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11.12.2009 | Von:
Alexander S. Kekulé

Was wir aus der Schweinegrippe lernen können

Vom Umgang mit Risiken

Im Ergebnis hat sich ein Großteil der Schwangeren und Menschen mit chronischen Grunderkrankungen, die davon besonders profitiert hätten, gegen die Impfung entschieden. Andererseits ließen sich viele impfen, für die es gar nicht angeraten war. Die Ausbreitung des Virus wurde, jedenfalls bis zum Nachlassen der zweiten Welle vor Weihnachten 2009, durch die Impfaktion nicht gebremst. Ob es im bevorstehenden Winter in Deutschland eine dritte Welle der Schweinegrippe geben wird, kann nicht vorhergesagt werden. Dass die Impfaktion auch diese gegebenenfalls nicht aufhalten wird, muss leider als sehr wahrscheinlich angesehen werden.

Offensichtlich ist es nicht gelungen, bei der Bevölkerung Vertrauen in die Maßnahmen der Behörden zu wecken. Jedenfalls hielten viele die Risiken der Impfung für gravierender als die Risiken der Schweinegrippe. So wurde die Gefahr zu Anfang der Pandemie lange hochgespielt; die Steigerung der WHO-Phasen wirkte wie ein Countdown für die globale Katastrophe. Als sich dann herausstellte, wie harmlos die Schweinegrippe zumeist verläuft, beschworen die Gesundheitsbehörden die Gefahr künftiger Mutationen herauf; sogar eine "tödliche Hochzeit" mit dem gefürchteten Vogelgrippevirus H5N1-Asia sollte möglich sein. Zugleich wurden die (wenn auch vorübergehenden) Nebenwirkungen des Impfstoffes lange verschwiegen. Dass er ein Adjuvans enthält und ganz anders funktioniert als die bekannten saisonalen Vakzinen, erfuhr die Öffentlichkeit erst durch Stellungnahmen unabhängiger Fachleute. Aus Sicht des Laien war der neuartige Impfstoff damit ein Unbekannter, dem man nicht trauen kann. Die Neue Influenza dagegen konnte spätestens im November 2009 jeder in seinem persönlichen Umfeld erleben; sie unterscheidet sich kaum von dem alten Bekannten, der uns alle Jahre wieder als gemeine Grippe plagt.

Es ist unverkennbar, dass man die Reaktion der Bevölkerung falsch eingeschätzt hat. Die Menschen können mit komplizierten Wahrheiten besser umgehen, als dies mancher Politiker vermutet. Dagegen verursachen Halbwahrheiten eher Misstrauen und Angst - und führen bisweilen zur Hysterie, die durch die zurückhaltende Informationspolitik gerade verhindert werden sollte. Wenn es um gesundheitliche Gefahren geht, ist es besser, die Karten auf den Tisch zu legen, statt in falsch verstandener Fürsorge für die Bevölkerung zu entscheiden, auf welche Risiken sie sich einlassen muss. Bei der ersten Influenzapandemie des 21. Jahrhunderts, die offiziell Neue Grippe heißen soll, hat die Bevölkerung längst entschieden, was sie von behördlicher Bevormundung hält: Die Menschen nennen die Krankheit weltweit und in nahezu allen Sprachen "Schweinegrippe" - so wie sie von den Einwohnern eines kleinen mexikanischen Dorfes getauft wurde.


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