APUZ Dossier Bild

30.10.2009 | Von:
Rita Schäfer

Kriegerische Männlichkeit

Geschlechterhierarchien in der RUF

Wie in vielen anderen Guerilla-Kriegen wurden die Kombattantinnen vor allem für Trägerdienste, Nachrichtenübermittlung, Spionage, Plünderungen, Folterungen von Gegnern, Versorgungsleistungen und die Pflege von Verwundeten eingesetzt. Zwar waren sie bewaffnet und auch immer wieder an Angriffen beteiligt, doch blieben ihnen militärische Führungsfunktionen mehrheitlich vorenthalten. Trotz ihrer sozialrevolutionären Parolen war der in der sierra leonischen Politik verbreitete Klientelismus auch für die RUF strukturprägend. Folglich verhielten sich die fast ausnahmslos jugendlichen Kommandanten wie mächtige alte Männer. Häufig übernahmen besonders gewaltbereite Kindersoldaten Führungsposten. Als neue Herren über Leben und Tod vertrieben oder ermordeten sie mancherorts die Leiter des Poro-Männerbundes. Allerdings befolgten sie bei wichtigen strategischen Entscheidungen die Anweisungen der Warlords und deren Hintermänner, die sie mit Waffen, Munition und Drogen versorgten. Während die RUF die Altershierarchie zwischen Männern durchbrach und vorgab, gerade sozial marginalisierten Jugendlichen zu helfen, schrieb sie gleichzeitig patriarchale Geschlechterverhältnisse fest.

So nahm die RUF Frauen und Mädchen als Sex-Sklavinnen gefangen; manche von ihnen erklärten die Kommandanten zu "Bush-Wives", also zu Ehefrauen. Wie die alten, einflussreichen Männer bauten sie polygame Haushalte auf, wobei sie auf die Hierarchie unter den Frauen achteten. Diese Rangfolgen erschwerten die Solidarität zwischen den Frauen und Mädchen. Die weniger privilegierten unter ihnen wurden als Sex-Sklavinnen benutzt, um den Zusammenhalt der Kombattanten zu festigen und sie für erfolgreiche Kampfeinsätze zu belohnen. Um den Massenvergewaltigungen zu entgehen und ihre Existenz zu sichern, versuchten einige junge Mädchen, den vergleichsweise bevorzugten Status als "Bush-Wife" zu erwerben. Jedoch war dieser Status fragil, weil etliche Kämpfer ihre Partnerinnen verstießen oder bei Gefechten starben.

Bei Überfällen auf Dörfer wurden Mädchen und junge Frauen oft öffentlich vergewaltigt und anschließend zwangsrekrutiert. Weibliche Familienangehörige angeblicher Feinde wurden bevorzugt malträtiert. Durch die öffentlichen (Massen)Vergewaltigungen griffen die Täter das maskuline Selbstbild der jeweiligen männlichen Familienangehörigen an, die in ihrer Wehrlosigkeit als Versager verhöhnt wurden. RUF-Kämpfer vergewaltigten auch Männer, um sie zu entmännlichen. Ebenso wurden sie gelegentlich von RUF-Kombattantinnen sexuell misshandelt. So war sexualisierte Gewalt eine verbreitete Kriegstaktik, um den familiären und sozialen Zusammenhalt der jeweiligen Feinde langfristig zu brechen. Dazu ordneten RUF-Kommandanten auch Inzesthandlungen an, die als absolutes kulturelles Tabu und als Verrat an den Ahnen galten. In der Folge hatten die dazu gezwungenen Jungen, die anschließend als RUF-Kämpfer zwangsrekrutiert wurden, keine Chance, zu ihren Familien zurückzukehren. Während der langen Kriegsjahre wurden sie selbst zu Gewaltakteuren, wobei die RUF als Sozialisationsinstanz wirkte.


Dossier

Innerstaatliche Konflikte

Vom Kosovo nach Kolumbien, von Somalia nach Süd-Thailand: Weltweit schwelen über 280 politische Konflikte. Und immer wieder droht die Lage gewaltsam zu eskalieren.

Mehr lesen

Informationsportal Krieg und Frieden

Wo gibt es Kriege und Gewaltkonflikte? Und wo herrscht am längsten Frieden? Welches Land gibt am meisten für Rüstung aus? Sicherheitspolitik.bpb.de liefert wichtige Daten und Fakten zu Krieg und Frieden.

Mehr lesen auf sicherheitspolitik.bpb.de