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11.12.2009 | Von:
Alexander S. Kekulé

Was wir aus der Schweinegrippe lernen können

Wettlauf um den (richtigen) Impfstoff

In dieser Situation war es schwierig, Entscheidungen in Bezug auf die Herstellung eines Pandemie-Impfstoffes zu treffen. Mit dem Übergreifen der Epidemie auf den Süden der USA wurde anhand der dort erhobenen, verlässlichen Zahlen deutlich, dass die Schweinegrippe tatsächlich meist harmlos verläuft und selten zu Todesfällen führt. Auch gab es spätestens seit Mai Hinweise auf eine gewisse Grundimmunität bei Teilen der Bevölkerung. Insbesondere Menschen über 60 Jahren schienen durch frühere Influenzainfektionen oder -impfungen teilweise geschützt zu sein. Sollte man also überhaupt für die ganze Welt einen Impfstoff gegen Schweinegrippe herstellen? Und falls ja, wie sollte der Impfstoff beschaffen sein?

Die Pandemiepläne der WHO und der meisten Staaten sahen vor, spätestens in Phase 6 mit der Impfstoffproduktion zu beginnen. Aufgrund der genannten Unsicherheiten zögerte die WHO jedoch lange, den Startschuss für die Umstellung der globalen Produktion auf den Pandemieimpfstoff, den so genannten switch, zu geben. Da die Schweinegrippe nur relativ wenige Opfer forderte, sollte zuerst die Produktion der regulären Impfstoffe gegen die saisonale Influenza der Nordhalbkugel abgeschlossen werden - tatsächlich sterben an saisonaler Grippe jährlich weit mehr Menschen als bisher der Schweinegrippe zum Opfer fielen. Damit stand bereits Anfang Mai 2009 fest, dass der Impfstoff gegen die Schweinegrippe knapp wird, wenn alle Staaten auf die Entscheidung der WHO zum switch der Impfstoffproduktion warten und erst dann bestellen. Die USA gingen in dieser Lage einen pragmatischen Weg und orderten bereits Anfang Mai 2009 Impfstoff (Vakzine) für die gesamte Bevölkerung, und zwar unabhängig vom switch der WHO. Die Vakzine wird dort nach dem seit Jahrzehnten erprobten Verfahren hergestellt, das auch für die saisonalen Influenza-Impfstoffe eingesetzt wird, und enthält keine Wirkverstärker (Adjuvanzien). Auch in Deutschland gab es Fachleute, die ein Vorgehen wie in den USA empfahlen. Die Schutzkommission beim Bundesminister des Innern, welche die Bundesregierung in Fragen des Bevölkerungsschutzes berät, empfahl bereits am 22. Mai 2009, umgehend Impfstoff für die gesamte Bevölkerung zu bestellen und nicht auf eine Entscheidung der WHO zu warten.

In Europa waren jedoch die Gesundheitsbehörden mehrheitlich davon überzeugt, dass die amerikanische Strategie nicht funktionieren würde, weil man gegen ein Pandemievirus nur mit einem adjuvanzierten Impfstoff ausreichenden Schutz erzielen könnte. Das Gegenargument, wonach dem Schweinegrippevirus viele Eigenschaften "echter" Pandemieviren fehlen und deshalb ein Immunschutz auch durch einen nicht wirkungsverstärkten, nach saisonalem Muster hergestellten Impfstoff zu erwarten sei, ließen die Behörden nicht gelten.

So rollte in Europa ein Plan an, den man eigentlich für den Fall einer schweren Pandemie mit einem gefährlichen, mehr oder minder direkt von Vogelgrippeviren abstammenden Erreger entwickelt hatte. Dafür hatte die Europäische Arzneimittelbehörde (EMEA) ein Eilverfahren entwickelt, das die Zulassung eines pandemischen Impfstoffes in nur drei Tagen ermöglichen sollte. Die Hersteller hatten Studien zur Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit mit einem Modellimpfstoff (mock-up) gemacht, der gegen das Vogelgrippevirus H5N1-Asia gerichtet war. Weil das menschliche Immunsystem gegen vollkommen neue, von Vögeln stammende Viren nur schlecht anspringt, enthielten die meisten Modellimpfstoffe einen Wirkverstärker (Adjuvans). Im Falle einer Pandemie, so das vom Eilverfahren verfolgte Ziel, sollte die H5N1-Komponente des Modellimpfstoffes gegen das aktuelle Pandemievirus ausgetauscht werden. Weil die Sicherheitsdaten aus den Studien mit dem mock-up übernommen werden, entfällt die zeitaufwendige Untersuchung der Nebenwirkungen des eigentlichen Impfstoffs.


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