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8.10.2009 | Von:
Albrecht Hausmann

Zukunft der Gutenberg-Galaxis

Ein neues ökonomisches Prinzip

Der Buchdruck breitete sich trotz der anfänglichen Koexistenz von Druck und Handschrift rasch aus. Im Todesjahr Gutenbergs, 1468, arbeiteten Druckereien in Bamberg (seit 1459/60), Straßburg (ebenfalls 1459/60), Köln (1464/66), Basel (1467), Rom (1467) und Augsburg (1468). Bis 1470 kamen Venedig, Neapel, Nürnberg und Paris hinzu. Viele dieser frühen Werkstätten wurden von Druckern betrieben, die noch in einem engen personellen Verhältnis zu Gutenberg oder zu der von Johannes Fust und Peter Schöffer betriebenen Mainzer Offizin standen. Nach 1470 lassen sich solche Verbindungen nicht mehr so deutlich nachweisen, der Buchdruck ist zu einer über einen engen Kreis hinaus verfügbaren Kulturtechnik geworden.

Allerdings vollzog sich dieser Prozess nicht ohne Brüche, und gerade darin wird erkennbar, dass Gutenbergs Erfindung vor allem eines war: eine ökonomische Innovation, die mit ihrer Wirtschaftlichkeit steht und fällt. Mit dem Buchdruck ist nicht nur eine neue Technik, sondern vor allem ein neues ökonomisches Prinzip in die Welt gekommen - das der seriellen Massenproduktion. Es ging nun darum, den Aufwand, der für die Reproduktionstechnik und die Herstellung der Druckvorlage betrieben werden muss, so auf die identischen Kopien ein und derselben Vorlage zu verteilen, dass sich einerseits die Investitionen rentieren, andererseits aber auch die einzelnen Produkte so erschwinglich werden, dass es einen Markt für sie gibt. Das uns heute selbstverständlich erscheinende Prinzip der mechanisierten seriellen Reproduktion kommt mit dem Buchdruck zum ersten Mal durchschlagend zur Geltung: Je mehr Reprodukte aus ein und derselben Vorlage hergestellt werden können, desto günstiger können diese verkauft werden und desto höher wird der Absatz sein, so dass sich das Investment umso mehr lohnt. Entscheidend ist ein optimales Verhältnis zwischen der Investition in den weitgehend mechanisierten Reproduktionsprozess einerseits und dem Erlös aus dem Verkauf möglichst vieler identischer Reprodukte andererseits. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer komplizierten prospektiven Kalkulation.

Es dauerte eine Weile, bis sich die Balance zwischen Kapitaleinsatz und Erlös einspielte. Die schon vor Gutenbergs Erfindung bekannte Technik des Blockbuchs, bei dem jeweils die Druckvorlage für eine ganze Seite von Hand als Holzschnitt ausgeführt wurde - inklusive der Buchstaben der enthaltenen Texte -, konnte eine solche wirtschaftliche Balance nicht gewährleisten: Der Aufwand war zu hoch, obwohl auch hier schon seriell reproduziert wurde. Erst Gutenbergs Idee der Modularisierung des Textes in einzelne Lettern, die im Prinzip den Zeichen der lateinischen Lautschrift entsprachen, brachte den entscheidenden Vorteil gegenüber der manuellen Reproduktion - ein Grund übrigens, warum die Drucktechnik in Kulturen ohne Lautschrift viel länger brauchte, um sich durchzusetzen: In China etwa spielt die Kunst des schönen Schreibens, die Kalligraphie, bis heute auch deshalb eine so große Rolle, weil die vielen tausend Schriftzeichen der chinesischen Bilderschrift eben nicht so leicht auf eine überschaubare Anzahl von Typen heruntergebrochen werden können. Chinesische Schriftzeichen sind für den Druck mit beweglichen Metalllettern sehr viel weniger geeignet als die Zeichen einer Lautschrift, denn es gibt hier nicht nur für jeden Laut ein Zeichen, sondern potentiell für alles, was sich bezeichnen lässt, ein eigenes "Bild". Tatsächlich hatte man im damals stark chinesisch beeinflussten Korea schon früh mit beweglichen Metalllettern gedruckt; das älteste erhaltene Beispiel mit chinesischen Schriftzeichen stammt aus dem Jahr 1377.[3] Aber der entscheidende ökonomische Vorteil stellte sich hier nicht ein, weil die Zahl der erforderlichen Drucktypen enorm hoch war. Auch in Europa war in der Frühphase des Druckens mit beweglichen Lettern der wirtschaftliche Erfolg nicht garantiert. Gutenberg scheint mit seiner Erfindung nie reich geworden zu sein: Seine Investitionen waren offenbar zu hoch gewesen, dazu kamen rechtliche Auseinandersetzungen mit seinen Geldgebern. Auch später gab es berühmte Flops: Hartmann Schedels großartige Weltchronik mit Hunderten von Holzschnitten[4] war extrem teuer in der Herstellung und verkaufte sich schlecht - sie spielte das Investment nicht herein.

Schleichend veränderte die neue Reproduktionsökonomie die Ansprüche an die Texte. In einer Kultur des gedruckten Buches wird nicht der Text von einem Schreiber an eine Gebrauchssituation angepasst, vielmehr soll der Text von vornherein Eigenschaften aufweisen, die ihn an möglichst viele Situationen adaptierbar machen, ohne dass man ihn verändern muss; er sollte bis zu einem gewissen Grad aus sich selbst heraus "verwendungsoffen" sein, um eine möglichst große Zielgruppe anzusprechen. Besonders gut ist dies in einigen Bereichen der lehrhaften und unterweisenden Literatur erkennbar. Während ein Schreiber hier eher kurze Texte bevorzugen und zusätzliche Kürzungen vornehmen wird, tendieren Drucker dazu, Texte aufzublähen und um Beispielmaterial zu ergänzen - schließlich wollen sie allen etwas bieten. Damit seriell hergestellte Massenprodukte für eine möglichst breite Klientel passen, müssen sie eine gewisse Redundanz aufweisen. In der modernen Industrieproduktion ist das nicht anders: Nicht jeder benötigt ein Auto mit vier Sitzplätzen, aber es ist (oder war jedenfalls lange) ökonomischer, für alle einen Viersitzer herzustellen als ein zusätzliches zweisitziges Modell für die wenigen, die nur zwei Sitze brauchen. Konfektionsware erfordert ökonomische Kompromisse und Redundanz - sie verbraucht Ressourcen, die bei manueller Einzelfertigung eingespart werden könnten. Die durch Mechanisierung ermöglichten Einsparungen beim Arbeitsaufwand bei gleichzeitig erhöhtem Absatz müssen immer gegen den unter Umständen erhöhten Materialaufwand aufgerechnet werden. Mitte des 15. Jahrhunderts begann diese Rechnung aufzugehen.

Fußnoten

3.
Vgl. Cheongju Early Printing Museum (ed.), Early Printing Culture of Korea, Cheongju City 2003, S. 18f.
4.
Am einfachsten zugänglich: Hartmann Schedel, Weltchronik. Nachdruck [der] kolorierten Gesamtausgabe von 1493. Einleitung und Kommentar von Stephan Füssel, Augsburg 2004.