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16.10.2009 | Von:
Umut Erel

Qualifikation von Migrantinnen - eine Frage der Bürgerrechte? - Essay

Arbeit, Migration und Bürgerrechte

Bezahlte Arbeit ist ein zentraler Bestandteil von Bürgerschaft, denn die Teilnahme am Arbeitsmarkt ist eine wichtige Bedingung, um soziale Rechte zu erlangen. Dies gilt insbesondere für Migrantinnen, bei denen auch der Aufenthaltsstatus von ihrer Fähigkeit abhängt, sich selbst zu finanzieren und nicht auf Staatsmittel angewiesen zu sein. Der Zugang zu Arbeit und zu bestimmten Berufen wiederum ist an Aufenthaltsstatus und Staatsbürgerschaft gekoppelt. Wie sich diese Schwierigkeiten auf Migrantinnen mit irregulärem Aufenthaltsstatus und ohne formal anerkannte Qualifikationen auswirken, hat zum Beispiel Nalans Fall gezeigt. Aber auch Migrantinnen, deren Qualifikation formal anerkannt wird, sind mit hohen Hürden konfrontiert.

Der folgende Fall zeigt, wie Migrantinnen nicht nur ihr individuelles Schicksal in die Hände nehmen, sondern auch neue Anstöße zur Formulierung von Bürgerrechten geben können: Birgül reiste Anfang der 1980er Jahre nach dem türkischen Militärputsch in die Bundesrepublik ein. Als Ärztin fand sie zunächst einen unbezahlten Praktikumsplatz und anschließend Arbeit. Während ihrer Facharztausbildung war sie regelmäßig damit konfrontiert, eine Erneuerung ihrer Berufserlaubnis, ihrer Aufenthaltserlaubnis und ihrer Arbeitserlaubnis zu beantragen, was sie sehr belastete. Nach erfolgreichem Ausbildungsabschluss bereitete sie sich Anfang der 1990er Jahre darauf vor, eine Praxis zu eröffnen. Doch weil sie nicht im Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft war, wurde ihr untersagt, sich als Ärztin niederzulassen. Mit Hilfe eines Anwalts argumentierte sie nun, dass das deutsche Recht eine medizinische Versorgung der Bevölkerung vorsehe und nicht allein des deutschen Volkes. Diese Bevölkerung umfasse auch türkische Migrantinnen, welche die Wahl haben sollten, sich medizinisch von einer türkischsprachigen Gynäkologin versorgen zu lassen. Schließlich erlangte Birgül die Erlaubnis, eine Arztpraxis zu eröffnen.

Birgüls Erfahrung zeigt, wie eng der Zugang zu qualifizierter Arbeit mit der Frage von Bürgerrechten verknüpft ist. Einerseits erkämpfte sie sich das Recht, sich als Ärztin niederzulassen, auch ohne die deutsche Staatsbürgerschaft zu besitzen. Andererseits bedeutet ihr Erfolg noch mehr: Als politisches Subjekt forderte sie nicht nur das Recht, ihren Beruf in einem Kontext ihrer Wahl auszuüben, sondern stellte auch die Definition von Gesundheitsversorgung in Frage. Sie kritisierte damit die vorgebliche Neutralität einer Gesundheitsversorgung, die nicht auf geschlechterspezifische, ethnische oder sprachliche Unterschiede der Patientinnen eingehen kann. In diesem Sinne ging Birgüls Akt über die Forderung beruflicher Rechte hinaus. Er regt dazu an, die Substanz (kulturell und geschlechterspezifische Gesundheitsversorgung von Migrantinnen) und das Subjekt (eine ethnisch heterogene Bevölkerung, nicht eine homogene Nation) der Bürgerrechte neu zu definieren. Birgüls Intervention fand vor dem Hintergrund statt, dass sie eben nicht die formale Staatsbürgerschaft besaß, und stellt dennoch eine transformative Bürgerrechtspraktik dar.

Die berufliche Abqualifikation von Migrantinnen markiert diese als weniger kompetente Bürgerinnen, da ihr kulturelles Kapital aberkannt wird und ihre Möglichkeiten zur Arbeitsmarktpartizipation beschränkt werden. Daher ist es wichtig, bessere Möglichkeiten zur Anerkennung von Qualifikationen und zur Wieder- oder Weiterqualifikation zu schaffen. Dies ist besonders relevant für Frauen, die häufig marginalisiert werden von männlich dominierten sozialen und beruflichen Netzwerken. Die Integrationspolitik verlangt von Migrantinnen, dass sie sich selbst finanziell unterhalten, und erschwert so insbesondere denjenigen Frauen, die Kinder zu versorgen haben, eine (Wieder-) Qualifikation. Diesen Lebensumständen von Migrantinnen Rechnung zu tragen, würde allerdings einen radikalen Wandel sowohl in der Migrationspolitik als auch in der Anerkennungspraxis der Qualifikationen von Migranten erfordern. Migrations- und Arbeitsmarktpolitik betrachtet Migrantinnen noch immer als eine Gruppe, die außerhalb der Aufnahmegesellschaft steht: im besten Fall als wertvolle Ressource, im schlimmsten Fall als soziale Belastung und Bedrohung.

Eine Politik, die es Migrantinnen unabhängig vom Aufenthaltstitel ermöglicht, ihre Qualifikationen einzusetzen, könnte auf den gesamten gesellschaftlichen Pool an Talenten zurückgreifen. Migrantinnen sind sozial und rechtlich nahe der Grenzen von Zugehörigkeit verortet. Aus diesem Grund zeigen ihre Bürgerrechtspraktiken, wo demokratische Erneuerungen gefragt sind - was im Zeitalter der Globalisierung von Arbeit von besonderer Relevanz ist.

Wenn die Bemühungen von Migrantinnen, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, nicht im Lichte von Arbeitsmarktkonkurrenz, sondern als eine Frage von Bürgerrechten angesehen werden, so kann dies ein erster Schritt auf dem Weg sein, eine bessere Verbindung zwischen Demokratie und Arbeit herzustellen. Dabei geht es nicht nur um die Verbesserung der Situation von Migrantinnen auf dem Arbeitsmarkt, sondern auch darum, die Frage von Bürgerrechten wiederzubeleben, so dass diese für eine globalisierte Welt aktuell bleiben. Und das wiederum liegt im Interesse aller, migrierter und nicht-migrierter, "Mitbürgerinnen" und "Mitbürger".