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16.10.2009 | Von:
Umut Erel

Qualifikation von Migrantinnen - eine Frage der Bürgerrechte? - Essay

Hürden und Ressourcen

Trotz dieser Schwierigkeiten gelingt es einigen Migrantinnen, qualifizierte Arbeit zu finden. Ein Fallbeispiel aus meinen Studien[3] macht deutlich, welchen Hürden sie dabei begegnen, aber auch, wie sie Ressourcen entwickeln, diese zu überwinden: Nalan arbeitete in den 1970er Jahren in der Türkei im IT-Bereich. Sie war mit ihrer Arbeit zufrieden. Ihre Arbeitserfahrung sorgte auch ohne Studienabschluss für Jobsicherheit und ein gutes Gehalt. Allerdings fühlte sie sich nach ihrer Scheidung als alleinerziehende Mutter in ihrem Privatleben immer mehr eingeschränkt: Ihre Familie begann, sich als ihr Moralwächter aufzuspielen, und als sie eines Nachts auf der Straße von Polizisten angehalten wurde, die kontrollieren wollten, ob sie mit ihrem männlichen Begleiter verheiratet ist, stellte sie fest, dass das Leben als geschiedene Frau "nicht so einfach werden würde". Um arbeiten zu können, war sie zudem auf die Kinderbetreuung durch ihre ehemaligen Schwiegereltern angeweisen. Nun sorgte sie sich, dass dieses Arrangement zusammenbrechen könnte, wenn sie eine neue Beziehung eingehen würde.

Ihr Engagement in der Frauenbewegung und andere politische Aktivitäten hatten ihr Gelegenheit gegeben, Kontakte nach England zu knüpfen. In den 1980er Jahren schlägt ihr eine Freundin vor, nach London auszuwandern. Sie geht darauf ein und lässt ihren Sohn vorerst in der Obhut der Großeltern zurück. Allerdings findet sie nur informelle Jobs in Textilfabriken mit schlechten Arbeitsbedingungen und wenigen Arbeitsrechten. Diese sogenannten sweatshops wurden in den 1980er und 1990er Jahren häufig von Migranten aus der Türkei betrieben. Als es ihr gelingt, eine Arbeitserlaubnis zu bekommen und - trotz zwölfstündiger Arbeitstage - Englisch zu lernen, nimmt sie erste reguläre Jobs als Kellnerin und Zimmermädchen an. Oberste Priorität hat für sie, den Einwanderungsbehörden zu beweisen, dass sie finanziell selbst für sich sorgen kann, denn davon hängt ab, ob sie ihren Sohn zu sich holen darf.

Insgesamt ist Nalan sechs Jahre lang in solchen unqualifizierten Jobs tätig. Dabei erlebt sie nicht nur vielfältige Formen von Diskriminierung, sondern ist auch sexueller Belästigung am Arbeitsplatz ausgesetzt. Um einen besseren Job zu finden, nutzt sie verschiedene Ressourcen: Ihr Netzwerk, das sie sich durch ihr Engagement in politischen Bewegungen aufgebaut hat, hilft ihr dabei, Informationen über Arbeitsmöglichkeiten im sozialen und erzieherischen Bereich zu finden; durch ehrenamtliche Erfahrungen erhält sie zudem erste Einblicke in das britische Sozialwesen. Mit Freundinnen bereitet sie sich auf Vorstellungsgespräche vor. Schließlich führt ein Studium der Sozialarbeit zu einem festen Job.

Nachdem geschlechterspezifische Gründe Nalan zur Migration motiviert hatten, trugen Nalans anfänglicher Status als irreguläre Migrantin und die Notwendigkeit, so schnell wie möglich Geld zu verdienen, also dazu bei, dass sie sich erst spät neu qualifizieren konnte. Ihr zunächst undokumentierter Aufenthaltsstatus und die schlechten Arbeitsbedingungen führten sogar dazu, dass sie sexueller Belästigung ausgesetzt war. Das niedrige Einkommen zwang sie dazu, lange Arbeitszeiten zu akzeptieren, was ihre sprachliche und berufliche Bildung zusätzlich erschwerte. Für Nalan waren ihr politisches Engagement und das dadurch aufgebaute Netzwerk eine wichtige Ressource, um qualifizierte Arbeit in einem neuen Bereich zu finden. Solche Erfolge sind allerdings selten. Warum die Realisierung von Qualifikationen nicht allein ein volkswirtschaftliches Problem ist, sondern auch ein Frage von Bürgerrechten, werde ich im Folgenden darlegen.

Fußnoten

3.
Dieser Beitrag stützt sich auf meine Forschung über qualifizierte Migrantinnen aus der Türkei in Großbritannien und der Bundesrepublik: Migrant Women Transforming Citizenship, Aldershot 2009.