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30.10.2009 | Von:
Rita Schäfer

Kriegerische Männlichkeit

Macht alter Männer

In ländlichen Gebieten waren junge Männer in jeder Hinsicht von der Gunst alter und einflussreicher Familienoberhäupter abhängig. Dies betraf vor allem den Landzugang und die Eheschließungen. Beides waren Grundvoraussetzungen für die gesellschaftliche Anerkennung als vollwertiger erwachsener Mann. Oft mussten sich die Jungen jahrelang auf den Feldern wohlhabender Landbesitzer verdingen und alte Männer heirateten junge Mädchen, mit denen junge unverheiratete Männer bereits geheime Liebesbeziehungen aufgebaut hatten. Oft lautete die Strafe für solchen Ehebruch: Jahrelange Zwangsarbeit auf den Feldern der Alten oder das Verbot, überhaupt eine Ehe schließen zu dürfen.

Für Konflikte zwischen Männern unterschiedlichen Status' und Alters sorgte auch die Tatsache, dass alle männlichen Jugendlichen eine mehrmonatige Initiation durchlaufen mussten, die als weitere Voraussetzung für die Anerkennung als Erwachsene galt. Alle Initianten wurden beschnitten und als rangniedrige Mitglieder in Lokalgruppen des traditionellen Männerbundes Poro aufgenommen, der weit verbreitet und politisch sehr einflussreich war. So mutmaßte die politische Elite in der sierra leonischen Hauptstadt Freetown, dass einzelne Poro-Leiter in politische Morde verwickelt waren. Poro-Leiter galten als Herren über Leben und Tod und als Vermittler zwischen Menschen- und Geisterwelt. Diese Macht nutzten die Poro-Leiter zur Disziplinierung junger Männer bei Initiationen. Nur ranghohe Jungen wurden teilweise in das Herrschaftswissen alter Poro-Leiter über die Geister und die Naturkräfte eingeweiht; der Mehrheit der Initianten blieb diese Welt verborgen.

Eigentlich sollten die gemeinsam erlittenen Schmerzen alle Beschnittenen vereinen - so die Ideale des Bundes. Faktisch verstärkte aber die Mannwerdung durch die Initiation und das Spannungsverhältnis zwischen Zugehörigkeit und Exklusion sowie die Hierarchie auf der Basis von Geheimnis und Unwissenheit sowohl die Konflikte zwischen Alt und Jung als auch zwischen Jungen unterschiedlicher Herkunft. Diese Ungleichheiten zwischen Männern resultierten aus der Geschichte des Landes, denn in Sierra Leone wurde über Jahrhunderte das System der Haussklaverei praktiziert, das die gesellschaftliche Schichtung verfestigte. Die sozialen Disparitäten wurden durch den transatlantischen Sklavenhandel intensiviert, von dem einzelne ranghohe lokale Autoritäten profitierten.[12] Im Zuge der Abschaffung von Sklavenhandel und Sklaverei wollten britische Abolitionisten in Sierra Leone ein besonderes Zeichen setzen: Ab 1787 siedelten sie befreite Sklaven und Nachfahren freigelassener Sklaven aus Amerika, sogenannte Kreolen, in der eigens gegründeten Hafenstadt Freetown an. Deren Bevorzugung in Bildung, Wirtschaft und Politik sorgte immer wieder für Konflikte, die durch die Einsetzung neuer lokaler Autoritäten im Rahmen der Kolonialherrschaft im Landesinneren verstärkt wurden. Vor allem Ende des 19. Jahrhunderts wurden Proteste gegen die britische Kolonialmacht und Konflikte zwischen lokalen Machthabern blutig ausgetragen. Kennzeichnend für diese kriegerischen Auseinandersetzungen war der Einsatz junger, rangniedriger Männer als Kämpfer. Sie standen sowohl in der vorkolonialen Gesellschaft als auch in der Siedlerkolonie an unterster Stelle. Nur einzelne Söhne ranghoher ländlicher Autoritäten profitierten von den Patronagenetzen mit den Kreolen. Sie wurden zur Ausbildung in die Hauptstadt geschickt und der Obhut der kreolischen Elite unterstellt.

Die Entdeckung großer Diamantenvorkommen in den 1930er Jahren ermöglichte jungen, sozial marginalisierten Männern nur begrenzt ein besseres Leben, denn in den Diamantenminen etablierten lokale Landbesitzer rasch neue Ausbeutungsverhältnisse. Eheschließungen blieben für sie ein Problem, jedoch bauten die jungen Diamantenschürfer Beziehungen mit jungen Frauen auf, die vor alten gewalttätigen Ehemännern geflohen waren. Deren Macht und der ihrer älteren Mitfrauen in polygamen Ehen hatten sich die jungen Frauen unterzuordnen.

Dem Poro-Männerbund entsprach bei den Frauen der traditionelle Sande-Bund, der dafür sorgte, dass alle Mädchen genital beschnitten wurden und ihnen im Rahmen von vorehelichen Initiationen vermittelte, die soziale Hierarchie fraglos zu akzeptierten.[13] Ähnlich wie der Poro-Bund bevorzugten die Sande-Leiterinnen Mädchen aus landbesitzenden Familien und bildeten diese als ihre Nachfolgerinnen aus. Geheimes Wissen über Naturkräfte zählte zu den Privilegien der Bund-Leiterinnen; so waren ranghohe Sande-Frauen als Hebammen tätig und zwangen die Gebärenden bei komplizierten Geburten, ihre Liebhaber zu nennen. Die Hebammen gaben ihr Wissen über die geheimen Liebschaften an die betroffenen Ehemänner Preis, die mit Gewalt und drakonischen Strafen reagierten. Junge Frauen, die diesen Strukturen entflohen, versuchten ihre Partner in den Minenstädten selbst auszuwählen. Angesichts der auch dort vorherrschenden patriarchalen Strukturen blieben ihnen aber eigene wirtschaftliche Handlungsspielräume weitgehend verwehrt. Als die RUF Anfang der 1990er Jahre in großem Stil Jugendliche als Kämpfer mobilisierte, schlossen sich zunächst einige Mädchen und junge Frauen freiwillig den Kampfeinheiten an. Auch sie glaubten den Verheißungen auf ein besseres Leben, manche folgten ihren männlichen Partnern. Im Lauf des Krieges wurden immer mehr Kämpferinnen zwangsrekrutiert, so dass ihr Anteil rasch anstieg - laut mancher Schätzungen waren etwa ein Drittel aller RUF-Guerillas weiblich.

Fußnoten

12.
Zu den langfristigen traumatischen Folgen von Sklaverei und Sklavenhandel für die sierra leonische Gesellschaft siehe Rosalind Shaw, Memories of the slave trade. Ritual and the historical imagination in Sierra Leone, Chicago 2002.
13.
Vgl. Rita Schäfer, Frauen und Kriege in Afrika, Frankfurt/M. 2008, S. 218.

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