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30.10.2009 | Von:
Rita Schäfer

Kriegerische Männlichkeit

Sierra Leone - Spielball von Warlords und Diamantenhändlern

Der Erkenntnisgewinn dieser Forschungsansätze soll hier am Beispiel Sierra Leones illustriert werden. Ein Grund für die Wahl dieses Landes ist der aktuelle Anlass, dass sich Charles Taylor, der frühere Warlord und Präsident Liberias, derzeit in Den Haag vor dem UN-Sondertribunal zur Aufarbeitung der Kriegsverbrechen in Sierra Leone verantworten muss. Taylor wird beschuldigt, den Bürgerkrieg in Sierra Leone (1991 bis 2002) von Liberia aus angezettelt zu haben. Die Anklageschrift wirft ihm vor, für eine Vielzahl schwerer Menschenrechtsverletzungen verantwortlich zu sein, darunter die Zwangsrekrutierung von Kindersoldatinnen und -soldaten. Taylor hatte gemeinsam mit einigen Verbündeten aus Sierra Leone Jugendliche für die neu gegründete Guerillaorganisation Revolutionary United Front (RUF) zwangsrekrutiert und militärisch ausgerüstet. Die RUF sollte die demoralisierte sierra leonische Armee außer Gefecht setzen und das Land destabilisieren. Auf diese Weise wollte sich Taylor Zugang zu den dortigen Diamantenminen verschaffen.

In den vergangenen Jahren wurde das Kriegsgeschehen in Sierra Leone vielfach von Wissenschaftlern untersucht - allerdings weniger wegen der Kindersoldaten, sondern vor allem um den politikwissenschaftlichen Erklärungswert des Modells der "Neuen Kriege" zu prüfen. Schließlich tummelten sich in diesem von Staatszerfall, massiver Korruption, schamloser Ausbeutung der Diamantenminen, extremer Armut und sozialer Ungleichheit geprägten Land nicht nur kleinere und größere Warlords. Die Szene beherrschten auch zahlreiche Söldner international agierender Sicherheitsfirmen wie Executive Outcomes aus Südafrika oder Sandline International aus Großbritannien, multinationale Minenkonglomerate und ukrainische Waffen- und libanesische Diamantenhändler, die sowohl mit den Rebellen als auch mit der sierra leonischen Regierung gute Geschäfte machten - allen internationalen Sanktionen und Handelsembargos zum Trotz. Die internationale Öffentlichkeit wurde erst aufgeschreckt, als im November 2001 Berichte auftauchten, wonach neben den Milizen im Libanon auch Al-Qaida in den Diamanten- und Waffenhandel involviert war.[5]

Diese Speerspitzen global agierender krimineller Netzwerke waren in guter Gesellschaft mit ECOMOG-Truppen[6] aus Nigeria, die ab 1997 gegen die regierungsfeindlichen RUF-Guerillas kämpften, jedoch selbst in kriminelle Machenschaften verwickelt waren. Auch die über 17 000 Mann starken Friedenstruppen, die im Rahmen der UNAMSIL-Friedensmission (United Nations Mission in Sierra Leone) Ende der 1990er Jahre für ein Ende der Gewalt sorgen sollten, gerieten zwischen die Fronten. So wurden Anfang Mai 2000 mehr als 200 sambische UNAMSIL-Soldaten von Kindersoldaten gefangen genommen.[7] Für diesen Einsatz wurden bewußt afrikanische Truppen ausgewählt - nach dem Motto: Afrikanische Lösungen für afrikanische Probleme -, die jedoch schlecht ausgestattet und völlig unzureichend vorbereitet waren und wiederholt von schwer bewaffneten jugendlichen Guerillagruppen angegriffen wurden. Auch in diesem Fall galten die jungen Kombattanten nur als willige Vollstrecker von Warlord-Befehlen; nach ihren eigenen Kriegsmotiven fragte niemand.

Die in diesem Konflikt zu Tage tretende Gewaltbereitschaft war verstörend und führte zu vorschnellen Urteilen über Afrika als immerwährendem Hort der Anarchie und Barbarei - Vorstellungen, die unter anderem auch die US-amerikanische Afrikapolitik im Vorfeld des Genozids in Ruanda beeinflussten.[8] Hinter dieser "Maske der Anarchie" verbarg sich aber eine ganz eigene Handlungslogik der jugendlichen Kämpfer, die auf kulturelle Symbolsysteme Bezug nahm und der massive Geschlechter- und Generationenkonflikte zu Grunde lagen.[9] Diese Konflikte waren wiederum eng verwoben mit politischen Machtstrukturen und sozio-ökonomischen Entwicklungen.

Fußnoten

5.
Vgl. William Reno, Political networks in a failing state. The roots and future of violent conflict in Sierra Leone, in: Internationale Politik und Gesellschaft, 2 (2003), S. 44 - 66.
6.
Economic Community of West African States Monitoring Group - eine von der Wirtschaftsgemeinschaft Westafrikanischer Staaten (ECOWAS) aufgestellte multinationale Eingreiftruppe.
7.
Vgl. UN-Missionen. In Afrika entschlossen auftreten. Interview mit Manfred Eisele, in: Entwicklung und Zusammenarbeit, 41 (2000) 9, S. 254 - 255.
8.
Vgl. Rosalind Shaw, Robert Kaplan and "Juju journalism" in Sierra Leone's rebel war, in: Birgit Meyer/Peter Pels (eds.), Magic and modernity. Interfaces of revelation and concealment, Stanford 2003, S. 81 - 100.
9.
Zur Handlungsrationalität der jugendlichen Kombattanten und zum Kriegsimperium von Charles Taylor siehe die Studie des Politikwissenschaftlers Stephen Ellis, The mask of anarchy, London 2007.

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