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26.10.2009 | Von:
Ilona K. Schneider

Lernfenster Kindergarten

Ein Bildungsangebot im Kindergarten entspricht sowohl den Bildungsbedürfnissen der Kinder als auch ihrem -bedarf. Die Ausweitung des Bildungsauftrags verändert das Professionsprofil von Kindergärtnerinnen.

Einleitung

Auf den ersten Blick mag es erscheinen, dass vor allem gesellschaftliche Faktoren eine Wende im Verständnis der frühkindlichen Bildung bewirkt haben. Die für Deutschland unbefriedigenden Ergebnisse internationaler Vergleichsstudien wie TIMSS und PISA sowie die Kritik der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) an den ungenügenden Leistungsdispositionen vieler Schulabgänger sensibilisierten die Öffentlichkeit für Bildungsreformen, die auch die Elementarbildung betreffen. Andererseits haben in der jüngsten Vergangenheit Forschungsergebnisse von Neurowissenschaftlern und Psychologen auf die ungeheuren Lernpotenzen eines Kindes von Geburt an verwiesen.[1] Aus der anthropologischen Perspektive entspricht ein Bildungsangebot im Kindergarten sowohl den Bildungsbedürfnissen der Kinder als auch ihrem Bildungsbedarf.






Die Politik hat reagiert: Mit dem 2004 von der Kultusministerkonferenz/Jugendministerkonferenz (KMK/JMK) beschlossenen Rahmenplan für die frühe Bildung ist der Anspruch verbunden, Bildung nicht erst in der Grundschule zu vermitteln, sondern bereits für den Elementarbereich verbindlich zu machen. Alle 16 Bundesländer haben inzwischen Bildungspläne für Kindertagesstätten ausgearbeitet,[2] die vom Paradigma der Gleichrangigkeit und Interdependenz von Erziehung, Betreuung und Bildung bestimmt werden.

In diesem Zusammenhang sind nicht zuletzt sowohl die Aus- und Weiterbildung von Kindergärtnerinnen als auch der gesellschaftliche Stellenwert ihrer Arbeit neu zu diskutieren. Wir können davon ausgehen, dass die Ausweitung des Bildungsauftrags auf Kindergärten und seine integrative Umsetzung mit Erziehungs- und Betreuungsaufgaben das Professionsprofil von Kindergärtnerinnen verändert. Im Elementarbereich geht es um fachliche und fachdidaktische Inhalte, die insbesondere die Entwicklung von sprachlichen Kompetenzen, das Sammeln von Erfahrungen mit elementaren mathematischen Inhalten sowie die Auseinandersetzung mit Fragen einer natur- und sozialorientierten Welterschließung betreffen.

Es ist keinesfalls so, dass Bildungs- und Erziehungsarbeit umso leichter ist, je jünger die Kinder sind, wie es die unterschiedlichen tariflichen Eingruppierungen von Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen der verschiedenen Schulformen suggerieren. So ist zum Beispiel die Kenntnis der Entwicklungs- und Lernbesonderheiten von Drei- bis Siebenjährigen und deren Berücksichtigung bei der Planung und Organisation von Bildungsprozessen fachspezifischem Wissen gleichzustellen.

Während in der Grundschule und erst recht in der anschließenden Sekundarstufe die Lehrkräfte davon ausgehen können, dass Kinder und Jugendliche zu bewusstem Lernen fähig sind, sieht das im Vorschulalter ganz anders aus. In diesem Alter entwickeln sich erst die psychischen Funktionen der willkürlichen Aufmerksamkeit und des willkürlichen Gedächtnisses. Andererseits befinden sich drei- bis zehnjährige Kinder aufgrund ihrer neurobiologischen Entwicklung in einer außerordentlich intensiven Lernphase, von deren Nutzung ihr weiteres Lernen maßgeblich beeinflusst wird - denken wir an die Sprachentwicklung und die Differenzierung der Wahrnehmungsleistungen sowie der motorischen Fähigkeiten. Alle diese Entwicklungen sind - neben genetischen Anlagen - auf bestimmte Erfahrungen in einer bestimmten Zeit angewiesen. Diese Zeiten werden als sensible oder kritische Phasen, Entwicklungs- oder Lernfenster bezeichnet und sind als Entwicklungsreservoir aufzufassen.[3] Die Kindergartenzeit stellt, wie wir im Folgenden zeigen werden, ein ganz entscheidendes Lernfenster in der Bildungsbiographie eines Menschen dar.

Fußnoten

1.
Vgl. z.B. Alison Gopnik/Patricia Kuhl/Andrew Meltzoff, Forschergeist in Windeln, Kreuzlingen-München 2000; Manfred Spitzer, Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens, Heidelberg-Berlin 2002; Wolf Singer, Ein neues Menschenbild? Gespräche über Hirnforschung, Frankfurt/M. 2003.
2.
Vgl. u.a. Beate Blaseio, Natur in den Bildungsplänen des Elementarbereichs, in: Roland Lauterbach/Hartmut Giest/Brunhilde Marquardt-Mau (Hrsg.), Lernen und kindliche Entwicklung. Elementarbildung und Sachunterricht, Bad Heilbrunn 2009, S. 85 - 92; Antonius Hansel/Ilona Katharina Schneider (Hrsg.), Bildung im Kindergarten. Förderkonzeption der Arbeitsgruppe Frühpädagogik an der Universität Rostock, Herbolzheim 2008.
3.
Vgl. John T. Bruer, Der Mythos der ersten drei Jahre. Warum wir lebenslang lernen, Weinheim-Basel 2003, S. 133.