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30.10.2009 | Von:
Sibylle Tönnies

Die "Neuen Kriege" und der alte Hobbes

Neue staatstragende Haltung

Wirklich neu an den asymmetrischen Auseinandersetzungen ist die Ablehnung, die ihnen die Politikwissenschaftler seit einiger Zeit entgegenbringen. Sie schlagen sich immer mehr auf die Seite von Goliath und lassen David im Stich. Denn bisher haben sie - wie der Zeitgeist überhaupt - mit dem bewaffneten Kampf gegen Staatsordnungen durchaus sympathisiert. In dem Licht, in dem Asterix und Obelix als Helden gezeigt wurden, sah man bisher alle Aufständischen; man nannte sie Freiheitskämpfer, Guerilleros oder Partisanen. Neu sind nicht die heute sogenannten "Neuen Kriege", sondern die Haltung, mit der man dem Kampf gegen Staatsordnungen gegenübersteht.

Die Geschichtsschreibung, die Literatur und die Schönen Künste haben diejenigen, die sich von der Staatsmacht lösten und sie bekämpften, bisher meistens verherrlicht.[5] Zum Beispiel Götz von Berlichingen: Er war ein Raubritter, der sich der entstehenden Staatsmacht nicht unterwerfen wollte; er sah seine Freiheit in dem alten Fehderecht und wollte - so wie seine Väter - weiterhin auf eigene Faust einen bewaffneten Haufen anführen. Er gehörte zu den Kräften, welche die Etablierung des staatlichen Gewaltmonopols um Jahrhunderte verzögerten - und dennoch gilt er als Held. Johann Wolfgang von Goethe lässt ihn mit dem Wort "Freiheit" auf den Lippen sterben.

Bisher hat unsere Kultur die Männer, die sich dem status civilis nicht unterworfen und den status naturalis entweder aufrechterhalten oder wieder hergestellt haben, idealisiert. Warum tragen Straßen und Plätze die Namen von Ferdinand von Schill, Theodor Körner und Adolf von Lützow? Weil diese Männer ohne Rücksicht auf den preußischen Staat, der sich von Napoleon hatte einverleiben lassen, den Kampf gegen die französischen Besatzer aufnahmen. Aus dieser Zeit stammen auch die deutschen Bundesfarben: Demnach trugen die Freischärler in Ermangelung von Uniformen ihre schwarzen Anzüge, auf die ihre Mütter goldene Knöpfe und rote Aufschläge genäht hatten. Heute müsste man das Lützower Freikorps als marodierenden Haufen bezeichnen.

Die 68er-Generation hat in ihrer Jugend die Guerilla und das Partisanentum gefeiert; heute lässt sie sich nicht gern daran erinnern. Der Topos "Neue Kriege" hilft ihr, wenn sie nicht zugeben mag, dass sie ihre Haltung geändert und den Rebellen ihre Sympathie entzogen hat. Statt aber eine uralte Frage in neuer Terminologie zu diskutieren, sollte sie fruchtlos zugeben, dass sie sich revidiert hat. Diese Revidierung ist gut und richtig. Die prinzipielle Bejahung des Gewaltmonopols entspricht der weltgeschichtlichen Tendenz zur globalen Zentralisierung der militärischen Macht.

Mary Kaldor hat einen guten Griff getan, als sie Norbert Elias' kurze, aber unübertroffene Darstellung dieser unaufhaltsamen Tendenz wiedergegeben hat.[6] Elias schrieb in seinem Buch "Über den Prozess der Zivilisation" über die Monopolisierung der zunächst souveränen Gewalten: "Nach vielen Kämpfen und Niederlagen werden einige durch Akkumulation von Machtmitteln stärker, andere scheiden aus dem Konkurrenzkampf um die Vormacht aus; diese hören auf, Figuren erster Größe in diesem Kampf zu sein; jene, die wenigen, kämpfen weiter miteinander, und der Ausscheidungsprozess wiederholt sich, bis schließlich die Entscheidung nur noch zwischen zwei Territorialherrschaften steht, die durch Siege über andere, durch deren freiwillige oder erzwungene Angliederung groß geworden sind; alle übrigen haben nun - ob sie sich am Kampfe beteiligten oder neutral blieben - durch das Wachstum und die Machtfülle dieser beiden den Charakter von Figuren zweiter oder dritter Ordnung bekommen, und in dieser Funktion haben sie immerhin noch ein gewisses gesellschaftliches Schwergewicht. Jene beiden aber nähern sich schon einer Monopolstellung, sie sind aus dem Konkurrenzbereich der übrigen herausgewachsen; zwischen ihnen steht die Entscheidung."[7]

Betrachtet man die gegenwärtige Weltlage mit diesen Augen, so lässt sich konstatieren: Die Entscheidung ist gefallen - zugunsten der USA. Solange sich die Weltmacht nicht offensichtlich im Abstieg befindet, (was allerdings viele Analytiker behaupten,) muss davon ausgegangen werden, dass die Welt-Gewaltmonopolisierung in den Händen der USA der nächste Schritt im Prozess der Zivilisation ist.

Fußnoten

5.
Auch Herfried Münkler rückt die Aufständischen von Andreas Hofer bis Che Guevara nicht immer in das schlechte Licht wie heute die Warlords; vgl. Herfried Münkler, Der Partisan. Theorie, Strategie, Gestalt, Opladen 1990.
6.
Vgl. M. Kaldor (Anm. 2), S. 335.
7.
Norbert Elias, Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, 2 Bde., Frankfurt/M. 1997, S. 143.

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