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8.10.2009 | Von:
Albrecht Hausmann

Zukunft der Gutenberg-Galaxis

Befreiung des Buches und Ökonomie der Aufmerksamkeit

Mit der rasanten Entwicklung des Internets geht das Gutenberg-Zeitalter allem Anschein nach seinem Ende entgegen. Die neue Art der Informationsverbreitung und Kommunikation, die auf der Vernetzung von Millionen von Computern beruht, wird von manchem bereits als "Turing-Galaxis" bezeichnet - nach einem der wichtigsten Wegbereiter der Computertechnologie, dem britischen Mathematiker Alan Turing (1912 - 1954).[9] Bei aller Euphorie muss aber klar sein, dass auch diese Galaxis eine ist und sein wird, in der ökonomische Gesetze herrschen. Es ist noch unklar, wie diese neue Informationsökonomie im Netz aussehen wird. Derzeit wird im Internet nur mit Werbung wirklich Geld verdient - aber lässt sich Qualitätsjournalismus allein über Werbung finanzieren? Kann man Autoren und Musikern allein mit den Werbeeinnahmen aus Onlineportalen ein Einkommen ermöglichen, das ihre Existenz sichert? Oder wird auf Dauer doch die Gratis-Kultur des Internets abgelöst werden durch Angebote, für die man auch bezahlen muss?

Deutlich erkennbar ist schon jetzt, dass die Filter- und Verteilungsfunktion der Verlage, die immer mit dem notwendigen Kapitaleinsatz verbunden und in dieser Verbindung nicht immer sachgerecht war, im Internet offenbar durch andere Instanzen übernommen wird - wenn auch noch nicht ganz klar ist, wie sich diese in Zukunft entwickeln werden. Das Internet ist ja kein Buchladen, dessen Angebot zunächst durch den Filter eines Verlages und dann durch den eines Buchhändlers gegangen ist. Alles ist gleich zugänglich und "da". Deshalb kommt inzwischen der Bewertung von Seiten durch Suchmaschinen wie Google - dem page rank - eine enorme Bedeutung zu. Im Internet herrscht keine Ökonomie des Kapitals, sondern eine der Aufmerksamkeit, die ein ebenso knappes Gut darstellt. Soziale Netzwerke, Blogs und vor allem Suchmaschinen lenken und verteilen diese Aufmerksamkeit. Jeder kann nun im Netz publizieren, aber nicht jeder wird wahrgenommen. Aber diese Aufmerksamkeit ist nicht mehr abhängig von einem Verleger, der ein Werk in seinem Verlag erscheinen lässt, sondern vom Grad der Verlinkung, den eine Seite im globalen Dorf des Internets aufweist. Was für die Verlage existenzbedrohend ist, erscheint im Prinzip durchaus sinnvoll: Dass es von einem Kapitalgeber abhängig ist, ob ein Text erscheint, war immer eher wirtschaftlicher Zwang als eine sinnvolle Verknüpfung, und die Entkoppelung von Publikationsmöglichkeit und Kapitaleinsatz wird sicherlich nicht zum stets beschworenen Untergang des Abendlandes führen.

Ähnliches gilt für ein anderes Phänomen des Druckzeitalters, das sich im Internet aufzulösen beginnt: Das "Ganze Werk" wird beim digitalen Reproduzieren häufig in jene Bestandteile aufgelöst, die den Nutzer wirklich interessieren. Auch hier war die Musikbranche am frühesten betroffen. Das Album, das sich als eine Art Gesamtkunstwerk versteht, lädt heute kaum jemand aus dem Netz herunter: Man sucht sich nur die Stücke aus, die man wirklich gut findet. Für alles andere ist der Speicherplatz, aber auch die eigene Zeit zu schade. Es ist absehbar, dass das Album als Publikationsform verschwinden wird.

Ähnliche Entwicklungen sind auch bei Texten aus dem Internet zu beobachten.[10] Die Redundanz seriell reproduzierter Texte, die ihrer vielseitigen Verwendbarkeit geschuldet war, wird abgelöst durch ein von vornherein selektives Rezeptionsverhalten. Bestes Beispiel sind Reiseführer: Wer früher ein dickes Buch mitschleppte, das auch viele Informationen zu Orten enthielt, die man gar nicht besuchen wollte, der kann heute einfach nur das herunterladen, was er wirklich braucht.

Fußnoten

9.
Vgl. Wolfgang Coy, Von der Gutenbergschen zur Turingschen Galaxis: Jenseits von Buchdruck und Fernsehen. Einleitung zu: M. McLuhan (Anm. 1).
10.
Vgl. Johanna Romberg, Die Revolution des Lesens, in Geo, (2009) 8, S. 82ff.