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8.10.2009 | Von:
Albrecht Hausmann

Zukunft der Gutenberg-Galaxis

Die "B42": Konfektionsware, die wie ein Maßanzug aussieht

Ziel des Unternehmens war offenbar ein Produkt, das nicht etwa anders als die bekannten, von Hand gefertigten Codices sein sollte, sondern diesen in Qualität und Ästhetik ebenbürtig. Eine mittelalterliche Handschrift erscheint uns heute vor allem als veraltetes Produkt mühsamer Kleinarbeit. Tatsächlich aber ist das Verhältnis zwischen Handschrift und gedrucktem Buch am ehesten mit jenem zwischen Maßanzug und Konfektionsware zu vergleichen: Der Maßanzug ist teuer, aber er passt besser und ist meist von höherer Qualität als der Anzug von der Stange. So hatte auch das von Hand geschriebene Buch keineswegs nur Nachteile, sondern auch erhebliche Vorteile, für die freilich "bezahlt" werden musste. Vor allem war es bei einem Manuskript möglich, Text und Ausstattung an die Bedürfnisse und Wünsche jedes einzelnen Nutzers oder Auftraggebers anzupassen. Diese Möglichkeit hat dazu geführt, dass mittelalterliche Texte häufig in einer Fülle von Varianten und Fassungen überliefert sind. Generationen von Philologinnen und Philologen, die auf der Suche nach dem "einen" Text eines bestimmten Autors waren, sind an dieser Varianz mittelalterlicher Überlieferung schier verzweifelt.

An sich ist die Möglichkeit der Adaptation kein Nachteil, sondern, im Gegenteil, ein Vorteil: So kann ein Schreiber den ihm vorliegenden Text im Reproduktionsprozess beispielsweise an die eigene Mundart anpassen. Der Text wird so für die künftigen Rezipienten, die den gleichen Dialekt sprechen, besser verständlich - in einer Zeit, als es noch keine deutsche "Normalsprache" gab, ein großer Vorteil. Bei alltäglicher Wissens- und Anleitungsliteratur konnte der Schreiber auswählen, was er von dem Textmaterial seiner Vorlage eigentlich benötigte; er musste nicht alles abschreiben, sondern nur das, was er brauchte. Das sparte Zeit und Pergament und ermöglichte einen an den künftigen Gebrauch angepassten Textzustand. Auch die Ausstattung mit Illustrationen und Verzierungen konnte in einer Manuskriptkultur auf die Bedürfnisse des Nutzers zugeschnitten werden. Gutenberg hat bei seinem ersten gedruckten Buch, der etwa 1454/55 fertig gestellten 42-zeiligen lateinischen Bibel ("B42"), dieses Bedürfnis berücksichtigt, indem in den gedruckten Exemplaren genügend Platz für gemalte Initialen und Verzierungen gelassen wurde; heute gleicht deshalb kaum eines der erhaltenen Exemplare der B42 dem anderen. Gutenberg hat erheblichen Aufwand betrieben, um das Schriftbild der B42 so weit wie möglich dem einer Handschrift anzupassen. Mit Hilfe von zusätzlichen Ligaturen (Buchstabenverbindungen) und besonderen Typen gelang es ihm, den Duktus eines von Hand geschriebenen Buches weitgehend zu imitieren: Konfektionsware, die wie ein Maßanzug aussieht (s. Abbildung auf S. 35 der PDF-Version).

Der Eindruck absoluter typographischer Perfektion, den das erste in Europa gedruckte Buch bei vielen Betrachtern noch heute erweckt, beruht also nicht so sehr darauf, dass Gutenbergs Erfindung schon so weit fortgeschritten war, sondern darauf, dass sich Gutenberg an der hoch entwickelten Manuskriptkultur des 15. Jahrhunderts orientierte. Noch Jahrzehnte nach der Erfindung des Buchdrucks, bis ins 16. Jahrhundert hinein, wurden Bücher - auch gedruckte - von Hand abgeschrieben. Eine ganze Weile lang existierten Buchdruck und manuelle Reproduktion nebeneinander. Nach und nach freilich wurde alles, was "nur" von Hand geschrieben war, in den Bereich des Persönlichen und Privaten (Briefe, Exzerpte, Notizen) oder allenfalls Geschäftsmäßigen (Buchhaltung) abgedrängt. Wer in der Gutenberg-Galaxis als Schriftsteller im weitesten Sinn wahrgenommen werden wollte, musste seine Werke gedruckt veröffentlichen.