APUZ Dossier Bild

11.12.2009 | Von:
Alexander S. Kekulé

Was wir aus der Schweinegrippe lernen können

Die Maschinerie rollt an

Als im April 2009 in Mexiko ein bis dahin unbekanntes Grippevirus ausbrach, wusste nahezu jeder Funktionsträger vom Bund bis zu den Kommunen, worum es ging. Für einen Zeitraum von nur acht Wochen sagte der nationale Pandemieplan 6,5 bis 21,8 Millionen Arztbesuche, 187.000 bis 624.000 Klinikeinweisungen und mindestens 51.500 Todesfälle voraus. Für Krankenhäuser, Apotheken und Pharmafirmen gab es Notfallpläne - man hatte sogar an Polizeischutz von Apotheken für den Fall gedacht, dass sich eine panische Bevölkerung antivirale Medikamente mit Gewalt beschaffen will. Die Bahn und regionale Verkehrsunternehmen erstellten Ersatzfahrpläne, um den Zusammenbruch des Personenverkehrs zu verhindern. Auch Energieversorger, Telekommunikationsunternehmen und andere Privatfirmen hatten Pläne für den Fall der Fälle in der Schublade.

Die ersten Nachrichten aus Mexiko klangen tatsächlich so, als würde man diese Gegenmaßnahmen brauchen. Alleine in Mexico City sollte es Tausende Erkrankte und einige hundert Tote innerhalb weniger Tage gegeben haben. Die Menschen waren in Panik und wagten sich nur mit Gesichtsmasken auf die Straße. Viele Geschäfte waren geschlossen, die Gottesdienste fielen aus. Es wurde überlegt, die Hauptstadt durch das Militär abriegeln zu lassen.

Die WHO hatte schon seit einigen Jahren Phase 3 der sechsstufigen Pandemie-Warnskala ausgegeben. Das bedeutet, dass ein neues, von Tieren stammendes Influenzavirus in Ausnahmefällen auch Menschen infiziert - Grund waren die seltenen menschlichen Infektionen durch das Vogelgrippevirus H5N1-Asia, die besonders in Südostasien aufgetreten waren. Angesichts des Ausbruchs eines neuen Influenzavirus, diesmal des Schweinegrippe-Erregers vom Typ H1N1, erhöhte die WHO am Abend des 27. April 2009 die Pandemie-Warnstufe von 3 auf 4. Bereits drei Tage später erklärte sie Stufe 5 - die letzte Warnstufe vor Phase 6, der eigentlichen Pandemie. Spätestens jetzt war klar, dass eine weltweite Pandemie durch das Schweinegrippe-Virus unmittelbar bevorstand.

In Deutschland traten die Krisenstäbe zusammen und versuchten, die vorher entwickelten Pläne abzuarbeiten. Doch bereits jetzt wurde klar, dass die streng an den WHO-Phasen orientierte Pandemieplanung von Bund und Ländern im Falle der Schweinegrippe nicht funktionierte. Der Grund war nicht etwa die Gefährlichkeit des neuen Virus, im Gegenteil: Für eine so langsame Ausbreitung eines Pandemievirus bei fast immer harmlosen Krankheitsverläufen waren die Pläne nicht vorgesehen.


Krise der Weltwirtschaft
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 20/2009)

Krise der Weltwirtschaft

Seit September 2008 hat die globale Finanz- und Wirtschaftskrise Deutschland fest im Griff. In dem Heft werden Ursachen und Verlauf der Krise aus verschiedenen Blickwinkeln diskutiert.

Mehr lesen

Finanzmärkte

Globale Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009

Die globale Finanzkrise, die 2007 als Immobilienkrise in den USA begann, hat fast überall auf der Welt zu einem deutlich abgeschwächten Wirtschaftswachstum oder zur Rezession geführt. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg schrumpfte das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) der ökonomisch entwickelten Staaten.

Mehr lesen