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11.12.2009 | Von:
Alexander S. Kekulé

Was wir aus der Schweinegrippe lernen können

Informationschaos

Am 11. Juni 2009 rief die WHO Phase 6 der Pandemie aus, und kurz darauf forderte sie zur Produktion des Pandemieimpfstoffes auf. Statt besonders früh zu bestellen, gab Deutschland seine Order als einer der letzten reichen Staaten ab: Erst im September, als die erste Welle der Schweinegrippe schon zu verzeichnen war, einigten sich die Bundesländer auf eine gemeinsame Impfstoffbestellung. Zu diesem Zeitpunkt lagen zwar bereits Daten aus den USA vor, wonach man auf den Wirkverstärker verzichten und eine normale, nach saisonalem Verfahren hergestellte Vakzine gegen Schweinegrippe einsetzen kann. Aber für die adjuvanzierten, neu zugelassenen Impfstoffe hatte Deutschland seit Jahren eine Option vereinbart; für die Bestellung einer konventionellen Vakzine für alle Bürger war es zu spät.

Zugleich änderten die Bundesländer unversehens die Strategie der Pandemiebekämpfung. Statt wie im Pandemieplan vorgesehen Impfstoff für alle 82 Millionen Einwohner zu besorgen, wollten sie nur für 25 Millionen Menschen Serum einkaufen. Das ist die Menge, die für Schlüsselpersonal (Gesundheitswesen, Polizei, Feuerwehr usw.) und Personen mit besonderem gesundheitlichem Risiko (Schwangere und chronisch Kranke) benötigt wird. Das Ziel, die Ausbreitung des Virus durch Impfung eines möglichst großen Teils der Bevölkerung einzudämmen, wurde damit klammheimlich aufgegeben - sonst hätte man insbesondere auch Kita- und Schulkinder impfen müssen. Für diese Gruppe reichte die bestellte Menge aber nicht.

Spätestens jetzt wäre es an der Zeit gewesen, die Bevölkerung offen über die Strategie zu informieren und zu erklären, dass die bestellte Vakzine mehr Nebenwirkungen hat als die übliche Influenzaimpfung und an Schwangeren und Kindern noch nicht erprobt wurde. Doch von den Behörden hörte man kaum mehr als stereotype Formeln wie "der Impfstoff ist absolut sicher" und "häufiges Händewaschen hilft". Zusätzlich erklärten hochrangige Fachleute, es sollten sich möglichst viele Menschen impfen lassen, damit die Virusausbreitung gehemmt und die Entstehung einer "gefährlicheren Mutante" verhindert würde - dabei war Eingeweihten längst klar, dass die Eindämmung der Virusausbreitung nicht mehr die Strategie Deutschlands ist.

So kam es, dass selbst renommierte Ärzte und ganze Fachgesellschaften sich gegen die Impfung aussprachen. In diesem Klima der Verunsicherung schlug die Stunde der "Impfkritiker", die schon immer alle Schutzimpfungen als Teufelszeug ansehen und für ihre Kinder Masernpartys veranstalten, um sie "natürlich" zu immunisieren. Schließlich zirkulierten Kettenbriefe im Internet, die den Wirkverstärkern horrende Nebenwirkungen andichteten, von Gelenkrheuma über Nervenlähmung bis zum "Golfkriegssyndrom" der US-Kriegsveteranen.


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