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3.12.2009 | Von:
Hagen Albers

Onlinewahlkampf 2009

Politiker und Parteien im "Social Web"

Erfolge der Parteien und Politiker in unterschiedlichen Sozialen Netzwerken und bei Twitter wurden überwiegend anhand aggregierter Unterstützerzahlen gemessen und bewertet. Zu Beginn der Wahlkampfplanungen konzentrierten sich die Parteien auf Facebook als zentrales Netzwerk, da hier die Sichtbarkeit von Kommunikationsinteraktionen am deutlichsten wird. Erst als bekannt wurde, dass auch in den VZ-Netzwerken die politische Wähleransprache ermöglicht und gefördert werden sollte, bezogen die Kampagnenplaner dortige Präsenzen in ihre Strategien ein. Ab dem 18. Mai 2009 waren den Nutzern Politikerprofile zugänglich, und das Netzwerk rüstete stetig nach. Der Einrichtung einer über den Wahlkampf informierenden Wahlzentrale folgten Umfragen und eine Landkarte, auf der alle Direktkandidaten in ihren Wahlkreisen abgebildet wurden.[8]

Mehrere tausend Nutzer im StudiVZ/MeinVZ bekannten sich auf den Profilen der etablierten Parteien als deren Sympathisanten. Ab Juli war jedoch eine unbekannte Partei deutlich erfolgreicher im Netz: Der Piratenpartei Deutschland gelang ein Blitzstart mit Verspätung, als ihr Ende Juni auf drängende Nachfrage ein Parteienprofil im VZ eingeräumt wurde. In nur wenigen Tagen zog sie an allen Mitbewerbern vorbei. Bis zum Wahltag sympathisierten über 76000 potentielle Wähler in beiden Netzwerken mit den Piraten. Ähnlich, jedoch mit geringeren Unterstützerzahlen, spiegelte sich diese Entwicklung auch bei Facebook wider. Hier richteten die Parteien ebenfalls unterschiedliche Profilseiten ein und kommunizierten mit den im Netzwerk vertretenen Wählern.

Über die Netzwerke kam es zu Momenten intensiver wechselseitiger Kommunikation zwischen Politikern und Wählern. Für das Kooperationsprojekt von ZDF, Zeit Online und MeinVZ, "Erst Fragen, dann wählen", wurden Fragen der Netzwerkmitglieder gesammelt, um damit die Spitzenpolitiker aller Parteien zu konfrontieren. Die Stellungnahmen wurden moderiert und live über Internet und Fernsehen ausgestrahlt. Gleichzeitig konnten die Nutzer über die Glaubwürdigkeit der Politiker abstimmen. Auch die Videoplattform MyVideo hatte politisch hochkarätige Gäste geladen und ließ Besucher der Webseite via Chat partizipieren. Unter anderen beantworteten Guido Westerwelle, Jürgen Trittin und Frank-Walter Steinmeier die Fragen über einen Videostream - live und ausschließlich im Netz.

Ähnlich, wie sich im Wahlkampf 2005 diverse politische Akteure der Weblogs zur Kommunikation mit den Bürgern annahmen, nutzten 2009 stetig mehr Politiker den Mikrobloggingdienst Twitter. Maximal 140 Zeichen lange Tweets können mit internetfähigen Handys oder direkt über das Web an alle Followers (Beitragsabonnenten) gesendet werden. Zur Dialogkommunikation bzw. zum Austausch von Standpunkten eignet sich Twitter jedoch kaum. Anstelle von Diskussionen dient dieses noch junge Netzwerk eher dazu, auf im Web abrufbare Inhalte aufmerksam zu machen oder über aktuelle Erlebnisse und Termine zu informieren. Ähnlich den Unterstützerzahlen im Facebook bewegten sich die Follower-Zahlen bei Twitter im Bereich mehrerer Tausend. Alle etablierten Parteien aggregierten Followers, wurden in der Summe jedoch erneut von der Piratenpartei abgehängt.

Parallel wurde der Onlinewahlkampf von diversen Analysetools und Portalen begleitet, die ein Abbild politischer Aktivitäten im Netz einfingen. Plattformen wie "Wahl.de", "Wahlradar" oder der "Wahl im Web Monitor" machten Informationen abrufbar, die verdeutlichten, welche politische Partei und welcher Politiker wo im Netz aktiv war. Auch die Vernetzung von Parteien mit Blogs oder anderen politischen Akteuren über direkte Verlinkungen ihrer Homepages wurden grafisch dargestellt. Bereitsteller der Informationen waren zumeist Werbeagenturen, die ihre Möglichkeiten im Bereich des Monitoring hervorhoben. Leider vermochte niemand die Qualität der Kommunikation über das Internet zu messen. Lediglich quantitative Veränderungen bei Unterstützerzahlen oder der Anzahl von gesendeten Nachrichten wurden abgebildet und dienten als Grundlage für die Analyse und Bewertung des Onlinewahlkampfs. Neue technische Errungenschaften wirken sich somit nicht nur auf die Wahlkampfführung selbst aus, sondern liefern auch Möglichkeiten zur Beobachtung und Prüfung neuer Kommunikationskanäle.

Fußnoten

8.
Vgl. Dirk Hensen, Wem gebe ich meine Erststimme?, in: Presseportal vom 2. 9. 2009, www.presseportal.de/pm/62589/1468180/vz_netzwerke (14. 10. 2009).

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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 38/2009)

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