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8.10.2009 | Von:
Albrecht Hausmann

Zukunft der Gutenberg-Galaxis

Ökonomie des Druckens: Investition und Rendite

Die Erfindung des Prinzips der seriellen Reproduktion blieb in Europa zunächst auf den Buchdruck beschränkt. Bis an die Schwelle zum 19. Jahrhundert wurden in Europa nur Informationen (einschließlich Fiktionen) seriell reproduziert und mit einer großen Zahl identischer Kopien auf den Markt gebracht. Nahezu alles andere war noch manuelle Einzelfertigung, auch wenn in den Manufakturen der Frühen Neuzeit bereits Formen frühindustrieller Rationalisierung sichtbar wurden. Die Übertragung des von Gutenberg für den Buchdruck "entdeckten" Prinzips auf andere Produktionsbereiche blieb dem 19. und 20. Jahrhundert vorbehalten. Erst die mit den technischen Innovationen des 19. Jahrhunderts einhergehende Industrialisierung und die Entwicklung mechanisierter und standardisierter Fertigungsprozesse etwa durch Henry Ford führten zu einer Ausweitung der Serienfertigung auf nahezu alle Bereiche des Lebens.

In historischer Perspektive erscheinen die Entwicklungen im Bereich der Reproduktionstechniken als geradezu epochal: Die Verfügbarkeit von mechanischen Verfahren der seriellen Massenfertigung für die Verbreitung von Informationen (Buchdruck, Druckgraphik) seit dem 15. Jahrhundert kann als wesentliches Epochenmerkmal der sogenannten Frühen Neuzeit gelten; die fortschreitende Ausdehnung solcher Verfahren auf die Erzeugung von Konsum- und Investitionsgütern im 19. Jahrhundert prägt die moderne Industriegesellschaft bis heute. Das Mittelalter dagegen war durch die nahezu vollständige Abwesenheit mechanischer Vervielfältigungstechniken gekennzeichnet; es war die Epoche der manuellen Reproduktionsverfahren.

Der Buchdruck war damit auch eines der ersten Wirtschaftssegmente, in dem eine im Wortsinn "kapitalistische" Form des Wirtschaftens herrschte. Wer auch immer seit dem späten 15. Jahrhundert etwas "veröffentlichen" wollte, musste es in gedruckter Form tun. Dazu aber brauchte er einen "Kapitalisten", der sein Kapital für den Druck des jeweiligen Werkes einsetzt - zunächst einen Drucker, später den Verleger, der nicht unbedingt selbst eine Druckerwerkstatt betreiben musste. Der Buchdruck machte das einzelne Schriftstück billiger, aber die Produktion der ganzen Auflage war aufwändiger als die Verbreitung von Hand, die sich auf viele einzelne Schreiber verteilte und weder besondere Gerätschaften noch eine Infrastruktur für den Vertrieb erforderte. Die Notwendigkeit, einen Text gedruckt publizieren zu müssen, stellt dagegen eine große wirtschaftliche Hürde dar, die der Autor eines Textes meist nur mit Hilfe eines Kapitalgebers überwinden kann. Umgekehrt lässt sich mit Geschriebenem jetzt auch Geld verdienen, denn der Autor kann nun aus dem Erlös, den der Drucker bzw. Verleger erzielt, bezahlt werden. Das ist eine völlig andere Art der Textproduktion als in der mittelalterlichen Kultur, in der die Herstellung eines Textes als Dienst verstanden wurde - als Dienst für einen bestimmten adligen Auftraggeber oder Mäzen, für einen Hof oder eine Ordensgemeinschaft, auch als Dienst an Gott. Solche Dienste zielten durchaus auch auf Lohn und wurden belohnt - etwa durch Aufnahme in eine Gemeinschaft, durch Versorgung und Unterhalt, auch durch Geld -, aber die Belohnung war nicht von der möglichst weiten Verbreitung oder "Publikation" eines Werkes abhängig.

Seit Gutenberg ist das Verhältnis zwischen Textproduzenten und Druckern oder Verlegern ein durchaus kompliziertes. Seine Erfindung hat auch dazu geführt, dass manches Werk ungedruckt und damit unbekannt in der Schublade geblieben ist. Es scheiterte an der Kalkulation des Verlegers, der darauf achten musste, dass er für das eingesetzte Kapital auch eine Rendite erhält. Dem adligen Mäzen des Mittelalters konnte das egal sein: Er hatte andere Interessen als ein Verleger oder Drucker, ihm ging es nicht um Rendite, sondern beispielsweise um Repräsentation, um das Ansehen, das mit der Förderung eines Dichters verbunden war.

Die Klage über den Verleger, der nicht drucken will, was man ihm stolz vorlegt, ist zum literarischen Topos geworden; andererseits gibt es herausragende Verlegerpersönlichkeiten, die den Spagat zwischen ökonomischen Erfordernissen und literarischem Anspruch immer wieder geschafft haben - Siegfried Unseld war mit seinem Suhrkamp Verlag ein herausragendes Beispiel dafür. Jedenfalls ist das gedruckte Buch - und ebenso übrigens Zeitschriften und Zeitungen - ein Medium, das wesentlich ökonomisch bestimmt ist. Als Kapital- und Vorschussgeber übten und üben Drucker und Verlage eine erhebliche Macht aus: Sie bestimmen, was zu welchem Preis gedruckt wird und damit als Information "für alle" verfügbar ist. Wissenschaftler, denen Verlage bisweilen hohe Zuschüsse für die Publikation ihrer Werke abverlangen, weil sie sich sonst auf dem Markt nicht rentieren, können davon ein Lied singen. Die Gutenberg-Galaxis beruht auf einem kapitalistischen Prinzip, das sich über Jahrhunderte eingespielt hat. Auch die Massenmedien Hörfunk und Fernsehen haben dieses Prinzip nicht grundsätzlich außer Kraft gesetzt: Der Betrieb eines Fernseh- oder Hörfunksenders erfordert bisher erheblichen finanziellen Aufwand, auch hier muss Kapital investiert werden, um Informationen zu verbreiten.