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30.10.2009 | Von:
Rita Schäfer

Kriegerische Männlichkeit

Forschungskontroversen

Nach einer anfänglichen Euphorie über das Konzept der "Neuen Kriege" entwickelte sich alsbald eine wissenschaftliche Debatte über Begriffe und Modelle zu den Entstehungsbedingungen, Ursachen, Formen und Gewaltpraktiken in Kriegen. Obwohl die Kritiker ähnlich wie die Befürworter vorrangig Politikwissenschaftler sind, fordern sie, den Meinungsstreit nicht auf Kennzeichen wie Entstaatlichung, Privatisierung, Asymmetrie und Kommerzialisierung zu beschränken. Einige schlagen vor, sowohl die spezifische Kombination dieser Merkmale "Neuer Kriege" als auch das gesamte Konzept zu hinterfragen. So soll der Fokus auf die Multidimensionalität von Kriegen und auf kriegerische Gewaltdynamiken ausgeweitet werden, wobei die Wechselwirkungen zwischen ökonomischen und politischen Faktoren sowie den damit verbundenen Handlungslogiken unterschiedlicher Gewaltakteure und Akteursgruppen zu erfassen seien.[1] Sowohl bei diesem Ansatz als auch bei den Überlegungen zur nachhaltigen Friedenskonsolidierung, konstruktiven Konfliktbearbeitung und Konfliktprävention wird angemahnt, den Blick stärker auf die Vielschichtigkeit konkreter Kriegskontexte zu richten. Auf diese Weise sollen eurozentrische Grundannahmen und Vorurteile revidiert und das Verständnis für die spezifischen Konfliktkonstellationen sowie deren Dynamiken verbessert werden.

Diese Vorschläge motivieren dazu, Gesellschaften in Kriegen genauer zu untersuchen und nicht nur von einer anonymen Masse malträtierter Kriegsopfer auszugehen, aus denen höchstens die Kindersoldaten hervorstechen. Diese werden häufig als homogene Gruppe und als passive Opfer skrupelloser Warlords dargestellt. Die Realität ist aber vielerorts weitaus komplexer und paradoxer, zumal es sich keineswegs nur um Kinder, sondern vor allem um Jugendliche handelt, die sowohl Gewaltopfer als auch Täter sind und von denen sich viele wegen ihrer Macht oder des Zwangs zu töten als Erwachsene verstehen.

Das betrifft auch zahllose Mädchen, die als Sex-Sklavinnen zwangsrekrutiert werden und sich an Folterungen und Morden beteiligen müssen. Die aktuelle Geschlechterforschung leistet wichtige Beiträge zur kontextspezifischen Analyse solcher Gegensätze, die Idealisierungen von Frauen als Friedensstifterinnen und Geschlechterstereotypen von Männern als Killern widersprechen.[2] Ausgehend von Geschlechterkonzepten, die Machtverhältnisse zwischen Frauen und Männern mit sozio-ökonomischen Unterschieden und Alter in Beziehung setzen, können die Kriegsbeteiligung Jugendlicher sowie die Hintergründe und Folgen in unterschiedlichen gesellschaftlichen und zeitlichen Kontexten erklärt werden.[3] Besonders erhellend sind Studien, die Geschlechterhierarchien im umfassenden Sinn verstehen, indem sie Differenzen zwischen Frauen sowie zwischen Männern analysieren und daraus resultierende Konflikte im Zusammenwirken mit Religion, Ethnizität oder Nationalismus untersuchen. Im Unterschied zur Mehrzahl politikwissenschaftlicher Ansätze argumentieren etliche Gender-Forschungen nicht nur gegenwartsbezogen, sondern ziehen auch zeitliche Längsschnitte. Gerade weil sie Gewaltmuster und -dynamiken über längere Zeiträume untersuchen, bieten sie wichtige Impulse für Planungen zur Friedenskonsolidierung in Nachkriegsgesellschaften und Konzeptionen innovativer Präventionsstrategien.[4]

Fußnoten

1.
Zur Debatte über "Neue Kriege" siehe: Siegfried Frech/Peter Trummer (Hrsg.), Neue Kriege. Akteure, Gewaltmärkte, Ökonomie, Schwalbach 2005.
2.
Vgl. Tsjeard Bouta/Georg Frerks/Ian Bannon, Gender, conflict and development, Washington D.C. 2005.
3.
Zur zentralen Rolle von Jugendlichen in anti-kolonialen Unabhängigkeitskriegen im südlichen Afrika und der Bedeutung von Geschlechterfragen siehe: Periplus, 12 (2002); insbesondere: Barbara Müller, Der falsche Zeitpunkt, in: ebd., S. 35 - 59.
4.
Vgl. Megan Bastick/Karin Grimm/Rahel Kunz, Sexual violence in armed conflict. Global overviews and implications for the security sector, Geneva 2007.

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