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16.10.2009 | Von:
Arnd-Michael Nohl
Anja Weiß

Jenseits der Greencard: Ungesteuerte Migration Hochqualifizierter

Verwertung von Wissen und Können auf dem Arbeitsmarkt

Nicht nur die Heirat mit einer in Deutschland lebenden Person macht die Einwanderung und eine mit wenigen rechtlichen Hürden versehene Arbeitsmarktintegration möglich. Auch andere Motive, wie zum Beispiel der Wunsch, als Spätaussiedler die eigenen Lebensumstände im Heimatland der Vorfahren zu verbessern oder als EU-Bürgerin bzw. EU-Bürger Auslandserfahrung zu erwerben, können biographische Orientierungen darstellen, die sich in Deutschland relativ problemlos in einen Aufenthaltstitel und einen den Deutschen rechtlich gleichgestellten Arbeitsmarktzugang ummünzen lassen.

Diese Passung zwischen Migrationsmotiv und Ausländerrecht ist eine Voraussetzung dafür, das im Ausland erworbene Wissen und Können gewinnbringend auf dem deutschen Arbeitsmarkt verwerten zu können. Wie eine Sonderauswertung des Mikrozensus zeigt, liegt der Anteil der Bildungsausländer und -ausländerinnen an allen Hochqualifizierten in Deutschland immerhin bei 7,84 Prozent. Dennoch bleibt der Arbeitsmarkterfolg der hochqualifizierten Bildungsausländer deutlich hinter dem Erfolg der Deutschen und jener Migranten zurück, die ihre akademischen Titel in Deutschland erworben haben (s. Tabelle der PDF-Version).

Dass ein beträchtlicher Teil der hochqualifizierten Bildungsausländer in Deutschland (und insbesondere die Frauen unter ihnen) keine Arbeit hat oder sucht, ist nicht alleine mit der Migrationssituation zu erklären, sondern - wie der Vergleich zu den Migranten mit deutschem Hochschulabschluss deutlich macht - mit dem Ort, an dem sie ihre akademischen Bildungstitel erworben haben, sowie mit den rechtlichen Hürden, die sie häufig überwinden müssen. Zudem liegen die Bildungsausländer nicht nur bei den unbefristeten Vollzeitstellen deutlich hinter den einheimischen Bildungsinländern, sondern sie nehmen unter den Erwerbstätigen auch die schlechteren Positionen ein. So arbeiten 20,6 Prozent der Migranten mit ausländischen Hochschulabschlüssen in "einfachen Berufen", während dies bei den einheimischen Bildungsinländern nur 3,09 Prozent sind. Und während ein deutscher Hochschulabsolvent 49,2 Prozent Einkommensvorsprung gegenüber einem beruflich Qualifizierten erzielt, fällt der Vorsprung bei Personen mit ausländischen Hochschulabschlüssen auf 30,2 Prozent.[2]

Hinter diesen Zahlen verbergen sich komplexe Lebensgeschichten, in denen das Zusammenspiel einer Vielzahl von Faktoren die Arbeitsmarktinklusion strukturiert. Wir stellen nun sieben von uns in den Biographien identifizierte typische Konstellationen vor, innerhalb derer Bildungsausländer ihr Wissen und Können in den deutschen Arbeitsmarkt einbringen.[3] Wir beginnen mit vier Konstellationen, bei denen die Chancen, die berufsspezifische Arbeitsmärkte bieten, von den rechtlichen Rahmenbedingungen überformt, aber nicht völlig abgeschnitten werden. Im darauffolgenden Abschnitt stellen wir drei Konstellationen vor, bei denen rechtliche Exklusion zu einer weitgehenden Entwertung der Bildungstitel führt.

Lokale Bindung transnationaler Karrieren durch Familiengründung

Die öffentliche Diskussion über die Anwerbung hochqualifizierter Zuwanderer kreist um Personen, die - etwa aufgrund zuvor erworbener, international renommierter Studienabschlüsse - ihr Wissen und Können sofort und in voller Breite auf dem deutschen Arbeitsmarkt verwerten können. Diese Menschen, deren naturwissenschaftliche oder ökonomisch geprägte Studienabschlüsse und Karrieren von vornherein transnational angelegt sind,[4] haben zum Teil auch schon in anderen Ländern gearbeitet. Doch bleiben sie in Deutschland, weil sie hier Familien gegründet haben. Selbst wenn ihr Visum zunächst an die Aufnahme einer bestimmten Arbeitstätigkeit gebunden ist,[5] erhalten sie dann als Ehegatten von Deutschen einen stabilen Aufenthaltstitel und gleichberechtigten Arbeitsmarktzugang. So werden auch noch so transnational ausgeprägte Karrieren lokal gebunden.

Zwischen biographischen Orientierungen und herkunftslandbezogener Verwertung von Wissen

Nicht alle Berufe sind so transnational organisiert, wie das in den Naturwissenschaften und manchen Bereichen der Wirtschaft der Fall ist. Im Consulting- und Managementbereich gibt es Personen, die (zunächst) deshalb eine Beschäftigung finden, weil sie wertvolles Spezialwissen über ihr Herkunftsland mitbringen. So zum Beispiel eine Ökonomin aus Tschechien, die deutsche Firmen bei ihren dortigen Investitionen berät, oder eine Juristin aus Brasilien, die als Consultant für lateinamerikanisches Steuerrecht arbeitet: Mit ihrem Spezialwissen gelingt es diesen Frauen, aufgrund von Ausnahmeregelungen im Ausländerrecht einen eigenständigen Aufenthaltstitel und Arbeitsmarktzugang in Deutschland zu erhalten, ohne ihre deutschen Partner zu heiraten, deretwegen etliche von ihnen gekommen sind. Auf diese Weise halten sie eine prekäre Balance zwischen dem Wunsch, ihrem Partner nach Deutschland zu folgen, und ihrer biographischen Orientierung, unabhängig einer qualifizierten Arbeit nachzugehen. Eine Heirat böte zwar rechtlich einen privilegierten Status. Viele Hochqualifizierte lehnen eine Verquickung von Privatleben und Ausländerrecht aber gerade deshalb ab und streben eine rechtliche Anerkennung ihrer eigenen Person an.

Wohlfahrtsstaatliche Inklusion und Neuerwerb nichtakademischen Wissens

Charakteristisch für diese Konstellation ist es, dass die Betroffenen einen stabilen Aufenthaltstitel oder die deutsche Staatsangehörigkeit unabhängig davon erhalten haben, ob und wie sie ihre akademischen Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt einbringen konnten. Als (Spät-) Aussiedler oder Einwanderer, die im Rahmen gering qualifizierter Beschäftigungen (z.B. Taxifahren) einen Anspruch auf Arbeitslosengeld erworben haben, sind sie auch wohlfahrtsstaatlich gut integriert. Doch werden diese hochqualifizierten Bildungsausländer dann von der Arbeitsagentur in Umschulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen vermittelt, in denen sie Qualifikationen unterhalb des akademischen Niveaus erhalten. So wird aus einem russischen Kraftfahrzeugingenieur ein Automechaniker, aus einem in der Tschechoslowakei promovierten Physiker ein IT-Systembetreuer und aus einer russlanddeutschen Lehrerin eine Steuerberatergehilfin. Diese Abwertung akademischer Qualifikationen lässt sich wohl nur vor dem Hintergrund der Eigenarten staatlicher Arbeitsmarktförderung[6] sowie der Tatsache verstehen, dass der Wunsch der Betroffenen, in Deutschland zu bleiben, auch dann weiterbesteht, wenn es ihnen nicht gelingt, sich auf dem akademischen Arbeitsmarkt zu etablieren.

Professionsrechtliche Prozessierung von Ärzten

In Berufsfeldern, die durch das Professionsrecht geregelt werden, wie (Zahn-)Medizin, Jura, Architektur und Psychologie, unterliegen Ausländer zusätzlichen rechtlichen Hürden. Denn in diesen Berufen dürfen sich nur Deutsche und EU-Bürger niederlassen. Alle anderen können unter bestimmten Bedingungen eine Berufserlaubnis für abhängige Beschäftigungsverhältnisse beantragen. Im Idealfall können Ärzte wie Dr. Nazar so lange auf der Basis der Berufserlaubnis arbeiten, bis die Wartezeit für eine Einbürgerung abgelaufen ist. Nach der Einbürgerung können sie dann eine Vollapprobation erhalten und sich niederlassen.[7] Wie der Fall von Frau Damerc zeigt, kann aber leicht etwas schief gehen. Dass Frau Damerc nur über eine Aufenthaltsbefugnis und damit über einen nachrangigen Arbeitsmarktzugang verfügt, hat ihr schon den Zugang zur Berufserlaubnis erschwert und könnte nun ihre Facharztausbildung scheitern lassen. Da sie nicht mit einem Deutschen verheiratet ist, wird ihre Berufserlaubnis zudem nicht beliebig oft verlängert.

In den Professionen finden sich also Verläufe, für die berufsrechtliche Einschränkungen wenig problematisch sind. Es gibt aber auch Personen, die - auch nachdem sie einen deutschen Abschluss erworben haben und trotz bestehender Partnerschaft mit einem Deutschen - wegen der berufsrechtlichen Einschränkungen wieder auswandern. Ungeachtet der rechtlichen Einschränkungen fanden fast alle unserere Interviewpartner und -partnerinnen nur in solchen Praxen eine Anstellung, in denen vornehmlich Migranten behandelt werden. Hier werden ihnen besondere kulturelle und sprachliche Kompetenzen zugeschrieben, während ihnen in anderen Praxen "deutsche" bzw. "deutsch examinierte" Mediziner vorgezogen werden.

Fußnoten

2.
Zur letzten Angabe vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung, Bildung in Deutschland, Bielefeld 2008.
3.
Vgl. A.-M. Nohl et al. (Anm. 1).
4.
Zum transnational anerkannten kulturellen Kapital vgl. auch Anja Weiß, Raumrelationen als zentraler Aspekt weltweiter Ungleichheiten, in: Mittelweg 36, 11 (2002) 2, S. 76 - 91.
5.
In jüngster Zeit wurde das Ausländerrecht so reformiert, dass hochqualifizierte und hochverdienende Einwanderer in wenigen ausgewählten Berufen auch unabhängig von einer Ehe rechtlich fast gleichgestellt werden. Die individualisierte Zuwanderung in hochqualifizierte Beschäftigungsverhältnisse "à la Green Card" hat sich aber bisher - auch quantitativ - nicht so durchsetzen können, dass sie in unserer Studie häufiger aufgetreten wäre.
6.
Die Arbeitsagentur kann nur berufliche Qualifikationen fördern, nicht aber ein Studium. Zudem beginnt die Arbeitsagentur erst neuerdings, sich um die systematische Erfassung der ausländischen Bildungstitel ihrer Klienten zu bemühen.
7.
Seit 2002 ist die Erteilung einer Approbation allerdings an eine Gleichwertigkeitsprüfung gebunden.