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16.10.2009 | Von:
Bettina Englmann

Standards der beruflichen Anerkennung

II. Chancengleichheit

Die einseitige Privilegierung von Spätaussiedlern (im nicht-reglementierten Bereich) oder EU-Bürgern (in reglementierten Berufen) macht die berufliche Anerkennung in Deutschland zu einem ungerechten System. In der Mehrzahl der Berufe hängt es nicht von der Qualifikation, sondern vielmehr von Status und Wohnort ab, ob ein Antrag auf Anerkennung gestellt werden kann und ob Verfahrensunterschiede bestehen. Ein Standard im Verfahren ist daher die Sicherstellung von Chancengleichheit.

Ein Modell guter Praxis findet sich im Thüringer Sozialberufe-Anerkennungsgesetz, das die unterschiedlichen Anerkennungsmodalitäten für verschiedene Migrantengruppen aufgibt, indem die Vorgaben der entsprechenden EU-Anerkennungsrichtlinie nicht nur für EU-Bürger umgesetzt werden. In der Begründung des Gesetzentwurfes heißt es: "Die Richtlinie 2005/36/EG stellt (...) ausdrücklich klar, dass die Mitgliedstaaten nicht daran gehindert sind, gemäß ihren Rechtsvorschriften Berufsqualifikationen anzuerkennen, die außerhalb des Gebiets der Europäischen Union von einem Staatsangehörigen eines Drittstaats erworben worden sind. Von dieser Möglichkeit macht § 11 Gebrauch und erklärt die Regelungen für die staatliche Anerkennung für Berufsqualifikationen Angehöriger sonstiger Drittstaaten für entsprechend anwendbar. Dadurch werden unterschiedliche inhaltliche und verfahrensmäßige Prüfpflichten der Anerkennungsbehörde, einschließlich der am Anerkennungsverfahren beteiligten Stellen, vermieden (...)."[9] Hier wird deutlich, dass staatliche Stellen ein Eigeninteresse an einheitlichen Anerkennungsverfahren haben, da diese die Verwaltung entlasten. Damit wird auch die Pflicht des Staates, für effektive und diskriminierungsfreie Bildungsverläufe zu sorgen, positiv umgesetzt.

Integration wird ermöglicht, wenn Migrantinnen und Migranten ihre berufliche Laufbahn konstruktiv gestalten und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Individuelle Unterstützungsangebote bilden die Voraussetzung für eine umfassende Ausschöpfung dieser Qualifikationsreserven. Anerkennungsverfahren können Instrumente der Förderung und der Beratung sein; als Integrationshindernis erweisen sie sich, wenn sie einseitig als Mittel der Kontrolle und Sanktionierung angesehen oder angewendet werden. Durch die Allensbach-Befragung von Zuwanderinnen und Zuwanderern im Frühjahr 2009 wurde deutlich, dass die "Messung der gefühlten Integration" und damit die individuell empfundene soziale Anerkennung und Akzeptanz von Seiten der Gesellschaft verbesserungsfähig ist. Gefragt wurde unter anderem "nach der Art der persönlich erlebten Diskriminierung" am Arbeitsmarkt. Eine Antwort darauf war: "Gleichwertige Bildungsabschlüsse, die nicht in Deutschland erworben wurden, werden nicht anerkannt."[10]

Fußnoten

9.
Thüringer Landtag, Gesetzentwurf der Landesregierung, Thüringer Gesetz über die staatliche Anerkennung sozialpädagogischer Berufe, Drs. 4/3162, 4. 7. 2007, S. 17.
10.
Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Zuwanderer in Deutschland. Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von Menschen mit Migrationshintergrund. Durchgeführt durch das Institut für Demoskopie Allensbach, Gütersloh 2009, S. 46 und S. 70f.