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3.12.2009 | Von:
Axel Murswieck

Angela Merkel als Regierungschefin und als Kanzlerkandidatin

Außenseiterin im Kanzleramt

Die Etikettierung Merkels als Außenseiterin bezieht sich auf ihre Person (mit den zugeschriebenen Attributen "rätselhaft"; "Sphinx"; "unpersönlich"; "misstrauisch"), auf ihre Herkunft (ostdeutsche Frau), auf die fehlenden politischen Erfahrungen in Partei, Parlament und Regierung sowie auf ihren politischen, bis zur Kanzlerkandidatur 2005 scheinbar durch Zufälle und Ereignisse bestimmten politischen Karriereweg.[3] Nach den Kriterien von Anthony King erfüllt sie, neben vielen ähnlichen Charaktereigenschaften (ehrgeizig, misstrauisch), wie Margaret Thatcher die Zuordnung als soziale (Herkunft) und taktische Außenseiterin (Umgehung oder Nichtbeachtung von Konventionen oder Insiderregeln etwa in der Partei), nicht aber die Einordnung als psychologische Außenseiterin im Sinne von Thatcher, bewusst und gewollt als Outsider Politik zu machen.[4]

Diese Rolle als Außenseiterin zwang sie dazu und erlaubte es ihr, auf der Grundlage persönlicher Fähigkeiten (Intellekt, Analytikerin, hohe kognitive Kompetenz, Machtinstinkt) auf ihre Person zugeschnittene politische Fähigkeiten zu entwickeln. Merkel entwickelte eine sehr personenbezogene Strategie der Anpassung an neue Situationen, Aufgaben und Ämter. So gelang es ihr, 1991 die Amtszeit als Ministerin für Frauen und Jugend als Lehrjahre zum Kennenlernen administrativer Strukturen und von Mechanismen politischer Entscheidungsprozesse zu nutzen. Hier entwickelte sie ihre Personalkompetenz: Personalpolitik als Machtressource.[5]

Diese auf Anpassung und beobachtendes Lernen ausgerichtete Führungsstrategie bestimmte ihren Aufstieg in der Partei, vor allem beim Übergangsprozess des Führungswechsels in der CDU von 1998 bis 2000. Ihr gelang es, als unkonventionelle Außenseiterin ohne starke Beziehung zum Christdemokratischen der Partei ihren Führungsanspruch durchzusetzen.[6] Sie schaffte es, trotz immer wieder aufkommender Kritik an ihren Führungsfähigkeiten, in der Rolle als Parteimanagerin einen Führungsstil zu finden, welcher der Partei entsprach.[7] Vieles, was sie in den kurzen Lehrjahren beim Parteiaufstieg und in den Ministerämtern an politischen Führungsmerkmalen erworben hat, prägte später ihren Führungsstil als Kanzlerin in der großen Koalition.

Fußnoten

3.
Zu diesen drei Aspekten vgl. u.a. Gerd Langguth, Kohl, Schröder, Merkel. Machtmenschen, München 2009, Kap. 4; Sybille Klormann/Britta Udelhoven, Der Imagewandel von Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel. Vom Kanzlerkandidaten zum Kanzler - ein Schauspiel in zwei Akten. CAP Working Paper, München, Februar 2008; Mai-Brith Schartau, Angela Merkel. A Chancellor against the Odds, ECPR-Paper, September 2007.
4.
Vgl. Anthony King, The Outsider as Political Leader: The Case of Margaret Thatcher, in: Larry Berman (ed.), The Art of Political Leaderhip, Oxford 2006, S. 236 - 257.
5.
Vgl. G. Langguth (Anm. 3), S. 361ff.
6.
Vgl. Clay Clemens, Modernisation or Disorientation? Policy Change in Merkel's CDU, in: German Politics, 18 (2009) 2, S. 121 - 139.
7.
Vgl. Sarah Elise Wiliarty, Angela Merkel's Path to Power: The Role of Internal Party Dynamics and Leadership, in: German Politics, 17 (2008) 1, S. 81 - 96.

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