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3.12.2009 | Von:
Hagen Albers

Onlinewahlkampf 2009

Überparteiliche Wählermobilisierung

Diverse Wählermobilisierungskampagnen wurden nicht nur offline, sondern auch über das Internet lanciert. Die Politplattform "politik-digital" initiierte nach amerikanischem Vorbild und unter dem Titel: "Geh nicht hin" ein Webvideo, bestehend aus Testimonials von Prominenten aus Funk und Fernsehen. Während die Stars im ersten Film konstatieren, nicht an der Wahl teilnehmen zu wollen, bekennen sie sich im wenige Tage später veröffentlichtem Clip als Wähler. Abgeschaut hatten das die Verantwortlichen von einer Mobilisierungsinitiative zum amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2008, in dem zahlreiche Berühmtheiten aus Hollywood die Bedeutung der Teilnahme am Urnengang verdeutlichen.

Auch die Bundeszentrale für politische Bildung setzte auf ihrer Webseite auf Prominenz. "Promilockrufe" und Videobotschaften forderten zur Stimmabgabe auf. Große Resonanz bekam wie bei vergangenen Bundestags-, Landtags- und Europawahlen erneut der Wahl-O-Mat. Hier konnten die Besucher der Seite ihre Ansichten anhand von 38 Thesen mit den Standpunkten von 24 zur Wahl zugelassenen Parteien vergleichen. Insgesamt wurde der Wahl-O-Mat mehr als 6,7 Millionen Mal gespielt. Das waren rund 1,5 Millionen Nutzungen mehr als noch zur Bundestagswahl 2005.[10] Insbesondere Jung- und Erstwählern wurde auf diesem Wege Politik näher gebracht.

Die vom Verein "Netzdemokraten e.V." lange im Vorfeld des Wahltermins eingerichtete "Wechselwähler WG" hatte ebenfalls zum Ziel, Politik vor allem für junge Menschen erfahrbar zu machen. Mit Unterstützung durch Medienpartner wurden sechs wahlwillige, jedoch noch unentschlossene Kandidaten ausgewählt, die in einer virtuellen WG bis zum Wahltermin ihre Gedanken und Ansichten diskutierten. Beobachter der Berichte und der videodokumentarisch dargestellten Beiträge konnten die Anregungen nutzen, sich über die eigene Wahlentscheidung klar zu werden. Die WG-Bewohner trafen sich mit Politikern aller großen Parteien zu Diskussionen im studentischen Ambiente. Als zentrales Portal informierte "wechsel-waehler.de" über die Entscheidungsfindung.

Nicht nur Organisationen und Vereine initiierten Mobilisierungskampagnen. In seltenen Fällen fanden auch parteilose Aktivisten über das Internet zueinander und trafen sich zu politisch motivierten Handlungen außerhalb des Webs. Beispielhaft hierfür ist die Versammlung zu einem Flashmob - einer scheinbar spontanen Versammlung auf einem öffentlichen Platz - bei Angela Merkels Besuch auf dem Hamburger Gänsemarkt. Als eine größere Gruppe plötzlich begann, die Rede der Bundeskanzlerin im Minutentakt lauthals mit den Rufen "Und alle so: Yeaahh!" zu kommentieren, stifteten sie bei anderen Zuhöreren zunächst Verwirrung. Während einige Teilnehmer ihre Stimme gegen den vermeintlich inhaltsleeren Wahlkampf der CDU erhoben, machten sich andere lediglich einen Spaß daraus, Aufmerksamkeit zu erregen.[11]

Anstoß der Aktion war die Verhöhnung eines Wahlplakats der Kanzlerin in Hamburg. Der Claim des CDU-Plakats lautete: "Die Kanzlerin kommt"; er wurde in schwarzen Lettern von einem Unbekannten ironisch mit den Worten "Und alle so: Yeaahh" kommentiert. Ein Foto dieses Plakats fand wenig später in Weblogs und Sozialen Netzwerken Gefallen bei den Nutzern und wurde über das Internet verbreitet. Auf dem Blog "Spreeblick.com" wurde schließlich der Flashmob in Hamburg angeregt, und auf dem Gänsemarkt fanden sich am Abend des Auftritts mehrere Aktivisten zusammen. Andere jeweils vor Ort zusammengerufene Flashmobs begleiteten Veranstaltungen der Kanzlerin in Wuppertal und Mainz sowie die Abschlusskundgebung in Berlin. Der Protest, der sich ursprünglich im Netz gebildet hatte, wurde somit "offline" hinausgetragen auf die Straße.

Fußnoten

10.
Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung, Interaktives Wahltool Wahl-O-Mat, www.bpb.de/metho dik/XQJYR3,0 (10. 10. 2009).
11.
Vgl. Ole Reißmann, Flashmob trifft Kanzlerin, in: Spiegel-Online vom 18. 9. 2009, www.spiegel.de/netz welt/web/0,1518,650004,00.html (26. 9. 2009).

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