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11.12.2009 | Von:
Alexander S. Kekulé

Was wir aus der Schweinegrippe lernen können

Tiger oder Kätzchen?

Als im April 2009 die ersten Nachrichten vom Ausbruch der Schweinegrippe aus Mexiko eintrafen, hatten die Seuchenexperten in aller Welt das Schreckensszenario der Spanischen Grippe vor Augen. Die Pandemiepläne der meisten Staaten waren nicht von einer Wiederholung der Katastrophe von 1918 ausgegangen, sondern basierten auf einem moderateren Erreger, der etwa so gefährlich wie der Auslöser der Asiatischen Grippe wäre. Dass ein neues Pandemievirus deutlich gefährlicher als die Asiatische Grippe sein könnte, war allen klar. Man machte dieses Szenario jedoch nicht zur Planungsgrundlage, weil sich daraus ein kaum finanzierbarer Aufwand für die Vorbereitung des Gesundheitssystems und der staatlichen Infrastruktur ergeben hätte. Also rechnete man auf Basis der Pandemie von 1957 für Infektionsraten von 15, 30 und 50 Prozent der Bevölkerung aus, wie viele Arztbesuche, Krankenhauseinweisungen und Tote zu erwarten seien. Die Möglichkeit, dass ein Pandemievirus auch viel harmloser als der Erreger von 1957 sein könnte, wurde in den Plänen nicht berücksichtigt.

So hatte man sich auf einen gefährlichen Tiger vorbereitet - doch aus dem Urwald kam nur ein Kätzchen. Bereits im April 2009 äußerten Wissenschaftler Zweifel an der Gefährlichkeit der Schweinegrippe. Meine Vermutung war damals, dass man bei den hohen Todeszahlen aus Mexiko auch Menschen mitgezählt hatte, die an "normalen" Lungenentzündungen gestorben waren, die in einem Schwellenland leider keine Seltenheit sind. Zudem werden gerade leichte Verläufe in einem Land mit eher schlechter medizinischer Versorgung kaum erfasst, sodass sich eine zu hohe Letalität (Anteil der Todesfälle an den Erkrankten) der Schweinegrippe errechnet.

Genetische Untersuchungen deuteten in die gleiche Richtung. Bereits Ende April 2009 war klar, dass das Schweinegrippevirus deutlich weniger gefährlich ist als die Pandemieviren von 1957 und 1968 und schon gar nicht mit dem Horrorvirus von 1918 verglichen werden kann. Es sprang nämlich weder direkt vom Vogel auf den Menschen über, noch entstand es durch Vermischung eines Vogel- und eines Menschenvirus im Schwein. Vielmehr ging das Schweinegrippevirus durch genetische Mischung aus zwei bis drei Schweine-Influenzaviren hervor, die bereits seit Jahrzehnten in Hausschweinen zirkuliert hatten. Durch diese lange Anpassung an ein dem Menschen immunologisch ähnliches Säugetier ist das Virus der Schweinegrippe weit weniger gefährlich als Influenzaviren, die erst kürzlich vom Vogel übergesprungen sind.

Darüber hinaus war das Virus der "Neuen Grippe" auch in anderer Hinsicht nicht neu für das menschliche Immunsystem. Die für die Immunabwehr wichtigen Proteine auf der Virusoberfläche "H" (Hämagglutinin) und "N" (Neuraminidase) sind nämlich vom Typ H1N1 und damit einem saisonalen Influenzavirus sehr ähnlich, das ebenfalls zum Typ H1N1 gehört. Im Gegensatz dazu waren die letzten Influenzapandemien immer durch das Auftreten eines neuen H-Typs gekennzeichnet (1957: H2N2; 1968: H3N2). Einige Virologen stuften deshalb bereits im Mai 2009 die Schweinegrippe als "Pseudopandemie" ein.


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