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30.10.2009 | Von:
Sibylle Tönnies

Die "Neuen Kriege" und der alte Hobbes

"Cosmopolis" oder Weltimperium?

Beide Protagonisten des neuen Topos, sowohl Kaldor als auch Münkler, haben - mehr oder weniger offen - dieses Ziel im Auge. Kaldor bezeichnet es mit dem alten griechischen Wort " Cosmopolis" - ein gutes Wort, das aber über die Frage, ob die Gewalt monopolisiert werden soll, einen Schleier wirft. Kaldor beruft sich einerseits auf Immanuel Kant, dessen Konzept eines "Ewigen Friedens" diese Monopolisierung ausschließt, andererseits aber auf Norbert Elias und Thomas Hobbes, die sie für unabdingbar halten. Auch Münkler nimmt in dieser Frage keinen klaren Standpunkt ein. Er befasst sich zwar sympathisierend mit "Imperien", propagiert jedoch nur an einigen Stellen ausdrücklich die Gründung eines Welt-Imperiums. Soweit er das tut, hat er - realistischerweise - die USA im Auge.[12]

Wenn Kaldor das angelsächsische Publikum davon überzeugen will, dass die "Neuen Kriege" zu einem globalen status civilis zwingen, kann sie sich ganz unbefangen auf Thomas Hobbes berufen. Münkler muss das vermeiden: In Deutschland hat Hobbes keinen guten Ruf. Es ist gleichwohl richtig, ihn als Fachmann für das Thema heranzuziehen; denn - ob das Konzept "Cosmopolis" oder "Imperium" heißen möge - in beiden Fällen kann das, was Hobbes über die notwendige Gründung des staatlichen Gewaltmonopols gesagt hat, auf die Weltebene übertragen werden.

Die Abwehrreaktion, die Hobbes auslöst, ist unberechtigt. Denn alles, was er auf nationaler Ebene in Gang setzen wollte, ist eingetreten - und zwar zu unser aller Gunsten. Hobbes animierte die kleinen Mächte - die Adligen, die Bischöfe, die Städte - ihre Waffen abzulegen und zu dulden, dass nur noch eine Zentrale das Recht hat, Gewalt anzuwenden - der Staat: Er allein darf eine Exekutive besitzen und physischen Zwang anwenden; bewaffnete Einheiten - Polizei und Militär - dürfen nur unter staatlichem Befehl agieren. Ein solcher Staat schwebt heute über allen funktionierenden Nationen und sein Gewaltmonopol steht prinzipiell außer Frage. Das Fehlen von Staatsgewalt - so in Gesellschaften, die man als "failed states" bezeichnet - wird als Mangel angesehen. Diese Gesellschaften sind die Tummelplätze der "Neuen Kriege".

Der Nutzen der Gewaltmonopolisierung wird heute nicht mehr prinzipiell in Frage gestellt. Aber es wird Hobbes - jedenfalls in Deutschland - nicht gedankt, dass er diesen Prozess durch seine Theorie so wirksam gefördert hat. Er hat zu seiner Unbeliebtheit allerdings selbst beigetragen, indem er die monopolisierte Gewalt - den Staat also, zu dessen Anerkennung er ermunterte - als Ungeheuer darstellte. Er gab ihr, der er das alleinige Privileg des Waffeneinsatzes zuwies, den Namen Leviathan. Der Leviathan aber ist ein Ungeheuer, das im Alten Testament - Buch Hiob, Kapitel 41 - so beschrieben wird: "Wer kann ihm sein Kleid aufdecken? Und wer darf es wagen, ihm zwischen die Zähne zu greifen? (...) Aus seinem Munde fahren Fackeln, und feurige Funken schießen heraus. Aus seiner Nase geht Rauch wie von heißen Töpfen und Kesseln. Auf seinem Halse wohnt die Stärke, und vor ihm her hüpft die Angst."

In der Wahl dieser Allegorie schwingt englische Selbstironie mit. Trotzdem ist das Bild ernst zu nehmen. Hobbes wollte die Staatsmacht als schreckliches Ungeheuer sehen, weil es ihm darauf ankam, dass sie Angst erregt. Darin drückte sich keine Neigung zur Gewalt aus. Im Gegenteil: Je mehr Angst die Staatsmacht erregt, desto weniger muss sie faktisch einschreiten.

Fußnoten

12.
Vgl. H. Münkler (Anm. 4), S. 145.

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