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30.10.2009 | Von:
Rita Schäfer

Kriegerische Männlichkeit

Gescheiterte Demokratisierung

Während sich in vielen Teilen des afrikanischen Kontinents Anfang der 1990er Jahre Demokratisierungsbewegungen erfolgreich durchsetzten und die allgemeine Aufbruchstimmung insbesondere die Hoffnungen junger Menschen auf eine bessere Zukunft beflügelte, blieben den Jugendlichen in Sierra Leone grundlegende Veränderungen zu ihren Gunsten versagt.[10] Polizei und Militär schlugen alle Proteste brutal nieder, die mehr Demokratie forderten und vor allem von jungen Männern getragen wurden. Seit der politischen Unabhängigkeit Sierra Leones 1961 hielten sich die jeweiligen Präsidenten vor allem durch Waffengewalt an der Macht; jeglicher Widerstand wie Studentenproteste gegen Patronage und Klientelismus wurde gewaltsam beendet. So bekamen junge Männer nur im massiven Einsatz von Sicherheitskräften zu spüren, dass es durchaus Relikte eines Staates gab.

Korrupte Regierungen trieben das rohstoffreiche Land in den ökonomischen Ruin und unternahmen nichts für den Aufbau oder Erhalt staatlicher Strukturen, die Infrastruktur sowie das Bildungs- und Gesundheitssystem verrotteten. Unter den Verhältnissen litten vor allem Kinder und Jugendliche; so war Sierra Leone über Jahre Spitzenreiter in den international vergleichenden Statistiken zu extremer Armut und zur Kinder- und Müttersterblichkeit. Gleichzeitig sorgten die Diamantengeschäfte für märchenhafte Gewinne, die allerdings am Staatshaushalt vorbei in die Taschen einiger weniger flossen.

Die Situation der ohnehin schon verarmten Landbevölkerung verschlechterte sich weiter, als die sierra leonische Regierung in den 1980er Jahren im Rahmen der vom internationalen Weltwährungsfond verhängten Strukturanpassungsmaßnahmen staatliche Dienstleistungen nahezu einstellte. Währenddessen brachen die Preise für Exportgüter wie Kaffee und Kakao auf dem Weltmarkt ein. Vor allem junge Menschen wurden jeglicher Zukunftsperspektiven beraubt. So war es für die RUF in den Anfangsjahren vergleichsweise einfach, junge Männer mit vagen Versprechungen auf ein besseres Leben zum Kampf gegen die korrupte Regierung zu mobilisieren.[11] Allerdings griffen die jungen Kombattanten nicht nur wegen Willkürherrschaft, Patronage und nicht-funktionierender staatlicher Institutionen zu den Waffen. Vielmehr förderten auch lokale Macht- und Ausbeutungsstrukturen ihre Kampfbereitschaft.

Fußnoten

10.
Vgl. Christoph Marx, Geschichte Afrikas. Von 1800 bis zur Gegenwart, Paderborn 2004.
11.
Vgl. Paul Richards, Fighting the rain forest. War, youth and resources in Sierra Leone, Oxford 1996.

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