "Krise" erlebt das Soziale derzeit hingegen im Sinne eines Prozesses der Standortverlagerung seiner Produktionsstätte: Die Verantwortung für die Herstellung des Sozialen verschiebt sich vom System sozialstaatlicher Institutionen auf die Subjektivität sozialdienlicher Individuen. Dieser Ortswechsel des Sozialen (im eingangs beschriebenen Sinn) wird erwartbar befördert werden durch die kaum zu überschätzenden fiskalischen Langfristeffekte der ansonsten von ihren zentralen Akteuren fast schon wieder vergessen gemachten Finanzmarktkrise. Dass daher auf mittlere Sicht eine neuerliche Schlankheitskur des Sozialstaats ansteht, die wiederum zu einer erweiterten Dynamik aktivierungspolitischer Inanspruchnahme bislang ungenutzter Humanressourcen und Sozialverantwortungspotenziale führen wird, erscheint als realistische Prognose.

Realistisch erscheint aber ebenso die Annahme, dass sich diese aktivgesellschaftliche Dynamik keineswegs ungebrochen und widerspruchsfrei Bahn brechen wird. Schon der strukturelle Passivitätsverdacht, unter den die aufziehende Aktivgesellschaft einen Großteil ihrer Bürgerinnen und Bürger stellt, wird von diesen nicht ohne Weiteres hingenommen werden - zumal wenn diese Passivitätsdiagnose in eigentümlicher Weise mit der gleichzeitigen Behauptung einer tendenziell grenzenlosen Aktivierungsfähigkeit der als passiv Dargestellten kontrastiert. Ein Sozialstaat, der das soziale Problem unserer Zeit in der Passivität und mangelnden Eigenverantwortung der Subjekte verortet; der praktisch im selben Atemzug aber in denselben Subjekten eine innere, zu Aktivierung und Selbststeuerung fähige und bereite Konstitution (er)findet; und der diese neue Subjektivität wiederum unvermittelt mit politischen Imperativen sozialer Verantwortung und Gemeinwohldienlichkeit ausstattet -[22] ein solcher Sozialstaat wird zwangsläufig neue, ganz anders gelagerte soziale Probleme schaffen.

Diese Probleme speisen sich nicht nur aus neuen sozialen Spaltungslinien mit Blick auf die ungleich verteilten Möglichkeiten zur Erfüllung neosozialer Aktivitätsnormen oder aus den Kosten der notwendigen Kontrolle einer normgerechten Nutzung individueller Aktivitätspotenziale.[23] Sie resultieren auch aus der nie zu verhindernden, unbotmäßigen (weil immer eigensinnigen, politisch nicht steuerbaren) Umdeutung von öffentlichen Aktivitätsanrufungen - oder schlicht und einfach aus dem unwillkürlichen Widerwillen und spontanen Widerstand der Menschen gegen sinnlose Aktivitätszwänge und gegen die verquere Suggestion, dass das Soziale in der immerwährenden Bereitschaft zur Bewegung liege. Die Transformation des Sozialstaats öffnet Räume für das eine wie auch das andere gesellschaftliche Problemszenario. Es scheint keineswegs ausgemacht, wohin die Reise geht.

Fußnoten

22.
Vgl. Thomas Lemke, Eine Kritik der politischen Vernunft. Foucaults Analyse der modernen Gouvernementalität, Berlin 1997, S. 256.
23.
Vgl. Stephan Lessenich, Beweglich - Unbeweglich, in: ders./Frank Nullmeier (Hrsg.), Deutschland - eine gespaltene Gesellschaft, Frankfurt/M.-New York 2006; S. Lessenich, Mobilität (Anm. 11), S. 167ff.

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