APUZ Dossier Bild

8.10.2009 | Von:
Michael Roesler-Graichen

Copyright und Rechtemanagement im Netz

Urheberrecht im digitalen Zeitalter

Es gibt ganz unterschiedliche Ansätze in Rechtswissenschaft und Politik, das Urheberrecht und die Frage der angemessenen Vergütung im digitalen Zeitalter weiterzudenken - gerade vor dem Hintergrund der schwer kontrollierbaren und häufig rechtswidrigen Vervielfältigung von Inhalten im Netz. Eine pauschale Lösung, die vor allem von der SPD und den Grünen diskutiert wird, ist die Kultur-Flatrate. Sie sieht nach dem Vorbild anderer Verwertungsgesellschaften (VG Wort, VG Bild Kunst) die pauschale Vergütung kreativer Leistungen durch eine spezielle Verwertungsgesellschaft für das Internet vor. Ein Autor, dessen Werk in digitaler Form online angeboten wird, bekäme dann eine Pauschale statt eines Honorars ausgezahlt. Die Bundestagsfraktion der Grünen hat dieses Modell durch ein Gutachten untermauern lassen, das unter Federführung des Kasseler Medien- und Informationsrechtlers Alexander Roßnagel erstellt wurde.[18] Roßnagel und seine Koautoren prüfen darin die Idee einer Kulturflatrate auf ihre verfassungsrechtliche und europarechtliche Zulässigkeit und kommen zu einem positiven Ergebnis. Ob eine Kulturflatrate wünschenswert und durchsetzbar ist, muss offen bleiben. Jedenfalls müsste zu ihrer Umsetzung nicht nur die Info-Doc-Richtlinie der EU, sondern auch das deutsche Urheberrecht geändert werden.

Mit "Regelungsalternativen" für das deutsche Urheberrecht setzt sich der Hamburger Jurist Till Kreutzer, zugleich Mitbegründer von iRights.info, des Portals für Verbraucher und Kreative in der digitalen Welt, in seiner Dissertation auseinander.[19] Kreutzer plädiert für ein "entidealisierendes", funktionsorientiertes Verständnis eines modernen Urheberrechts, in dem an die Stelle eines engen geistigen Bandes zwischen Werk und Schöpfer der Dualismus von funktionalem Werkschutz und persönlichkeitsbezogenem Urheberschutz gesetzt würde. An Werke, die keine besondere Beziehung zu ihrem Schöpfer aufweisen, könnten dann andere Maßstäbe angelegt werden als etwa an die Autobiografie eines Politikers.

Welche Änderungen im Urheberrecht nicht nur denkbar, sondern auch praktikabel sind, kann nicht eine politische Partei entscheiden. Alle von der Digitalisierung betroffenen Produzenten, Multiplikatoren und Nutzer müssen zusammenwirken, um das Urheberrecht so weiterzuentwickeln, dass die kreative Leistung geschützt wird und das Interesse von Verbrauchern und Forschern an einer möglichst breiten Zugänglichmachung von (digitalen) Büchern befriedigt werden kann.

Dazu können auch Verlage beitragen, indem sie tragfähige Geschäftsmodelle entwickeln. Wegweisend scheint etwa das vom Berliner Start-Up-Unternehmen Paper C entwickelte Fachinformationsportal zu sein: Dort stehen Lehrbücher (zum Beispiel aus den Verlagen Carl Hanser, de Gruyter oder Markt+Technik) registrierten Benutzerinnen und Benutzern kostenlos im Volltext zur Verfügung.[20] Wer die Inhalte bearbeiten oder kopieren will, muss für diese Dienste bezahlen. Es spricht einiges dafür, dass dieses Modell Früchte trägt, denn es kommt dem Bedürfnis nach freier Information ebenso entgegen, wie es für ein Reinvestment der Produktionskosten sorgt, die ein Lehrbuch verursacht. Und es zeigt, dass die Anpassung an eine veränderte Nutzungsumgebung vor allem mit Intelligenz und Innovationsbereitschaft gelingen kann.

Fußnoten

18.
Vgl. www.gruene-bundestag.de/cms/netzpolitik/ dokbin/278/278059@de.pdf (6.9. 2009). Vgl. auch Alexander Roßnagel, Datenschutz im 21. Jahrhundert, in: APuZ, (2006) 5 - 6, S. 9 - 15.
19.
Vgl. Till Kreutzer, Das Modell des deutschen Urheberrechts und Regelungsalternativen. Konzeptionelle Überlegungen zu Werkbegriff, Zuordnung, Umfang und Dauer des Urheberrechts als Reaktion auf den urheberrechtlichen Funktionswandel, Baden-Baden 2008.
20.
http://paperc.de.