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11.12.2009 | Von:
Alexander S. Kekulé

Was wir aus der Schweinegrippe lernen können

Virus ist nicht gleich Virus

Wie konnte es geschehen, dass die Pandemieplaner ausgerechnet von der Harmlosigkeit des Schweinegrippe-Erregers überrumpelt wurden? Der Grund für diesen Widerspruch liegt in einer Besonderheit der Influenzaviren, die Ähnlichkeit mit der Domestizierung von Wildtieren zu Haustieren hat. Die natürlichen Wirte, bei denen Influenzaviren ursprünglich zu Hause sind, sind nach gegenwärtigem Kenntnisstand Wasservögel in Zentralasien. Hier verhalten sich die Viren wie harmlose Haustiere, ihre Wirte (insbesondere Enten- und Gänsearten) werden nicht krank und kaum geschädigt. Als Gegenleistung transportieren sie ihre Passagiere über große Strecken und helfen ihnen dabei, auf andere Tierarten überzuspringen. Im neuen Wirtstier kommt es dann zunächst zu schweren Erkrankungen, weil dessen Immunsystem das Virus noch nicht kennt und es deshalb nicht wirksam abwehren kann. Im Laufe einiger Jahre passen sich jedoch die Immunabwehr des neuen Wirtes und das Virus einander an, bis der einst aggressive Erreger nur noch harmlose Symptome hervorruft - das Virus hat sich in ein domestiziertes Haustier verwandelt.

Aus diesem Grund sind Influenzaviren besonders gefährlich, wenn sie direkt von Vögeln auf den Menschen überspringen. Weil sie sich noch nicht an ein Säugetier angepasst haben, ist das menschliche Immunsystem ihnen gegenüber mehr oder minder machtlos. Was in diesem Fall passiert, demonstriert die Vogelgrippe H5N1-Asia, wenn sie ausnahmsweise einen Menschen befällt: Von den (bis Ende November 2009) der WHO gemeldeten 444 menschlichen Infektionen endeten 262 tödlich, das entspricht einer Letalität von rund 60 Prozent - die Vogelgrippe ist beim Menschen beinahe so tödlich wie das Ebola-Fieber (Letalität etwa 70 Prozent).

Bis vor kurzem vermutete man, dass Influenzaviren der Vögel, von denen insbesondere in Zentralasien ständig neue Varianten entstehen, beim Menschen nicht unmittelbar zu einer Pandemie führen können. Falls ein Vogelvirus ausnahmsweise einen Menschen (durch Aufnahme von Blut oder Kot eines Vogels) infiziert, könne es sich trotzdem nicht in größerem Umfang von Mensch zu Mensch verbreiten, weil es an diesen neuen Wirt nicht angepasst ist. Zu dieser Theorie passte, dass die Auslöser der letzten beiden großen Pandemien von 1957 und 1968 (die Influenzavirustypen H2N2 und H3N2) genetische Mischungen aus Vogel- und Menschenviren waren. Diese Chimären waren offenbar in einem dem Menschen immunologisch ähnlichen Säugetier entstanden, in dem sich die beiden Virusarten vermischen konnten. Die neu entstandenen Mischviren kombinierten die stark pathogenen Eigenschaften eines Vogelvirus mit der Fähigkeit, effektiv von Mensch zu Mensch springen. Als "Mischgefäß" (mixing vessel) fungierten bei der Asiatischen und der Hongkong-Grippe höchstwahrscheinlich Hausschweine, die zugleich von einem Vogel (durch Aufnahme von Vogelkot) und einem Menschen (etwa einem hustenden Tierpfleger) angesteckt wurden. Durch die Anpassung an das Schwein, ein dem Menschen immunologisch sehr ähnliches Säugetier, verlieren Vogelviren ihre ursprüngliche Aggressivität. Dadurch kommt es nicht mehr so oft zu schweren Erkrankungen, und die Letalität liegt rund hundertmal niedriger als bei Infektionen durch das Vogelgrippevirus (Asiatische Grippe: 0,4 Prozent, Vogelgrippe H5N1: 60 Prozent).

Im Jahre 2005 machten amerikanische Wissenschaftler jedoch eine beängstigende Entdeckung. Aus der im ewigen Eis konservierten Leiche einer Inuit-Frau, die 1918 an der Spanischen Grippe gestorben war, stellten Virologen das berüchtigte Influenzavirus von damals wieder her. Wie sich herausstellte, war dieser schrecklichste Grippeerreger aller Zeiten, im Gegensatz zu den Pandemieerregern von 1957 und 1968, nicht aus einer Mischung aus Vogel- und Menschenviren hervorgegangen. Das Schreckensvirus entstand durch direkte Übertragung von einem Vogel auf den Menschen. Durch eine überraschend geringe Zahl genetischer Veränderungen (adaptive Mutationen) hatte damals ein Vogelgrippevirus die Fähigkeit erworben, mit großer Effizienz von Mensch zu Mensch zu springen.

Damit war im Frühjahr 2005 klar, dass es (mindestens) zwei Arten der Entstehung von Pandemieviren gibt: Wenn das Virus durch Mischung im Schwein entsteht, gibt es eine "normale" Pandemie wie 1957 und 1968. Wenn dagegen ein aggressives Vogelgrippevirus mutiert und direkt auf den Menschen überspringt, entsteht eine verheerende Pandemie wie die von 1918. Für das zweite, horrende Szenario gab es obendrein einen perfekten Kandidaten: das in Asien und Europa bei Vögeln weit verbreitete Vogelgrippevirus H5N1-Asia.


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