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16.10.2009 | Von:
Umut Erel

Qualifikation von Migrantinnen - eine Frage der Bürgerrechte? - Essay

Migrantinnen und Bürgerrechte

In den vergangenen Jahren hat die Frage, wie sich nationale Zugehörigkeiten im Zeitalter der Globalisierung wandeln, viel Aufmerksamkeit erregt. Allerdings wurden dabei die Perspektiven von Migrantinnen selten berücksichtigt. Dennoch erscheinen sie heute als neue Akteurinnen, die über Grenzen von Klasse, Geschlecht, Ethnizität und Nation hinweg neue Formen von Zugehörigkeiten finden und Bürgerrechte umsetzen.

Betrachten wir nur zwei Beispiele aus meiner Forschung: Pinar, eine alleinerziehende Mutter in Deutschland, bemüht sich, eine Wahlfamilie mit Migrantinnen und Migranten aus anderen Ländern aufzubauen. Es ist ihr wichtig, dass ihre zehnjährige Tochter die türkische Sprache und bestimmte kulturelle Praktiken kennenlernt. Aber mit ihrer Wahlfamilie spricht sie auch Englisch und hat Kontakt zu Menschen mit unterschiedlichem kulturellen und sprachlichen Hintergrund. Einer der wichtigsten Werte, die sie ihrer Tochter durch ihre Erziehung mitgeben möchte, ist kultureller Pluralismus.

Selin, eine kurdische Migrantin in England, ist ehrenamtlich in türkisch-kurdischen Einrichtungen aktiv und fordert, dass die Vertreter dieser community demokratische Verantwortlichkeit tragen. Sie kritisiert, dass der britische Multikulturalismus sich auf community-Einrichtungen stützt und dabei Machtverhältnisse von Klasse, Geschlecht und Ethnizität innerhalb der ethnischen communities unangetastet lässt. Mit ihrem Engagement will sie das ändern. Migrantinnen wie Pinar und Selin eröffnen neue Perspektiven für die Bürgerrechte. Denn die Art und Weise, wie sie sich für diese Rechte engagieren, zeigt, dass Alternativen zu einer exklusionistischen Staatsbürgerschaftspolitik möglich sind.

Bürgerschaft wird meist in erster Linie als ein rechtlicher Status gegenüber dem Staat definiert. Selbstverständlich sind formale Rechte wichtig. So haben gestaffelte Aufenthaltstitel und der Erwerb der Staatsbürgerschaft zum Beispiel weitreichende Auswirkungen darauf, welchen Zugang Migrantinnen zu Bildung, Arbeit oder auch Entscheidungen über ihr Familienleben und zu politischer und sozialer Teilhabe haben. Aber ich beziehe mich hier auf ein erweitertes Verständnis von Bürgerschaft, das Aspekte von Zugehörigkeit und Teilhabe umfasst. Dazu gehört auch die Handlungsfähigkeit von Migrantinnen, die sich etwa darin niederschlägt, welches Wissen sie über sich selbst und über die Welt, in der sie leben, entwickeln. Erst dieses Wissen macht sie kritik- und handlungsfähig. Migrantinnen entwickeln ihre Handlungsfähigkeit nicht allein in Bezug auf formale politische Teilhabe. Stattdessen sind kulturelle Aktivitäten, Geschlechterverhältnisse, bezahlte und unbezahlte Arbeit, sexuelle Identitäten und Sorgearbeit (in der Familie und darüber hinaus) wichtige Bereiche, in denen sie neue Formen von Zugehörigkeiten formulieren und Rechte fordern. Ein solcher erweiterter Begriff der Bürgerrechte ermöglicht ein besseres Verständnis der politischen Kultur von Migrantinnen und ihre angemessenere politische und soziale Repräsentation. Beides kann dazu beitragen, das demokratische Potential, das wir mit Bürgerrechten verbinden, besser zu verwirklichen.