APUZ Dossier Bild

11.12.2009 | Von:
Alexander S. Kekulé

Was wir aus der Schweinegrippe lernen können

Vorbereitung auf den Tag X

Der neue Erreger kam für die WHO und die nationalen Gesundheitsbehörden nicht unerwartet. Etwa dreimal pro Jahrhundert wird die Menschheit von neuen Influenzaviren heimgesucht, die sich über mehrere Kontinente ("pandemisch") ausbreiten. Die letzten beiden Pandemien, die Asiatische Grippe von 1957 und die Hongkong-Grippe von 1968, hatten jeweils ein bis zwei Millionen Todesopfer gefordert, einige hundert Millionen waren erkrankt. Und dann gab es da noch das Mysterium der Spanischen Grippe von 1918, die alle anderen Pandemien in den Schatten stellte: Gegen Ende des Ersten Weltkriegs infizierte ein Influenzavirus rund 600 Millionen Menschen, ein Drittel der damaligen Erdbevölkerung. Rund 50 Millionen starben an der Spanischen Grippe, die Sterblichkeit (Letalität) war mindestens zehnmal so hoch wie bei den beiden späteren Pandemien und hundertmal so hoch wie bei der saisonalen Grippe. Ein neuer Virusausbruch nach Art der Spanischen Grippe, darin waren sich die Fachleute einig, könnte im 21. Jahrhundert über hundert Millionen Todesopfer fordern. Ob sich die Katastrophe von 1918 oder "nur" das Szenario von 1957 oder das von 1968 wiederholen würde, konnte niemand vorhersagen. Dass es eine nächste Pandemie geben würde, galt jedoch als sicher - die Frage war nicht ob, sondern wann sie kommt.

Bereits 1993 forderte deshalb eine internationale Konferenz in Berlin die Ausarbeitung nationaler Pandemiepläne; die WHO gab 1999 einen Musterplan für ihre Mitgliedstaaten heraus. Passiert ist jedoch lange Zeit nur wenig. Die Pandemieplanung war Thema in spezialisierten Arbeitsgruppen, die von der Politik kaum beachtet wurden. Das Robert-Koch-Institut legte 2005 zwar Teile eines nationalen Pandemieplanes vor. Dieser ließ jedoch wichtige Fragen offen und blieb in den Handlungsempfehlungen vage, weil Pandemieplanung eigentlich Ländersache ist. Die Bundesländer setzten den nationalen Rahmenplan nur schleppend um und hatten lange Zeit keine eigenen Pandemiepläne. Die von Fachleuten geforderte Bevorratung antiviraler Medikamente (Tamiflu®, Relenza®) und Impfstoffe galt als viel zu teuer.

Die Politik reagiert auf wissenschaftlich vorhergesagte Katastrophen in der Regel erst, wenn sie bereits spürbare Auswirkungen zeigen - oder wenn Dinge passieren, welche die Bürger für Vorboten der Katastrophe halten. Beim Klimawandel waren das die schweren Wirbelstürme in den USA, Überschwemmungen in Mitteleuropa und schneefreie Skihänge in den Alpen. Doch durch welche bösen Boten sollte sich eine globale Seuche ankündigen? Weissager und Auguren achten seit jeher auf das Verhalten der Vögel, wenn sie die Zukunft vorhersagen wollten. In Deutschland tauchten die Unglücksvögel im Februar 2006 mit weißem Gefieder auf: Höckerschwäne verendeten reihenweise an den Stränden der Urlaubsinsel Rügen. Das gefürchtete Vogelgrippevirus vom Typ "H5N1-Asia", das seit mindestens 1997 in Ostasien grassierte, hatte Deutschland erreicht. Wie es aus Asien nach Rügen kam, ist bis heute ungeklärt - die Theorien reichen von der Einschleppung durch Singschwäne über die nördliche Vogelroute bis zur illegalen Einfuhr infizierter Lebensmittel über den Balkan.

Deutschland begann, sich ernsthaft auf eine Influenzapandemie vorzubereiten. Die Bundesländer, die für die Seuchenbekämpfung im Rahmen der föderalen Aufgabenverteilung zuständig sind, erstellten Pandemiepläne und lagerten antivirale Medikamente ein. Im Herbst 2007 fand unter Leitung des Bundesinnenministeriums und des Bundesgesundheitsministeriums eine LÜKEX-Übung (Länderübergreifende Krisenmanagement-Exercise) für den Pandemiefall statt, an der sich sieben Bundesländer beteiligten.


Krise der Weltwirtschaft
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 20/2009)

Krise der Weltwirtschaft

Seit September 2008 hat die globale Finanz- und Wirtschaftskrise Deutschland fest im Griff. In dem Heft werden Ursachen und Verlauf der Krise aus verschiedenen Blickwinkeln diskutiert.

Mehr lesen

Finanzmärkte

Globale Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009

Die globale Finanzkrise, die 2007 als Immobilienkrise in den USA begann, hat fast überall auf der Welt zu einem deutlich abgeschwächten Wirtschaftswachstum oder zur Rezession geführt. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg schrumpfte das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) der ökonomisch entwickelten Staaten.

Mehr lesen