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30.10.2009 | Von:
Rita Schäfer

Kriegerische Männlichkeit

Kriegsende und Nachkriegsentwicklungen

Die RUF hatte gegenüber der sierra leonischen Armee leichtes Spiel. Während des Krieges kam es wiederholt zu Putschen und etliche Soldaten wechselten mehrfach die Fronten. Der lukrative Diamantenschmuggel verschaffte der RUF zudem gute Einnahmen. Wiederholt scheiterten Friedensverhandlungen und die internationale Staatengemeinschaft unternahm jahrelang keine Anstrengungen zur Konfliktbeilegung. Erst im Oktober 1999 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat die Resolution 1270 als Grundlage für die UNAMSIL-Friedensmission mit zunächst 6000, später über 17 000 Blauhelmsoldaten. Etliche von ihnen trumpften in ihrer Freizeit mit besitzergreifendem Sexualverhalten gegenüber der lokalen männlichen Bevölkerung auf, was vor allem junge Männer als Affront wahrnahmen.[14] Zu sexuellen Kontakten mit Blauhelmsoldaten sahen sich insbesondere sozial marginalisierte frühere RUF-Kämpferinnen gezwungen. Sie erhielten keinen Zugang zu den Demobilisierungsprogrammen, weil RUF-Kommandanten ihnen die Waffen abnahmen. Diese wollten nicht als Anführer von Frauen und Kindern gelten und fühlten sich durch die eigene Entwaffnung in ihrem männlichen Selbstbild angegriffen.

Zahllose Frauen und Mädchen, die vergewaltigt worden waren, wurden von ihren Familien fortgeschickt. Vor allem die männlichen Verwandten wollen nicht an das eigene Versagen erinnert werden. Kinder, die bei den Vergewaltigungen gezeugt worden waren, wurden als Bedrohung der familiären Erbfolge wahrgenommen.[15] Darüber hinaus zwangen alte einflussreiche Frauen ehemalige Kämpferinnen zu genitalen Beschneidungen. In Übereinstimmung mit alten ranghohen Männern, die rechtzeitig geflohen waren und den Krieg überlebt hatten, verlangten sie die Rückkehr zu den Traditionen, da nur so die soziale Ordnung wieder aufgebaut werden könne. Solche Einschätzungen führender Sande- und Poro-Bundleiter bestärkten zahllose Männer, fortan gewaltsam ihre Vormachtstellung gegenüber ihren Partnerinnen durchzusetzen.

Die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft wurden mehrheitlich enttäuscht. Während der Demobilisierung und Reintegration wurde es versäumt, gewaltgeprägte Männlichkeitsvorstellungen zu ändern. Zahllose demobilisierte Kombattanten nutzten Gewalt weiterhin als Machtbeweis - insbesondere gegenüber Frauen. Mancherorts eignen Vertreter der alten Elite sich Entwicklungsgelder an, weil Hilfsorganisationen in Unkenntnis der lokalen Hierarchien mit ihnen kooperieren. So sind Nepotismus und Korruption auch beim Wiederaufbau staatlicher Institutionen erneute Strukturprobleme. Nur einzelne zivilgesellschaftliche Gruppen prangern die Fortsetzung von Machtmissbrauch und Gewalt an. Sie haben aber einen schweren Stand.

Die übereilt eingesetzte Wahrheits- und Versöhnungskommission und das Sondertribunal trugen nur ansatzweise zur erhofften Aufdeckung der Gräueltaten oder zur Bestrafung von Kriegsverbrechern bei. Bloß wenige geschlechtsspezifische Gewaltakte wurden strafrechtlich verfolgt. Mangels Alternativen sind viele junge Männer gezwungen, sich als schlecht bezahlte Diamantenschürfer zu verdingen, als Kleinkriminelle in den Städten ihre Existenz zu sichern oder als Söldner in einem Nachbarland weiterzukämpfen.

In Sierra Leone zeigt sich beispielhaft, wie notwendig es ist, sexualisierte Kriegsgewalt umfassend aufzuarbeiten und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Zudem müssen neue, kulturell angepasste Foren für Männer unterschiedlichen Alters und Status' etabliert werden, um Maskulinität jenseits besitzergreifender Sexualität, umfassender Dominanzansprüche, Gewaltbereitschaft und ausgeprägter Hierarchien zu definieren.[16] Nur so kann verhindert werden, dass kriegerische Gewaltmuster in Nachkriegsgesellschaften übernommen und von neuen Kriegstreibern wieder gewaltsam aufgeladen werden.

Das Fallbeispiel Sierra Leone illustriert auch, dass detaillierte Analysen der Geschlechterhierarchien, die insbesondere die Machtverhältnisse zwischen Männern untersuchen und diese systematisch mit gesellschaftlichen Strukturen, historischen Kontexten sowie mit politischen und ökonomischen Entwicklungen in Beziehung setzen, neue Impulse für ein differenziertes Verständnis von Kriegen und die Debatte über "Neue Kriege" geben können.

Fußnoten

14.
Vgl. Paul Higate, Gender and peacekeeping. Case studies: The Democratic Republic of Congo and Sierra Leone, Institute for Security Studies (ISS) Monograph, Pretoria 2004.
15.
Schätzungen bezifferten die im Krieg vergewaltigten Frauen und Mädchen landesweit auf 215 000 bis 270 000. Mindestens 90 000 wurden mit HIV infiziert. Über 20 000 Kinder wurden durch Vergewaltigungen gezeugt. Siehe hierzu Human Rights Watch, "We'll kill you if you cry". Sexual violence in the Sierra Leone conflict, Human Rights Watch Publications, 15 (2003) 1 (A), New York 2003; Amnesty International, Sierra Leone: Rape and other forms of sexual violence against women and girls, AFR 51/035/2000, London 2000.
16.
Siehe hierzu das Sonke Gender Justice Network in Südafrika und in anderen afrikanischen Ländern: www.genderjustice.org.za (28.9.2009).

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