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8.10.2009 | Von:
Gottfried Honnefelder
Claudia Paul

Medienwechsel - Verlegen in digitalen Zeiten - Essay

Digitales Format als Chance und Problem

Das elektronische Publizieren hat das Spektrum verlegerischen Handelns in kürzester Zeit um nicht gekannte Dimensionen erweitert. Was ein Verlag eigentlich tut, wird durch den digital turn und durch die Entwicklung des E-Books in den Publikumsbereich hinein deutlicher noch als vor einigen Jahren. Denn das Buch im digitalen Format wird zur Chance und zum Problem, es erweitert seine bislang begrenzte Zugänglichkeit als Körper ins Weltweite, nahezu Unbegrenzte. Es wird unbegrenzt öffentlich, droht aber zugleich gerade die Öffentlichkeit zu zerstören, die aus der Verbindung von allgemeiner Zugänglichkeit und selektiver Vermittlung erst entsteht.

Das sehen Apologeten des Netzes anders. Im Internet-Manifest, das sich mit "Journalismus heute" auseinandersetzt und nach dem Wikipedia-Prinzip bearbeitet wird, formulieren sie die These "Mehr ist mehr - es gibt kein Zuviel an Information".[2] In der Begründung stellen sie die individuelle, weite Informiertheit durch das Netz der eingeschränkten Informationen durch die Institutionen der Macht gegenüber: "Es waren einst Institutionen wie die Kirche, die der Macht den Vorrang vor individueller Informiertheit gaben und bei der Erfindung des Buchdrucks vor einer Flut unüberprüfter Information warnten. Auf der anderen Seite standen Pamphletisten, Enzyklopädisten und Journalisten, die bewiesen, dass mehr Informationen zu mehr Freiheit führen - sowohl für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft. Daran hat sich bis heute nichts geändert." Informationsfreiheit versus Informationskontrolle. Doch führt ungesteuerte Informationsflut wirklich zu Freiheit und Öffentlichkeit? Und bedeutet Selektion, die je nach Institution sehr unterschiedlich aussehen kann, Unfreiheit und Informationsverlust?

Je mehr das Netz jeden mit jedem verbindet, desto mehr digitales Gemeingut gibt es, zugleich aber droht die Öffentlichkeit verloren zu gehen. Wenn sich jeder sein Fernsehprogramm zusammenstellen kann, sieht zwar jeder, was er mag, und holt sich seine Information, wo er mag, doch jeder sieht und erfährt etwas anderes. Demokratie aber braucht die Ausbildung öffentlicher Meinung, Kultur das öffentlich geführte Gespräch. Ein Gemeinwesen ist deshalb bislang nicht ohne Zeitung möglich und Kultur nicht ohne gedruckte Literatur und öffentliches Theater.

Was dem digitalen Format erst in Ansätzen zur Verfügung steht, ist die Selektion, die vom Druck- und Verlagswesen durch Jahrhunderte hindurch übernommen wurde. Auch im Netz bedarf es deshalb künftig Verlage und Bibliotheken, um diese Auswahl-, Sicherungs- und Vermittlungsleistung hin zur Öffentlichkeit zu gewährleisten. Denn ohne literarischen Kanon bildet sich kein Geschmack. Wird alles in gleicher Form festgehalten, wird es letztlich gleichgültig und lässt den Inhalt beliebig werden.

Fußnoten

2.
Vgl. www.internet-manifest.de (Stand: 8.9. 2009).