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16.10.2009 | Von:
Arnd-Michael Nohl
Anja Weiß

Jenseits der Greencard: Ungesteuerte Migration Hochqualifizierter

Rechtliche Barrieren und Entwertung ausländischer Qualifikationen

Bei den typischen Konstellationen, die wir bisher dargestellt haben, wirken sich rechtliche Nachteile als zusätzliche Erschwernis aus. Wenn alles gut läuft, sind die Hürden überwindbar. Wenn nicht, gibt es Nachteile unterschiedlicher Schwere: Aus dem Ingenieur wird ein Automechaniker; die Oberärztin aus der Gynäkologie nimmt eine Ausbildung zur Fachärztin für Allgemeinmedizin auf. Indes: Manche Bildungsausländer haben von vorneherein (kaum) eine Chance auf qualifizierte Beschäftigung, weil ihr Zugang zum Arbeitsmarkt stark eingeschränkt ist. Über ihre Anzahl liegen nur Schätzungen vor, die auf eine Größenordnung von 150 000 bis 200 000 Personen hindeuten.[8]

Ausländische Studierende

Die Motivation vieler Hochqualifizierter, die aus dem Ausland nach Deutschland kommen, ist der Wunsch nach weiterer Qualifikation. Sie wollen promovieren oder etwas studieren, das in ihrem Herkunftsland inhaltlich oder qualitativ so nicht geboten wird. Manche kommen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern, und stellen dann fest, dass der beste Rechtsstatus für sie der eines Studierenden ist.

Studierende aus Staaten außerhalb der EU dürfen nur 90 Tage im Jahr hinzuverdienen, so dass auch Studierende, die bereits über einen ausländischen Hochschulabschluss verfügen, nicht in ihrem Beruf arbeiten, sondern "typische Studentenjobs" annehmen. Hier findet sich ein breites Spektrum, das von Beschäftigungsverhältnissen als studentische Hilfskraft bis hin zu informeller Arbeit als Umzugshelfer, Köchin oder im Haushalt lebender Altenpflegerin reicht. Denn die ausländischen Studierenden müssen zwar nachweisen, dass sie von zu Hause her finanziert sind. Tatsächlich können aber nur 11 Prozent der ausländischen Studierenden vollständig von der Unterstützung der Eltern und 9 Prozent vollständig von einem Stipendium leben. Hingegen verdienen 62 Prozent selbst dazu, und jede bzw. jeder Fünfte lebt ausschließlich vom eigenen Verdienst und verdient durchschnittlich 602 Euro im Monat.[9] Einige unserer Befragten sahen sich angesichts der rechtlichen Restriktionen genötigt, (auch) in die informelle Ökonomie auszuweichen. Dort sind die Arbeitsbedingungen noch schlechter, so dass die rechtlichen Nachteile sich in Nachteile am Arbeitsmarkt übersetzen, die das Studium beeinträchtigen und so eine Abwärtsspirale in Gang setzen können.

Undokumentierte Migration

Wer als Touristin bzw. Tourist nach Deutschland kommt, hat kein Recht, hier zu arbeiten. Wer seinen Aufenthaltsstatus verliert, hat es ebenfalls nicht. Ein Fallbeispiel aus den späten 1980er bzw. frühen 1990er Jahren: Frau Fernando aus Peru hat ein Stipendium erhalten, um in der Tschechoslowakei Medizin zu studieren. Zeitgleich mit ihrem Studienabschluss fällt die Berliner Mauer, und sie soll sich das Geld für den Rückflug nach Südamerika selbst verdienen. Als ausländische Studentin kann sie legal nach Deutschland einreisen und findet - dort nun "illegal" geworden - eine Beschäftigung bei einem Pflegedienst. Sie wird sehr schlecht bezahlt und stellt fest, dass vielen Kolleginnen und Kollegen medizinische Grundkenntnisse fehlen. Sie bietet der Leitung an, das Personal weiterzuqualifizieren, aber diese ist an einer Professionalisierung nicht interessiert.

Hochqualifizierte können ihre Ausbildung in diesem Sektor nur sehr eingeschränkt verwerten und werden am informellen Arbeitsmarkt primär als "starke Männer" oder "betreuende Frauen" attraktiv. Nur wenige können sich in der informellen Arbeit konsolidieren. So lehnt zum Beispiel eine polnische Biologin nach einigen Jahren der Haushaltsarbeit Kundinnen ab, von denen sie missachtet wird, und nutzt die EU-Osterweiterung, um ihren Status als Selbstständige zu legalisieren. Undokumentierte Migranten, die wie Frau Fernando aus Staaten außerhalb der EU kommen, haben diese Option nicht. Wenn sie nicht heiraten oder zurückwandern, müssen sie mit einer rechtlosen De-facto-Selbstständigkeit im unqualifizierten Dienstleistungssektor leben.

Abwertung ausländischer Qualifikationen durch Wartezeit

Die letzte Gruppe von Lebensverläufen, die im Wesentlichen für Asylbewerber während ihres Verfahrens bzw. Geduldete nach einer Ablehnung typisch ist, zeichnet sich dadurch aus, dass die biographische Perspektive dieser Menschen dauerhaft unklar bleibt. Die Betroffenen hoffen, (doch noch) anerkannt zu werden oder unter einen Abschiebeschutz bzw. eine Härtefallregelung zu fallen. Deshalb schrecken sie vor informeller Arbeit zurück. Von legaler Arbeit sind sie de facto ausgeschlossen. Nach einem Jahr Wartezeit dürften sie Stellen annehmen, für die sich keine Bevorrechtigten finden. Sie werden aber wahllos irgendwelchen Wohnorten zugewiesen und stellen oft fest, dass sich unter diesen Bedingungen keine Arbeit finden lässt. Die Zeit verstreicht, und der Übergangs- wird zum Dauerstatus.

Die Ökonomin Frau Orsolic lässt eine Leitungsposition zurück, als sie vor dem Bürgerkrieg in Bosnien flieht. Nach acht Jahren in einem Hamburger Flüchtlingsheim, in dem sie der Heimleitung durch Dolmetschen behilflich war, ist sie im Besitz einer unbeschränkten Arbeitserlaubnis und versucht, wieder in ihrem alten Beruf Arbeit zu finden. Doch die Arbeitsagentur weigert sich, sie überhaupt als Ökonomin zu führen, geschweige denn ihr eine Fortbildung zu ermöglichen. So ist Frau Orsolic schließlich gezwungen, eine Kurzausbildung zur Gemeindedolmetscherin zu absolvieren, mit der sie dann gelegentlich Übersetzungsaufträge in Krankenhäusern und Sozialstationen erhält.

Uns ist keine Person bekannt geworden, die nach derart langen Wartezeiten noch in eine hochqualifizierte Beschäftigung fand. Im Gegenteil: Es ist dann schon ein Erfolg, wenn überhaupt noch ein Beschäftigungsverhältnis entsteht. Eine afghanische Pädagogin fängt zum Beispiel begeistert ein Studium an, als sie nach sechs Jahren einen Abschiebeschutz erhält. Doch dann erleidet sie einen Zusammenbruch. Heute leitet sie mehrere selbst gegründete Hilfsorganisationen und hat diverse Weiterbildungen als Beraterin absolviert, findet für ihr Engagement aber immer noch keine Bezahlung. Traumatisierungen vor der Flucht und während der Wartezeit in Deutschland haben sie gesundheitlich, psychisch und sozial beeinträchtigt, und die Lücke im Lebenslauf, ihr fortgeschrittenes Alter und die Sorge um ihre Kinder tun ein Übriges, um ihre Chancen auf ein Beschäftigungsverhältnis zu reduzieren.

Fußnoten

8.
Genauere Ausführungen zu den empirischen Grundlagen dieser Schätzung finden sich im Beitrag von Anja Weiß in: A.-M. Nohl et al. (Anm. 1).
9.
Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.), Internationalisierung des Studiums. Ergebnisse der 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, Bonn-Berlin 2008, S. 31.