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8.10.2009 | Von:
Albrecht Hausmann

Zukunft der Gutenberg-Galaxis

Internet und die Krise des "Gutenberg-Prinzips"

Es ist nicht das gedruckte Buch, das mit der Erfindung des Internets in die Krise geraten ist, vielmehr bedroht das Internet das mit dem Verlagssystem verbundene ökonomische Prinzip, das auf der Finanzierung von Publikationen durch Kapitalgeber beruht. Während die Veröffentlichung eines gedruckten Werkes nicht selten an der Kalkulation des Verlages scheitert, kostet das Publizieren im Internet so gut wie nichts. Jedermann kann sich für ein paar Euro oder sogar umsonst Webspace und eine eigene Adresse (URL) sichern und dort veröffentlichen und verbreiten, was er will. Sehr viele Menschen mit künstlerischen, journalistischen oder literarischen Ambitionen machen von dieser Möglichkeit Gebrauch. Die Anzahl der Blogs und Webseiten ist in den vergangenen Jahren tatsächlich explosionsartig gewachsen. Von einem Ende der Schriftkultur kann also keine Rede sein, im Gegenteil: Es wird so viel geschrieben und gelesen wie noch nie zuvor.

Mit diesen Möglichkeiten aber geht ein Systemwechsel einher, und die Revolution, die damit verbunden ist, ist sehr viel mächtiger als etwa die von McLuhan beschriebene Ausweitung der elektronischen Medien Fernsehen und Hörfunk im 20. Jahrhundert: Der Aufwand für das Publizieren hat sich auf nahezu Null reduziert, aber umgekehrt lässt sich mit dem, was auf diese Weise veröffentlicht wird, auch kaum Geld verdienen, denn digital verfügbare Informationen lassen sich ohne Aufwand und von jedermann reproduzieren. Die Musikindustrie war von diesem Umbruch als erste betroffen, weil Musik auch bereits auf CDs digital verarbeitbar ist.[5] Noch wehrt sich die Musikindustrie gegen das Phänomen der massenhaften "Raubkopie", aber die Technik ist da und lässt sich auch mit einem "Digital Rights Management" kaum mehr eindämmen.

Es ist absehbar, dass eine ähnliche Entwicklung auch auf dem Printmarkt einsetzen wird. Gedruckte Zeitungen und Zeitschriften spüren die Konkurrenz des Internets ebenso deutlich wie Lexikonverlage. In den USA schließen reihenweise auch größere Zeitungen.[6] Dafür boomen Internetangebote wie die "Huffington Post",[7] bei der es sich tatsächlich um eine Art Sammlung politischer Blogbeiträge handelt. Im Buchmarkt, vor allem im Bereich der Literatur, setzt die Entwicklung langsamer ein, denn noch sind Bücher in digitaler Form unbequem zu lesen - wer setzt sich schon vor einen Bildschirm, um "Harry Potter" zu verschlingen? Aber schon sind E-Book-Lesegeräte in Sicht, die nicht nur cool aussehen, sondern auch komfortabler zu benutzen sind und auf denen sich eine ganze Bibliothek herumtragen lässt. Sie werden, wenn nicht alles täuscht, das gedruckte Buch imitieren und in Sachen Design und Haptik vielleicht sogar übertreffen. Schon sind Prototypen zu bewundern, die wie ein dünner Schreibblock aussehen;[8] bieg- und rollbare Displays sind nur eine Frage der Zeit. Im Bereich wissenschaftlicher Literatur wird immer häufiger die Frage gestellt, ob es wirklich sein muss, dass Forschungsergebnisse in teures Leinen gebunden und hoch subventioniert von renommierten Verlagen herausgebracht werden müssen, die dafür hohe Summen verlangen, ohne dass noch irgendeine redaktionelle Betreuung seitens dieser Verlage stattfindet.

Fußnoten

5.
Vgl. Volker Briegleb, Die verschlafene Revolution, in: c't, Nr. 25 vom 26.11. 2007, S. 82ff.
6.
Vgl. Isabell Hülsen, Hoffnung in Lachsrosa, in: Der Spiegel, Nr. 34 vom 17.8. 2009, S. 140ff.
7.
www.huffingtonpost.com.
8.
Vgl. E-Book-Lesegeräte mit größerem Display im Kommen, in: www.heise.de/mobil/E-Book-Lesege raete-mit-groesserem-Display-im-Kommen-/news ticker/meldung/137188 (27.8. 2009).